Letzte Woche war der Lärm noch vorherzusehen. Pünktlich um halb acht morgens brach er los. Auf den Schulwegen stießen fröhliche Kinder in ihre Vuvuzelas, und es herrschte erst wieder Stille, als die Schulglocken zum Unterricht riefen. Jetzt aber ist die Kakofonie aus den Plastiktröten allerorten und jederzeit zu hören, es gibt kein Entrinnen mehr. In Südafrika haben die WM-Ferien begonnen, fünf Wochen schulfrei!

Die Kids sind außer Rand und Band und müssen ihre Vorfreude irgendwie austoben. Die Dissonanzen dieses Instruments bringen das ganze Land zum Vibrieren. Es klingt, als wären sämtliche Elefantenbullen aus den Nationalparks ausgebrochen, um ihre Brunftgefühle hinauszutrompeten. Gnade Gott den Mexikanern, die diesen Freitag im gewaltigen Stadion von Soccer City gegen Bafana Bafana, die »Jungs« aus der Kaprepublik, antreten müssen. Ein akustisches Inferno aus 94.000 Vuvus wird sie vollkommen aus dem Konzept bringen.

Schwarze, weiße und farbige Fans können den Anpfiff kaum noch erwarten, und in Johannesburg, dem Herzzentrum des Turniers, hat die WM-Party längst begonnen. Die Shoppingmalls haben sich in schrillsten Farben aufgedonnert, an jeder Ecke stehen Riesenbälle oder Soccer-Skulpturen, Verkäuferinnen, Kellner, Bankangestellte, alle tragen die grün-gelben Trikots ihrer Nationalelf. An den Straßenkreuzungen springen einem fliegende Händler auf die Motorhaube, um ihre Fan-Artikel loszuwerden. Sie werden erst Ruhe geben, wenn jedes Fahrzeug mit einem Fähnlein beflaggt ist. Der letzte Schrei sind Kondome in den jeweiligen Landesfarben, die über die Außenspiegel gestülpt werden. Die Autos sehen dann aus, als hätten sie bunte Ohren.

Prächtige Stadien, schicke neue Hotels, erweiterte Verkehrsnetze, Schnellbuslinien, eine ultramoderne Informations- und Kommunikationstechnologie – alles ist bereit, die größte Show der Welt kann losgehen. Sogar der Gautrain, der Eilzug zum Johannesburger Flughafen, hat die Jungfernfahrt erfolgreich absolviert. Und die Südafrikaner sind mächtig stolz, dass sie alle Bauten rechtzeitig vollendet haben.

Die notorischen Schwarzseher wollen es noch immer nicht glauben. Sie wollen es nicht für möglich halten, dass die korrupten, unzuverlässigen, saumseligen Afrikaner ein solches Mega-Event tatsächlich wuchten. Auslandskorrespondenten, die Südafrika in den Abgrund schreiben, seit es den WM-Zuschlag erhielt, warnen noch einmal vor den lauernden Chaosmächten: vor wilden Streiks und schwarzen Radikalinskis, die Spielorte wie Kapstadt kurz und klein schlagen wollten, und natürlich vor den Terroristen der al-Qaida, die hinter der Auslinie ihre Sprengsätze präparierten.

Aber der Wind hat sich gedreht, das Land wird in diesen Tagen von einem Optimismus beflügelt wie seit dem Untergang der Apartheid nicht mehr. Unterdessen wundert sich sogar die britische Kampfpresse über die Hochstimmung. Und stellt anerkennend fest, dass ihr Team am Spielort Rustenburg bessere Bedingungen vorfinde als daheim im heiligen Wembley-Stadion. Da muss wohl am Kap schon wieder ein Wunder geschehen sein wie damals, 1994, als Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt wurde.