DIE ZEIT: Frau Ott, Sie haben bereits eine Fassung von Tausendundeiner Nacht übersetzt, die bis zur 282. Nacht geht. Jetzt haben Sie eine neue Handschrift entdeckt, die mit der 283. Nacht einsetzt. Haben wir da die Fortsetzung in der Hand?

Claudia Ott: Die direkte Fortsetzung exakt derselben Handschrift wird man wahrscheinlich nie finden. Aber ich habe eine alte Handschrift entdeckt, besser gesagt, wieder neu entdeckt, die mit der 283. Nacht beginnt. Das kann kein Zufall sein.

ZEIT: Was genau enthält diese Handschrift?

Ott: Erstaunlicherweise nicht einfach ein Fragment von Tausendundeiner Nacht, das irgendwo anfängt und irgendwo aufhört, wie es bei der ersten Handschrift der Fall war. Die Tübinger Handschrift umfasst exakt einen kompletten Erzählzyklus, genannt der Umar-Roman. In diese Geschichte sind nun die für Tausendundeine Nacht typischen Untergeschichten eingeschachtelt. Dieser Ritterroman ist also selbst eine Art Tausendundeine Nacht im Miniaturformat.

ZEIT: Wie ist es möglich, dass man heute noch Handschriften in Uni-Bibliotheken entdecken kann, die vor sich hin schlummern?

Ott: Es gibt in der Orientalistik eine Masse noch nicht erforschter Texte. Das Fach ist klein, und die Textmengen sind riesig.

ZEIT: Sind das alles völlig neue Geschichten, die die deutschen Leser noch nicht kennen?

Ott: Die meisten Geschichten sind bekannt, weil sie – allerdings in wesentlich jüngeren Fassungen – in die Druckausgaben von Tausendundeiner Nacht Eingang gefunden haben. Aber die Geschichten sind in der Tübinger Handschrift, die wahrscheinlich aus der Zeit um 1600 stammt, anders platziert, anders formuliert, die Figuren tragen andere Namen. Vor allem aber ist der Duktus der Erzählung ein anderer. Lebendiger, näher an der Mündlichkeit.

ZEIT: Wenn die Geschichten zum Teil schon bekannt sind, was ist dann das Spektakuläre an Ihrem Fund?

Ott: Wir stehen mit der Tübinger Handschrift an der Wiege von Tausendundeiner Nacht. Wir können erstmals sehen, wie etwa ein Viertel des Werks überhaupt entstanden ist. Nämlich aus einem arabischen Ritterepos des 12. Jahrhunderts, das man stark bearbeitet, die Namen in Fantasienamen geändert und die Handlung enthistorisiert hat. Darüber hinaus wurden Zäsuren eingefügt, an denen die typischen eingeschachtelten Geschichten eingeschoben werden konnten. Schließlich wurde die Einteilung in Nächte vorgenommen, das für Tausendundeine Nacht bestimmende Prinzip. Das Ganze hat man dann in die sehr flexible Rahmenerzählung eingefügt. Die Tübinger Handschrift reicht von der Nacht 283 bis zur Nacht 542, war also offensichtlich ein zweiter von vier Bänden einer ehemals vollständigen Ausgabe von Tausendundeiner Nacht. Und das soll er auch in der Übersetzung werden.