Irgendwann in diesen atemlosen, schnellen Tagen, in denen die Politik so klein aussieht, sind dann doch noch große Sätze gefallen. "In schwierigen Zeiten führt der Weg nicht da entlang, wo die Angst ist." Schöne, staatsmännische Worte. Doch nicht Angela Merkel hat sie gesagt am Ende einer Woche, die ein Befreiungsschlag werden sollte für ihre Regierung, sondern der Grünen-Vorsitzende Jürgen Trittin. Ausgerechnet Trittin, der Lümmel vom Dienst. Trittin saß neben Sigmar Gabriel, Cem Özdemir und Frank-Walter Steinmeier in der Bundespressekonferenz, und sie sagten nicht nur Kanzlersätze, sie hatten auch noch den Mann mitgebracht, der Merkels Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten hätte sein können: Joachim Gauck, den Angela Merkel selbst noch vor vier Monaten anlässlich seines siebzigsten Geburtstags als "Demokratielehrer" gefeiert hatte.

"Ja, man erlebt Überraschungen, meine Damen und Herren", gluckste Gauck. Und dann erzählte er, wie er in der DDR begriffen habe, dass es sich "ganz einfach" in Ohnmacht lebe, "nicht schön, aber einfach", und dass Angst etwas ganz normales sei, aber "dass sie nie der Kompass in einer Krise sein darf, denn Angst macht kleine Augen". Das waren Worte, wie man sie von einem Staatsoberhaupt erhofft und von Berufspolitikern selten hört. Es waren Worte, die ihr Publikum erreichten. Worte, die zur Lage der Kanzlerin selbst passen.

Im Kontrast zur inneren Freiheit dieses Mannes wurden plötzlich die Zwänge der Kanzlerin deutlich, die äußeren wie die selbst aufgelegten. Nicht nur erscheint sie umso gefesselter, je freier er spricht. Sie ist auch binnen weniger Tage das Opfer einer merkwürdigen Form von politischer Schubumkehr geworden: Der Andenpakt, einst mächtiger Männerbund der CDU, hat sich nach dem angekündigten Rückzug von Roland Koch und der Kandidatur von Christian Wulff in einen Klub der Ehemaligen verwandelt. Jürgen Rüttgers, der Chef des größten CDU-Landesverbands, kämpft in Düsseldorf um sein politisches Überleben. Ursula von der Leyen kann sich zwar als Kronprinzessin fühlen, aber doch ganz eindeutig von Merkels Gnaden. Und nun schafft der Nicht-Politiker Gauck mit Worten, was all die Machtprofis nicht geschafft haben: Er bringt das System Merkel ins Wanken. Er kann das, weil sich Merkel in Zeiten der Krise nicht für einen mutigen Weg und auch nicht für einen ängstlichen Weg, sondern einfach für gar keinen Weg entschieden hat.

Merkel hat keine Konkurrenten mehr, aber sie kann sich auch hinter niemandem mehr verstecken. Nun zeigt sich: Durch das System Merkel ist ein politisches Vakuum entstanden und in das strömt nun die Begeisterung für Gauck. 

Am Donnerstag vergangener Woche posiert Merkel neben Kati Witt mit den Medaillengewinnern der Olympischen Winterspiele und der Paralympics auf der Südtreppe im Kanzleramt. Neben Merkels rotem Blazer leuchtet der streichholzrote Schopf von Biathletin Kati Wilhelm. Über die Ticker laufen derweil die ersten Porträts von Heiko von der Leyen als erstem "First Husband". Aufbruchstimmung. Alles sieht danach aus, als ob Ursula von der Leyen Bundespräsidentin würde. "Ich weiß, wie viel Kraft, Nervenstärke und Disziplin das kostet", sagt die Kanzlerin am Stehpult, "der Kopf macht ja auch immer mit in der Phase der Aufregung, und damit sind Sie Vorbilder." Es ist einer dieser typischen Merkel-Sätze in diesen Tagen, ein bisschen kryptisch, ein bisschen verrutscht. Was geht in ihrem Kopf vor?

Am selben Abend präsentiert Merkel im Reichstag zusammen mit Guido Westerwelle und Horst Seehofer ihren Kandidaten: Christian Wulff. Die Inszenierung steht in ziemlich jeder Hinsicht im Gegensatz zum Auftritt Gaucks. Wulff sei jemand, "der einem Wertesystem verhaftet ist, das auch Orientierung gibt", sagt Merkel. "Diese große Aufgabe mit großer Verantwortung reizt mich", erklärt Wulff. Keiner der vier sieht glücklich aus. Wulff wählen, damit Merkel Kanzlerin bleibt, das ist die unausgesprochene Botschaft. Den Beteiligten selbst wird das in seiner ganzen Dramatik vermutlich erst am Wochenende klar, als die ersten Politiker von FDP und CDU erklären, es gebe "keinen Blankoscheck" für den Kandidaten. "Das Signal dieser Kandidatur ist, dass es kein Signal gibt", sagt einer aus dem Kreis der Landesfürsten lakonisch, "Wulff war eben am dransten."

"Wir hatten keine Zeit, noch eine Borte drum herumzustricken"

Mit dem Abgang von Roland Koch war der Niedersachse der letzte von Gewicht unter den CDU-Ministerpräsidenten, sozusagen der Letzte auf der Etage. Wie Koch war er an das Ende seiner Möglichkeiten gekommen, er hatte keine Perspektive mehr, wohl aber destruktives Potenzial. Ihn zu übergehen, hat Merkel nicht gewagt. Also bot sie Wulff die Kandidatur an. Der bat sich Bedenkzeit aus. Als Angela Merkel Ursula von der Leyen wissen ließ, dass sie nicht Bundespräsidentin werden würde, hatte Christian Wulff bereits seit eineinhalb Tagen zugesagt. Vielleicht fand Merkel es ganz in Ordnung, von der Leyen ein bisschen zappeln zu lassen, vielleicht wollte sie das Heft des Handelns in der Hand behalten. Am Ende jedoch sah es so aus: In der Krise wählt Merkel den Weg der Angst, das kleine Karo, die größte Nicht-Zumutung für den eigenen Machterhalt, und genau darin liegt die Zumutung für die Republik. Deshalb setzte mit der Nominierung Wulffs ein Energieabfall ein, der fast körperlich spürbar war, als habe jemand der Politik den Stecker rausgezogen. Mit Wulff soll der Selbstzweck gewählt werden, und das ist zu viel.