Verkörperung der Geschichte: Joachim Gauck, Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten © Sean Gallup/Getty Images

Der eine soll etwas Zukunft repräsentieren, der andere repräsentiert den Mut zur Vergangenheit: der schwerelose Politikbeamte Christian Wulff und Pfarrer Joachim Gauck, die moralgewichtige Verkörperung von Geschichte durch Amt und Biografie. Kurioserweise wirken die frischgebackenen Kandidaten für die Bundespräsidentschaft, als seien sie erfunden, um anzudeuten, worum es dem Althistoriker Christian Meier in seinem jüngsten Buch geht: um die geschichtspolitische Frage nämlich, woraus ein Land seine Zukunft gewinnt und ob die fortdauernde Erinnerung an schlimme Vergangenheiten sein Selbstverständnis bestimmen sollte.

Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns: So heißt das jüngste Buch des 81-jährigen Historikers, der seinen weit über die Zunft hinausreichenden Ruf durch Standardwerke zu Cäsar und Athen begründete. Die Frage nach Niedergang und Neubeginn von politischen Gemeinwesen durchzieht seine Arbeiten. Jenseits von Fachgrenzen hat der Althistoriker Meier diese Frage mit Nachdruck auch an die bundesdeutsche Geschichte seit 1945 gestellt.

Das neue Buch, eine Komposition zweier überarbeiteter Vorträge Meiers, ist nun gewiss kein Ratgeber zur Präsidentschaftswahl und natürlich schon gar nicht in dieser Absicht geschrieben. Es handelt über weite Strecken in der Antike – und von den Lehren, die aus ihr zu ziehen wären. Kann die Erinnerung einer Wiederholung des Schlimmen vorbeugen, ermöglicht sie Katharsis und Verständigung, oder bringt sie, wenn man sie nicht zum Schweigen bringt, neues Schlimmes als Rache aus sich erst hervor? Und stellt sich diese Frage heute noch so?

Die Überlegungen Christian Meiers nehmen gut zweieinhalb Jahrtausende europäischer Historie in den Blick und heben die geradezu regelhafte Üblichkeit hervor, mit der kriegerische Gewalt dem Vergessen anheimgegeben wurde, um dem weiteren Zusammenleben ein tragfähiges Fundament zu bauen. Vor diesem Hintergrund vergegenwärtigt Meier sodann mit Auschwitz den Bruch, der alles ändert, auch die geschichtspolitische Gewohnheit des Vergessens außer Kraft setzt; und schließlich geht der Historiker auf die Jahre der Wiedervereinigung mit ihren Nöten ein, die Geschichte der DDR als zweite deutsche Diktatur aufzuklären und der Republik einen neuen Anfang zu geben.

Cicero versus Weizsäcker: Mit dieser Alternative setzt Meiers Gedankengang durch die Spielräume des Erinnerns, Vergessens, Verdrängens ein. Zwei Tage nach der Ermordung Cäsars, im Jahr 44 vor Christus, beschwört Cicero den römischen Senat, er müsse dem dramatischen Beispiel Athens aus dem Jahre 403 vor Christus folgen, das durch die Entscheidung für eine Amnestie, für das Vergessen den Bürgerkrieg verhinderte und Frieden ermöglichte. Hingegen hielt der damalige deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai 1985 fest, wer sich »der Unmenschlichkeit nicht erinnern« wolle, bleibe »anfällig für neue Ansteckungsgefahren«.

Bald zeigt sich, dass Meier sich für eine Argumentation entscheidet, die diese Alternative aufhebt: Die deutschen Verbrechen der Nazizeit seien in ihrem Ausmaß und ihrer Eigenart weltgeschichtlich so beispiellos gewesen, dass die Gesellschaft sich ihnen erst mit zeitlichem Abstand habe stellen können. Erst also sei das Vergessen gekommen, einhergehend mit einer weitgehenden Amnestie der Täter, dann aber sei nach und nach deutlich geworden, dass es ein Vergessen nicht geben kann. Die Restauration erscheint so als eine Voraussetzung für den Neuanfang. Der erwies: Man kann nicht vergessen, was die Vernunft übersteigt. Das Unvorstellbare bleibt in Erinnerung, weil man nicht anders kann, als sich dagegen zu wehren, dass es geschehen ist.

Am Gang der westdeutschen Nachkriegsjahrzehnte zeigt Christian Meier, dass Gesellschaften beides zugleich tun und lassen, sich also erinnern und doch auch vergessen: etwa indem die allermeisten Westdeutschen mit der Wehrmacht bis in die neunziger Jahre solidarisch blieben, deren Beteiligung an Verbrechen also kaum sehen wollten, während die Auslöschung der europäischen Juden ins Bewusstsein doch Eingang fand, von der in den Nachkriegsjahren fast keiner wissen wollte. Auch die versklavende Kriegsgewalt gegen Polen, der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion blieben allzu lang so gut wie vergessen; und erst jetzt öffnet sich die Erinnerung den Verbrechen sexueller Gewalt.