Pro: Gunhild Lütge glaubt, die Ampel werde helfen, kaschierte Kalorienbomben zu enttarnen

Mag ja sein, dass aufgeklärte Verbraucher nur mit Lupe und Taschenrechner einkaufen gehen sollten. Mit einer Lupe, weil die lächerlich kleine Schrift nicht nur Weitsichtigen zu schaffen macht. Mit einem Taschenrechner, weil die Angaben zu Kalorien, Joule und Inhaltsstoffen zurzeit von manchen Herstellern so kompliziert kombiniert werden, dass selbst Mathelehrer ihre Freude daran haben.

Kostprobe: Wie viele Fitness-Knusper-Flakes darf ein Jugendlicher zum Frühstück vertilgen, wenn eine auf 30 Gramm definierte Portion den Tagesbedarf an Kalorien eines Erwachsenen zu sechs Prozent deckt? Radio Eriwan würde antworten: Hängt ganz davon ab, wie viel er sonst noch so isst. Im Ernst: Wirklich hilfreich sind solche Angaben nicht. Der Fairness halber sei gesagt, dass alle Hersteller, die heute bereits freiwillig Angaben machen, sich positiv von jenen unterscheiden, die gar nichts auf ihre Packungen schreiben.

Dennoch sei den Anhängern der Prozentrechnung gesagt: Es gibt Menschen, und möglicherweise handelt es sich dabei sogar um die Mehrheit, die ganz entspannt einkaufen möchten – ohne sich im Kleingedruckten zu verlieren oder mathematische Formeln zu reaktivieren. Und wer zwischen Beruf und Haushalt gestresst an den Regalen vorbeihetzen muss, will erst recht keine Nährwerttabellen studieren und per Dreisatz sondieren, ob es sich bei den Frühstücksflocken nun um eine kaschierte Kalorienbombe handelt.

Die wichtigsten Informationen sollten schnell erfassbar sein. Das geht am besten mit Farben und wenigen, aber eingängigen Zahlen. Deshalb dachten sich kluge Köpfe die sogenannte Ampelkennzeichnung aus: Sie markiert den Gehalt an Stoffen wie Zucker, Salz oder Fett mit Rot (für viel), Gelb (für mittel) und Grün (für wenig). Doch darüber, welche Form der Kennzeichnung in Europa vorgeschrieben werden soll, ist ein heftiger Streit entbrannt. Nun wird das EU-Parlament die Richtung vorgeben.

Zu plakativ und irreführend, kritisieren die Gegner der Ampellösung. Wichtige Lebensmittel erhielten das rote Stoppsignal, obwohl sie gut für die Gesundheit seien, wie beispielsweise Olivenöl oder manche Fischsorten. Aber auch fettarme Margarine bekomme Rot verpasst, obwohl sie sich doch eindeutig von Butter unterscheide. Verständlich, dass vor allem die Süßwarenindustrie gegen die Ampelfarben wettert. Zucker ist ein Hauptbestandteil ihrer Produkte, denen deshalb allesamt ein roter Punkt droht.

Doch seltsam: Während die Ernährungsindustrie zu anderen Gelegenheiten gern darauf verweist, wie aufgeklärt die Verbraucher seien, hält sie ihn in diesem Fall für dumm. Dabei werden die Kunden das Naschzeug doch nicht deshalb meiden, weil plötzlich ein roter Punkt draufsteht. Wer süße Sachen kauft, der weiß auch heute schon, dass man sie in Maßen genießen sollte. Und wer trotzdem zu viel davon isst, braucht professionelle Beratung. Da helfen keine roten Punkte. Wieso aber dann überhaupt die Ampel?

Bedeutend wird sie dann, wenn der Nährstoffgehalt nicht so offensichtlich ist. Bei Milchprodukten etwa, bei vorgefertigten Müslis oder Flocken, die in allen möglichen Varianten angeboten werden. Diese Produkte sind besonders verführerisch, weil ihre Liebhaber häufig davon ausgehen, dass sie sich damit gesund ernähren. Ebenso nützlich wäre die Ampel bei Tiefkühlkost und Fertigprodukten, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen; darunter vor allem Pizzen, aber auch komplett zubereitete Gerichte.

Nun geht es nicht darum, die Schnellküche zu verteufeln. Die Konsumenten sollten nur – ohne aufwendige Rechnerei – erfahren, ob ein Angriff auf ihre Figur droht – oder besonders viel Salz verwendet wurde. Wer um seine kleinen Verfehlungen weiß, kann sie bei der nächsten Gelegenheit korrigieren.

Die Zahl der Befürworter eines Ampelsystems ist im Zuge der zähen Auseinandersetzung innerhalb der EU gestiegen. Kinderärzte wollen die Ampel, Eltern, Krankenkassen und Verbraucherverbände sowieso.

Wen das alles noch nicht überzeugt, dem sollte zu denken geben, dass die Kosten, verursacht durch ernährungsbedingte Krankheiten in Deutschland, mittlerweile auf rund 70 Milliarden Euro geschätzt werden. Pro Jahr.