Die Frage: Karl und Antonia gehen nebeneinander durch eine schmale Gasse auf die Hauptstraße zu. Antonia hört ein Motorengeräusch. Ein Auto fährt im Schritttempo hinter den beiden her. Antonia möchte den Wagen vorbei lassen, aber Karl macht keine Anstalten, zur Seite zu treten. "Da fährt jemand hinter uns!", sagt Antonia. "Ich weiß", sagt Karl und geht weiter. "Warum bist du so rücksichtslos?", empört sich Antonia. "Ich bin nicht rücksichtslos", sagt Karl. "Hier ist Fußgängerzone, außerdem ist der Weg zu schmal, um zu überholen." – "Immer bist du im Recht!", sagt Antonia. Nun ist Karl genervt: "Ich verstehe nicht, warum du uns den Abend verdirbst, jeder andere liegt dir offenbar mehr am Herzen als ich!" Beide hüllen sich daraufhin in gekränktes Schweigen. Karl geht zur Seite, mit vorwurfsvollem Gesicht.

Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Menschen, vor allem Männer, bauen im Verkehr kleine Fürstentümer im Kopf auf. Wer die Lage anders sieht als sie, begeht Majestätsbeleidigung. Wie entspannt ein Paar die Rollen von Fahrer und Beifahrer ausfüllen kann, ist ein guter Indikator für ihre Fähigkeit, mit Größenfantasien des Partners umzugehen. Bei Karl und Antonia werden die Spannungen in diesem Bereich auch dann noch deutlich, wenn sie zu Fuß unterwegs sind. In der Meinungsverschiedenheit geht es darum, ob man einem Auto ausweicht oder es zum Schritttempo zwingt, weil man selbst im Recht ist. Nicht diese Debatte ist das Problem, sondern die Humorlosigkeit, welche sie beherrscht. In ihr geht auch verloren, dass Antonia, indem sie Karls Rechthaberei attackiert, ihre eigene Nähe zur eingebauten Vorfahrt dokumentiert.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE.

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de