Martenstein "Immer, wenn ich Polizeiautos sehe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen"
Harald Martenstein will am Steuer alles richtig machen und fällt gerade deshalb auf.
Den Führerschein habe ich nun schon recht lange. In dieser langen Zeit bin ich drei Mal von der Polizei angehalten und einer Alkoholkontrolle unterzogen worden, immer mit negativem Ergebnis. Eigentlich erstaunlich. Ich gebe zu: Ich bin auch schon unter Alkoholeinfluss gefahren. Ich weiß, dass es falsch ist, ich bin nicht stolz darauf, aber ich gebe zu, dass ich es getan habe.
So. Und was jetzt? Ladet ihr mich jetzt zum Kirchentag ein?
Die Menschen sind schon ein seltsames Völkchen. Sobald man zugibt, und zwar freiwillig, ohne jeden Druck, dass man kein Heiliger ist, Fehler macht, Mist baut, wie etwa 99 Prozent der Mitmenschen auch, fällt ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung über einen her, als ob man ganz persönlich soeben die Sünde erfunden hätte und als ob sie selber ohne Fehl und Tadel wären. Ich behaupte doch nicht, dass ich ein Vorbild bin. Dafür, dass die Polizei mich nicht erwischt hat, kann ich doch nichts, das könnt ihr mir unmöglich zum Vorwurf machen.
In zwei der drei Fälle bin ich der Polizei aufgefallen, weil ich zu langsam gefahren bin. Es war auf der Autobahn. Sie haben oben auf ihren Polizeiautos so eine Leuchtschrift – "Bitte anhalten!", oder so ähnlich –, diese Leuchtschrift haben sie angeknipst, ich bin auf den nächsten Parkplatz gefahren, die Polizisten stiegen aus. Ich habe gefragt, was ich falsch gemacht habe. Der Polizist sagte: "Sie fahren langsam, höchstens 90 Kilometer." Ich habe gesagt: "Das ist nicht verboten, oder?" Der Polizist sagte Nein, verboten sei dieses Verhalten nicht. Aber verdächtig. Sie hätten in ihrem Polizistenleben die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auffällig unauffällig aufführen, oft etwas zu verbergen haben. Wer zum Beispiel gerade eben ein Auto gestohlen hat oder wer sternhagelvoll ist, der würde doch niemals mit 140 Sachen ganz locker ein Polizeifahrzeug überholen. So jemand macht sich klein, wie ein Mäuschen. Und genau deswegen würde er jetzt gerne meine Papiere sehen, und in das Röhrchen dürfe ich auch pusten, freiwillig, andernfalls lade er mich zu einer unfreiwilligen Blutprobe ins Revier ein.
Wie gesagt, ich war so clean wie ein neugeborenes Baby. Die Argumentationskette des Polizisten hat mir aber eingeleuchtet. Mein Problem ist, dass ich, wenn ich Polizeiautos sehe, immer ein schlechtes Gewissen bekomme. Ich denke dann sofort: "Mache ich alles richtig? Falle ich denen auf? Die merken doch garantiert, was ich für einer bin." Mir schießen blitzartig all die Dinge in den Kopf, die ich im Straßenverkehr jemals falsch gemacht habe, ich will es in diesem Augenblick garantiert richtig machen – und genau deswegen falle ich auf. Ich habe zu viel Respekt vor denen, zu viele Skrupel. Die richtig üblen Typen kriegen sie nie, sage ich mir, obwohl ich in Wirklichkeit vielleicht einer von den richtig üblen Typen bin. Man selber ist ja oft der Letzte, der es mitbekommt.
Wenn ich getrunken habe, fahre ich offenbar so, wie es sich gehört. Immer, wenn mal wieder ein prominenter Übeltäter bei irgendwas erwischt wird, muss ich daran denken, bei wie vielen Dingen ich nicht erwischt worden bin und bei wie vielen Dingen all die anderen nicht erwischt worden sind, denn es kann einfach nicht sein, dass all die anderen, von denen man nichts weiß, sich immer bei allem okay verhalten. Vielleicht hat die erwischte Person es nur ein einziges Mal getan? Oder hundert Mal? Und ein anderer Prominenter hat es tausend Mal getan, nur, er wird nie erwischt?
Erwischt zu werden hat, so gesehen, nicht viel zu bedeuten.
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 10.06.2010 - 06:50 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 10.06.2010 Nr. 24
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Martenstein mäandriert gewohnt launig um ein Thema herum, das der Volksmund mit dem sogenannten 11. Gebot schon lange auf den Punkt gebracht hat: Du sollst dich nicht lassen erwischen!
Sie nennen es Kolumne, Reportage oder Argumentation.
Sie nennen es Kolumne, Reportage oder Argumentation.
Der unerschütterliche Glauben der meisten Bürger, immer alles richtig zu machen, fällt besonders auf, wenn sie mehr Überwachung und schärfere Strafen für alle möglichen Verkehrsregelverstöße fordern. Gemeint sind aber immer die anderen: Wer auch nur ein wenig schneller fährt, als erlaubt, heißt im Volksmund unwidersprochen "Raser".
Dabei sind diejenigen, die wirklich ab Ortsschild "50" oder ab entsprechendem verbeultem Baustellenschild "30" fahren, seltene Exoten, die darob leicht Auffahrunfälle provozieren.
naja, ich finde die kolumne lesenswert und gut aber das ist für einen martenstein ein schritt nach hinten, oder überhaupt kein schritt, weil ja sonst immer was "lustiges" oder jedenfalls amüsantes zubereitet und aufgetischt wird. in der suppe ist mir zu wenig liebe drin und zuviel maggi.
Vielleicht hätte M. beim Schreiben ein Schlückchen trinken sollen?
Sie nennen es Kolumne, Reportage oder Argumentation.
Sachbeschädigung, Rauschgiftkriminalität, Wirtschaftskriminalität, Gewalt, Diebstahl, Einbrüche, Raub etc. Polizeialltag. Und Max Mustermann, der diese dunkle Welt unter dem Sahnehäubchen nicht kennt, denkt am Steuer immer noch, er sei ein schlimmer Bursche und hat Angst vor der Polizei. Warum nur? :)
@azenion:
Das hatte ich mal in einer ADAC Motorwelt in den 70er Jahren gelesen: Eigentlich sind die Langsamfahrer Schuld an den Unfällen, weil die Raser nicht mit ihnen rechnen. Damals gab es, glaube ich, ca. 7000 Verkehrstote im Jahr.
Weil er in einer Fahrschule war ?
Das Gewissen fährt immer mit. Außer man fährt viel zu schnell. Seinen Schutzengel hängt man dabei auch ab, wie mir mein Fahrlehrer sagte.
Wer vorher Zweirad fährt ist lockerer. Ich kenne keine Raser, im Auto, die Zweiradfahrer waren. Was nicht unbedingt ein Beleg für deren vernünftige Fahrweise auf dem Motorrad ist, aber irgendwie weiß man da, daß sich das mit Autofahren sowieso nicht vergleichen lässt und Geschwindigkeit findet dann von Hause aus mehr am Tacho statt. Einen Leichtkraftrad Schein hatte ich schon als ich bei gleicher Theorie den fürs Auto machte, was bestimmt vorteilhaft war.
Das Gewissen ist aber eine seltsame Sache, so insgesamt. Ich hatte, nun muß ich um Diskretion bitten, da ich sonst Gewissensnöte bekommen könnte und weil das evtl. schockierend für meinen Fahrlehrer ist, ich habe unmittelbar vor der Prüfung einen Joint geraucht !
Musste sein.
Weil ich meinen Ausweis vergessen hatte, und durch den Umweg, von der Arbeit noch schnell nach Hause zu müssen, wo ich sowieso nur kurz für die Prüfung frei nehmen konnte, war ich ziemlich im Stress.
So schien mir das sicherer, Gewissenstechnisch. Wer unter Stress steht, soll ja möglichst nicht am Verkehr teilnehmen. Hat gut geklappt, nur mein Fahrlehrer hatte bereits die Augen geschlossen und dachte "das war's", wegen des Außenspiegel. Dabei wären da locker noch 2mm drin gewesen.
Aber zu schnell fahren, pfui, nie.
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