Nürnberg Weltkulturerbe "Wir sind der Ort der Täter"
Nürnberg will mit seiner NS-Geschichte Weltkulturerbe werden. Der Oberbürgermeister Ulrich Maly erklärt, warum
DIE ZEIT: Die Stadt Nürnberg bewirbt sich seit 1998 um Aufnahme in die Weltkulturerbeliste der Unesco, mit seiner Altstadt, der Stadtmauer, seinen Kirchen. Nun wagt die Stadt einen neuen Anlauf, sie bewirbt sich als Stadt der Menschenrechte. Wie soll man das verstehen?
Ulrich Maly: Den vorangegangenen Versuchen bin ich stets skeptisch gegenübergestanden. Auch weil hier im Krieg sehr viel zerstört wurde und historische Bauten nicht mehr original erhalten sind. Nürnberg als Stadt der Menschenrechte aber räume ich Chancen ein, weil es mittlerweile unstrittig ist, dass die Weltstrafgerichtsbarkeit, die sich heute in Den Haag manifestiert, im Zuge der Nürnberger Prozesse entstanden ist. Wir glauben, dass der Schwurgerichtssaal 600 im Justizgebäude, wo die Prozesse stattgefunden haben, ein kulturell und historisch einzigartiger Ort ist.
ZEIT: Nürnberg hat eine Straße der Menschenrechte gebaut und vergibt einen Menschenrechtspreis. Was aber hat die Stadt zu dem Thema inhaltlich beizutragen?
Maly: Den Anspruch, Menschenrechte nicht erst acht Flugstunden entfernt von hier einzufordern, sondern auch vor der eigenen Haustüre zu kehren. Wir haben eine aktive Integrationspolitik, wir kümmern uns um den alltäglichen Rassismus, den es auch in deutschen Städten gibt. Zudem arbeiten wir an einer Dokumentationsstelle über die Nürnberger Prozesse, um vor Ort die Bedeutung des internationalen Strafrechts zu erläutern.
ZEIT: Mit Nürnberg verbindet man neben den Prozessen auch Rassegesetze und Reichsparteitage der NSDAP.
Maly: Bei den Ereignissen, die sich in Nürnberg abgespielt haben, handelt es sich ja eher um Weltunkultur denn um Weltkulturerbe. Aber sie spielen natürlich eine Rolle. Zwar ist mittlerweile relativ sicher geklärt, dass die Standortfrage der Prozesse nichts mit der Vorgeschichte der Reichsparteitage zu tun hatte, sondern von den Alliierten nach pragmatischen Gesichtspunkten entschieden wurde; trotzdem muss man die historische Ereigniskette als Ganzes sehen. Wir sind der Ort der Täter – von den sogenannten Rassegesetzen über die Masseninszenierung der Reichsparteitage bis zur Verurteilung der Hauptkriegsverbrecher.
ZEIT: Setzt sich die Stadt durch die positive Wendung als Stadt der Menschenrechte nicht dem Verdacht aus, negative Ereignisse auszublenden?
Maly: Im Gegenteil. Wir nehmen für uns in Anspruch, dass wir mit der Dokumentation der Vergangenheit deutlich früher dran waren als andere. Während unsere Ausstellung zu den Reichsparteitagen schon zehnten Geburtstag hat, steckt die Dokumentation der »Hauptstadt der Bewegung« – München – immer noch in der Planungsphase.
ZEIT: Ihr Vorgänger von der CSU hat 1996 gesagt, man müsse nach vorn blicken, woanders spreche man auch nicht mehr über die Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs.
Maly: Das hat er gesagt – aber dann während seiner Amtszeit sehr schnell dazugelernt und etwa das Dokuzentrum am Reichsparteitagsgelände eröffnet.
- Datum 22.06.2010 - 16:16 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2010 Nr. 24
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Mag es theoretisch gut klingen, so ist weder Nürnberg noch Deutschland an sich dafür reif. Auch nach all den Jahren nicht. Die Zeit vergeht, aber anders als die Nachbarländer wird Geschichte hier nur mangelnd (wenn überhaupt) aufgearbeitet. Politische Themen werden der Vergangenheitsbewältigung und dr Auseinandersetzung mit selbiger, vorgezogen.
Eben erst erschien ein Artikel, bei dem Zuse als böser Nazi(helfer) deklariert wurde.
Verklärte anstatt verarbeitete Wirklichkeit.
ob die sich auf Ort der Täter definieren lassen wollen.
Eher als Reichsparteitag fällt mit bei Nürnberg doch immer noch Lebkuchen ein und das dürfte in der breiten Bevölkerung ähnlich sein. Wenn die Medien nicht ständig sich am 3.Reich abarbeiten wollten und dabei die alten NS-Losungen "Stadt der Reichsparteitage" witertransportierten. Wohl mangels anderer mainstream-gängiger Themen.
In der Tat. Denn dort wurde die NS Führung ohne juristische Basis (nulla poena sine lege!) und teilweise unter Folter (siehe bspw. Rudolf Franz Ferdinand Höss) verurteilt, die "Nuremberg Trials" waren nichts als Schauprozess um von den wirklichen Problemen abzulenken - auch unschuldige kamen dabei ums Leben (siehe bspw. Alfred Jodl).
Teilweise entfernt. Bitte vermeiden Sie polemische Pauschalisierungen. Die Redaktion/sh
Entfernt. Verzichten Sie auf hetzerische Behauptungen und überzeugen Sie stattdessen mit sachlichen Meinungen. Danke. Die Redaktion/sh
fällt mir bei Nürnberg auch als erstes ein, der Christkindelmarkt und eine schöne Altstadt. Warum muß man denn bei allen erdenklichen Gelegenheiten immer dieses Kapitel anbringen.
Eine durchweg und uneingeschraenkt unterstuetzendswerte Initiative, die, so hoffe ich, parteiuebergreifend aufgegriffen wird und nicht zur einseitigen parteiplolitischen Profilierung genutzt wird.
Die deutsche Gesellschaft hat die Chance und die Verantwortung sich weiterhin den Konsequenzen des eigenen historischen Unrechtsystems zu stellen und an anderer Stelle heute zu mahnen.
Mich stört Herrn Malys Geschichtsbild: Die Stadt und ihre damalige Bedeutung wurden bewusst von der NS-Propaganda und später auch von den Alliierten instrumentalisiert! Es ist das Problem der Stadt, dass sie seit Jahrhunderten mit ideologisch aufgeladenen Titulaturen überfrachtet wird. Da mach „Stadt der Menschenrechte“ keine Ausnahme.... Die hier vorgebrachte Argumentation geht in etwa so: Früher ganz böse, heute ganz gut. Das hat doch keine Basis. Eine respektvolle und differenzierte Aufarbeitung sieht für mich anders aus!
Als Volkswirt denkt Herr Maly natürlich an enorm teuere Sanierung des Reichsparteitagsgeländes. Das kann von der Stadt nicht alleine gestemmt werden und ist eine gesamtdeutsche Aufgabe. Aber hierfür braucht man keinen Weltkulturerbetitel! Der UNESCO-Zuschuss ist fast nicht existent. Das Geld käme so und so aus Bundesmitteln.
Wer die Zukunft der Stadt auf diesem Areal sucht, der irrt!
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