Selbst wenn es wahr sein sollte: Darf man es aussprechen? Darf man der Welt mitteilen, dass sie auf eine Katastrophe zutreibt und den Zeitpunkt zum Umsteuern verpasst hat? Oder müsste, wer das glaubt, nicht besser schweigen – und sei es nur um einer noch so kleinen Möglichkeit willen, dass er sich vielleicht doch irren könnte?

Yvo de Boer, der scheidende Klimasekretär der Vereinten Nationen, der stille, sachkundige Manager der globalen Umweltdiplomatie, hat soeben erklärt, es werde aus seiner Sicht "keine ausreichenden Ziele für die Minderung von Treibhausgasen" geben. Nicht jetzt, bei der Klimakonferenz in Bonn, wo die Unterhändler in dieser Woche die Scherben von Kopenhagen besichtigen. Nicht beim Klimagipfel Ende des Jahre im mexikanischen Cancún. Und, viel schlimmer, "im nächsten Jahrzehnt" überhaupt nicht mehr.

Auf lange Sicht, fügte de Boer hinzu, sei er dennoch optimistisch. Doch das ist wohl nur eine Floskel. Die Kosten eines wirksamen Klimaschutzes steigen schnell. Verzögerte die Welt die Trendwende auch nur bis 2020, bedürfte es fortan jedes Jahr aufs Neue einer Anstrengung, die "mit der Mobilisierung der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs vergleichbar" sei – das schrieben Experten der Bundesregierung vor Kopenhagen. Kaum vorstellbar, dass dieselben Staaten, denen ein Klimaabkommen heute zu teuer ist, sich in zehn Jahren zu solch einem globalen Kraftakt bereitfinden werden. De Boers Urteil über den Klimaschutz des kommenden Jahrzehnts, sollte es zutreffen, dürfte daher auch weiter gültig sein.

Auf den ersten Blick passt diese Hiobsbotschaft nicht in eine Welt, die Windkraftwerke auf hoher See baut und in der Wüste Solaranlagen plant. Auf den zweiten Blick ist das kein Widerspruch – ein bisschen grün reicht nicht mehr. Die Welt von morgen dürfte, aus heutiger Sicht, ein heterogenes Gebilde werden, hier reich, da arm, hier ökologisch fortschrittlich, dort rückständig, und mit einer Umweltpolitik, die sich eher um regionale als um globale Probleme kümmert. Klingt nicht so übel? Es sind die charakteristischen Eigenschaften eines Katastrophenszenarios des Klimarats. Sollte es so kommen, würde die globale Durchschnittstemperatur am Ende des Jahrhunderts drei bis vier Grad über der heutigen liegen und weiter rasant steigen.

Wenn Yvo de Boer recht hat, dann ist diese Zukunft kaum noch abzuwenden. Nach seiner Deutung ist der Gipfel in Kopenhagen nicht an mangelndem Verhandlungsgeschick und schlechten Vorarbeiten gescheitert, sondern an stabilen nationalen Interessenlagen. In den USA ist selbst das wenige an Klimaschutz, das Barack Obama in Kopenhagen angeboten hat, nicht mehrheitsfähig. China und Indien setzen klare Prioritäten: Das Klima ist wichtig, Wachstum ist wichtiger. Und Europa wird seine Wirtschaft kaum dauerhaft mit Umweltauflagen belasten, wenn der Rest der Welt nicht mitzieht.

Was bedeutet das – ökologisch, ökonomisch, politisch?

Die ökologischen Folgen eines forcierten Klimawandels sind zur Genüge beschrieben, wobei man sich nun wohl an den weniger günstigen Szenarien des Weltklimarats orientieren muss. Die ökonomischen Folgen sind im Prinzip ebenfalls bekannt: Hochwasserschutz, Umsiedlung und andere Anpassungsmaßnahmen werden Ressourcen verschlingen, die für den Klimaschutz nicht mehr zur Verfügung stehen. Und es wäre optimistisch anzunehmen, dass diese Anpassungskosten überall mit Geld zu entrichten sind. In ärmeren Regionen wird es Menschenleben kosten.