Wohin ein Mensch will, sieht man am besten daran, woher er kommt. "Wo gehen wir hin? Immer nach Hause!" lautete ein geflügeltes Dichterwort in jener Aufbruchszeit des 18. und 19. Jahrhunderts, als so mancher Intellektuelle das Christentum hinter sich lassen wollte und doch nicht ganz davon loskam. Selbst Friedrich Nietzsche vermochte seine berühmte Botschaft vom Tod Gottes nur im Brustton der Verzweiflung kundzutun: Gott ist tot, und wir haben ihn ermordet. Das war die Wehklage, die später erst als Schlachtruf kursierte. Zwar bemühte sich Nietzsche auch um höhnische Pointen gegen die Religion, er predigte, wer freie Luft atmen wolle, dürfe nicht in die Kirche gehen, und Glaube sei bloß Angst vor der Wahrheit. Gerade in solchen Attacken zeigte sich aber, wie sehr der Nihilist Pfarrerssohn war. Erstaunlicherweise hat er nie etwas Schlechtes über sein evangelisches Vaterhaus gesagt. Die heimatliche Pfarrei in dem kleinen Dorf Röcken, damals zur preußischen Provinz Sachsen gehörig, beschrieb er geradezu liebevoll: "Es ist das beste Stück idealen Lebens, welches ich kennengelernt habe; von Kindesbeinen an bin ich ihm nachgegangen, in viele Winkel, und ich glaube, ich bin nie im Herzen gegen dasselbe gewesen."

Das Pfarrhaus als Herzensheimat: In der deutschen Geistesgeschichte steht es efeubewachsen, fliederüberblüht, eichenbewacht da und repräsentiert auf sentimentale Weise die Anschlussfähigkeit christlicher Tugenden für die Neuzeit. Ein Familienidyll in dünn besiedelter Landschaft. Ein Gesellschaftsideal mit Klavier. Ein Kinderspielplatz mit angeschlossener theologischer Bibliothek. Dorther kamen Geistesgrößen wie Gottsched, Lessing, Wieland, Schleiermacher, die Schlegels, die Schellings, Jean Paul, Jakob Burckhardt, Hermann Hesse, Gottfried Benn. Zwar hatte nicht jedes berühmte Pfarrerskind ein so schwieriges Verhältnis zum Christengott wie Nietzsche, aber oft blieb spürbar: Auch das Genie entflieht seiner als beengend empfundenen geistigen Heimat nur schwer. Noch die stolzesten Pläne, die wildesten Sehnsüchte entstanden im Ringen mit dem geliebten verhassten Urbild protestantischer Bürgerlichkeit. Das Pfarrhaus als Hort der Bildung, des Disputes, der Alltagstapferkeit hat seit je das Verhältnis des Einzelnen zur Welt auf die Probe gestellt. Und das Pfarrhaus als Quelle politischer Moral funktioniert offenbar heute noch als Kaderschmiede.

Dass die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel dort geboren wurde, ist rein statistisch nicht verwunderlich. Aber dass nun auch der nächste Bundespräsident ein gelernter Pfarrer sein könnte, dem trotz der jüngsten Kirchenkrise die Sympathien zufliegen, das ist schon erstaunlich. Sind die Deutschen im Grunde ihres Herzens protestantische Pfarrerstöchter? Oder bringt ein Joachim Gauck als studierter Theologe und ordinierter Seelsorger einfach Tugenden mit, die ihn fürs oberste Amt im Staate besser geeignet erscheinen lassen als einen Berufspolitiker?

Er selbst bezieht die Welle der Begeisterung nicht so sehr auf seine Person wie auf seine Rolle als ehemaliger Pfarrer. Wenn man ihn auf die vielen positiven Reaktionen im Internet anspricht und auf die neuen Fans aus der Generation Facebook, dann sagt er, dass wahrscheinlich nicht dieser Gauck das Interessante sei. "Ich deute die Zustimmung als tiefe Sehnsucht nach einer Demokratie, an die man glauben kann." Dazu sei Vertrauen nötig, von dem das Politikgeschäft sich abgekoppelt habe. Wo hat Gauck, geboren im Kriegsjahr 1940, sein Vertrauen her? "Mein Christsein begann mit der elementaren Nachkriegssehnsucht, dass unser Land nicht so bleiben konnte, wie es war, äußerlich zerstört und innerlich zerrüttet. Wer sich wie ich als Kind unbehaust gefühlt hat, bei dem entstand aus dieser Unbehaustheit vielleicht der Wunsch, dass künftig Mitmenschlichkeit und nicht Terror regieren möge." Zu dieser Sehnsucht kam irgendwann die christliche Botschaft hinzu, dass eine andere Welt möglich ist.

Vielleicht besteht darin das Bestechende eines pfarrherrlichen Bundespräsidenten in spe: Gauck hat von Haus aus Hoffnung. "Mein Hoffnungsüberschuss war sicher der Grund, warum ich damals in der DDR blieb, sogar als meine Kinder in den Westen gingen." Die 1989er-Revolution war dann wie eine Bestätigung. "Da zeigte sich, dass die Wahrheit nicht immer bei der Mehrheit und schon gar nicht bei den Mächtigen liegen muss. Indem wir riefen: Wir sind das Volk!, lernte jeder Einzelne: ›Ich bin Bürger!‹" Und dann? Was nützen einem die Erfahrungen aus der Pfarrerszeit in Lüssow, einem Kaff mit wenigen Hundert Einwohnern, in der Berliner Volkskammer? Was nützt einem die Plattenbauzeit in einer winzigen Kirchenoase inmitten der Betonwüste von Rostock-Evershagen, wenn man Stasiakten verwalten soll? Die Begegnung mit der Wirklichkeit, sagt Gauck, nütze einem immer. In der sozialistischen Provinz konnte man lernen, wie Opportunismus funktioniert – für wie wenig Aufstieg wie viel Verrat geübt wurde. "Dass der Mensch sich nicht von Furcht regieren lassen darf, dass er keine Schicksalsmasse ist, die von oben verwaltet wird, sondern sich ermächtigen kann – das predige ich auch ohne Pfarramt und ohne Bundespräsidentenkandidatur."

Wenn einer wie Gauck seinen Weg aus der Kirche ins politische Leben beschreibt, dann erzählt er keine lustigen Pfarrhausanekdoten, aber man erkennt doch die Prägung, man hört das tradierte Weltveränderungpathos. Gaucks Stärke besteht darin, dass er das Pathetische nüchtern formulieren kann, zum Beispiel sein Credo: "Kirche ist man nicht für sich selbst".

Friedrich Schorlemmer kann das bestätigen. Der prominenteste Oppositionspfarrer der DDR steht politisch weit links von dem Konservativen Gauck, aber in dem Selbstverständnis, dass es eine Pflicht zur Einmischung gibt, ist das einstige Mitglied der Ost-SPD dem einstigen Führungsmann vom Neuen Forum nahe. Pfarrersein war für Schorlemmer, geboren 1944, schon immer etwas Politisches. "Ich schaue in die Schrift, dann in die Zeitung, und dann kann ich mich nicht mehr raushalten." Wer die Bibel studiert habe, der müsse zum Sozialrevolutionär werden. So weit würde Gauck vielleicht nicht gehen, trotzdem passt auf ihn dieses revoluzzerhafte und in Krisenzeiten aktuelle Schorlemmer-Wort: "Ein Pfarrer muss etwas Querköpfiges haben." Warum? Weil er aus einer verqueren Situation kommt.