DIE ZEIT: Herr Prinz, Sie sind von Hause aus Psychologe. Von Ihrem Fenster am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften blicken Sie auf drei große Gebäude, in denen moderne Hirnscanner untergebracht sind. Wofür brauchen Sie die?

Wolfgang Prinz: Ich muss Ihnen gestehen, dass ich die Hirnscanner gar nicht so häufig nutze, wie man es vielleicht erwarten würde. Denn in meiner Abteilung Experimentelle Psychologie – einer von vier Abteilungen hier am MPI – untersuchen wir vor allem Beziehungen zwischen Wahrnehmung und Handlung. Und da kommt es sehr viel mehr auf kluge psychologische Fragestellungen an als auf das Scannen von Gehirnen.

ZEIT: Dabei sind die bunten Bilder aus der Kernspintomografie doch enorm populär. Wird deren Erkenntnisgewinn überschätzt?

Prinz: Ich glaube, dass das Scannen von Hirnen für viele Fragen wenig hergibt – etwa für die Frage der Willensfreiheit oder die Frage, wie materielle und geistige Prozesse zusammenhängen. Dennoch bleibt es dabei, dass die Kernspintomografie eine enorme Bereicherung unserer methodischen Möglichkeiten ist. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass sie am Ende der Psychologie sehr viel mehr nützt als der Hirnforschung.

ZEIT: Wie dürfen wir das verstehen?

Prinz: Ein zentrales Ziel kognitiver Hirnforschung müsste doch sein, herauszufinden, wie Hirne intentionale Zustände ausbilden, einen Bezug auf die Welt. Wie geht das? Wie können meine inneren Zustände auf etwas in der äußeren Welt referieren? Das ist das Kardinalproblem funktioneller Hirnforschung – und darauf hat niemand eine befriedigende Antwort.

ZEIT: Was bringen uns denn die Fortschritte der Hirnforschung – und was nicht?

Prinz: Die Hirnforschung liefert uns neue hilfreiche Untersuchungsmethoden. Aber in den entscheidenden Fragen sind wir kaum weitergekommen. Schon die Idee, dass die Hirnforschung unser Verhalten und Erleben erklären könne, halte ich für verfehlt.

ZEIT: Ein Hirnforscher würde darauf vielleicht antworten, er könnte geistige Prozesse auf neuronale Aktivitäten zurückführen.

Prinz: Zurückführen ja, erklären nein. Nehmen wir einmal an, ein Hirnforscher könnte die Fähigkeit zur Lösung einer schwierigen Quizfrage auf die Aktivität bestimmter Hirnareale zurückführen. Damit hat er zwar ein korrelatives Wissen darüber, wo im Gehirn das Problem bearbeitet wird. Aber er hat damit ja noch nicht verstanden, wie und warum ein Kandidat diese Frage beantworten kann – und ein anderer Kandidat eben nicht. Dazu müsste man nämlich unter anderem verstehen, welches Wissen, welche Erfahrung und welche kognitiven Kompetenzen eine Person im Laufe ihres Lebens erworben hat. Und genau das kann mir die Hirnforschung ja nicht beantworten.

ZEIT: Geht es also um den alten Streit Natur versus Kultur? Können wir eine Quizfrage beantworten, weil die Großmutter uns bestimmte Gene mitgegeben hat – oder eher, weil sie uns bestimmte Bücher vorgelesen hat?

Prinz: Eine schöne Metapher für diesen alten Streit ist der Taschenrechner. Natürlich kann man sagen: Wenn man dort bestimmte Tasten bedient, kann man damit rechnen. Was darin aber passiert, ist nichts anderes, als dass bestimmte elektronische Zustände realisiert werden. Der Taschenrechner selbst kennt keine Zahlen; die Zahlen schreiben wir ihm erst zu. So ähnlich ist es auch mit Gehirnen. Gehirne sind Maschinen, die von der Evolution so erzogen wurden, dass sie bestimmte Leistungen erbringen in der Interaktion mit ihrer Umwelt. Diese Leistungen – und darauf kommt es mir an – können aber nicht allein aus der Struktur dieser Maschine erklärt werden. Dazu muss man die gesamte Geschichte dieser Interaktionen in Betracht ziehen.

ZEIT: Beim Taschenrechner gibt es aber den Benutzer, der den Zahlen am Ende Sinn zuschreibt. Wo ist bei uns das Subjekt, das den neuronalen Prozessen Sinn zuschreibt?

Prinz: Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Die klassische Antwort lautet: Subjektivität entsteht in jedem Individuum naturwüchsig, sie ist einfach da. Über andere Personen kann ich, das haben uns Philosophen über Jahrhunderte erzählt, erst einmal nichts wissen. Wenn ich also anderen Personen Subjektivität zuschreibe, kann das nur auf einem projektiven Prozess beruhen, auf einer Zuschreibung: "Die anderen müssen wohl genauso sein wie ich." Das ist die klassische Sicht. Ich finde, wir sollten die Sache einmal umdrehen: Vielleicht entdecken wir die Subjektivität zunächst bei anderen und schreiben sie uns erst dann selbst zu.