ZEITmagazin: Frau Franck, welches Erlebnis hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?

Julia Franck: Das ist eine sehr tragische und traurige Geschichte. Ich hatte ja eine sehr unstete und bewegte Kindheit, mit Wochenheim, Pflegefamilien. Dann lernte ich mit 18 einen Jungen kennen. Vier Jahre lang war das eine sehr innige und unglaublich reiche, intensive Liebe. Sie war wie ein Raum, in dem ich zum ersten Mal in meinem Leben zu Hause war. Und ich war voller Kraft und Zuversicht und Lust und Freude. Bis zum 12. Mai 1992. An jenem Tag waren wir in einem Café verabredet. Bereits auf dem Weg dorthin hatte ich Herzrasen und geriet in einen Zustand der absoluten Aufregung und Angst.

ZEITmagazin: Warum?

Franck: Ich spürte, dass er nicht kommen würde. Trotzdem wartete ich den ganzen Nachmittag. Am Abend rief ich seine Eltern an. Sein Vater sagte mir, dass er verunglückt sei – nur wenige Hundert Meter von dem Café entfernt. Er war mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Ein Lastwagenfahrer hatte ihn beim Abbiegen übersehen. Er geriet unter den Laster, und auch der Anhänger rollte noch über ihn. Sein Brustkorb war zusammengedrückt, sein Kopf schwer verletzt. Es gab keine Rettung.

ZEITmagazin: Und Sie waren so stark mit ihm verbunden, dass Sie das gespürt haben?

Franck: Offenbar. Als ich abends seine Eltern anrief, wusste ich bereits, dass er nicht mehr lebte. Sein Tod hat mich auf eine Weise einsam gemacht, wie ich es vorher und nachher nie wieder erlebt habe. Unser gemeinsames Leben war plötzlich abgeschnitten, ohne die Möglichkeit eines Abschieds. In den ersten Wochen hatte ich das Gefühl, selbst nicht mehr leben zu können. Doch im Körper gibt es ein vegetatives System, das weiterlebt, auch wenn dem Menschen nicht zum Leben zumute ist.

ZEITmagazin: Das hat Sie am Leben erhalten?

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Franck: Ich hatte das Gefühl, ich würde immer nur ausatmen. Aber jedes Ausatmen zog im Körper sofort den Reflex des Einatmens nach sich. Monatelang habe ich so gut wie nichts gegessen, aber der Körper versagte nicht. Seine Überlebensreflexe sind überraschend pragmatisch. Daneben hatte ich aber auch typische Symptome einer traumatischen Situation, die ausdrücken, dass der Körper in Gefahr ist. Ich habe ein Jahr lang nicht geblutet. Ich hatte Panikattacken und manchmal Angst, sterben zu müssen. Aber mir war nicht klar, ob das wirklich Angst oder eher eine Sehnsucht nach dem Tod ist. Mein Entscheidungswille erlahmte völlig. Jede Handlung zum Selbstmord hätte eine Entschlusskraft vorausgesetzt, die mir fehlte.

ZEITmagazin: Sie lebten nur noch auf Sparflamme weiter?

Franck: Für Monate, ja. Mein Körper war meine Rettung. Er hielt mich am Leben und hinderte mich zugleich am Selbstmord.