Lars EidingerDer kleine Prinz

Der Berliner Schauspieler Lars Eidinger hat ein Problem: Mit jeder Rolle begeistert er Kritiker und Publikum, doch das reicht ihm nicht von Matthias Kalle

Ein Mann ist auf der Suche nach der Liebe, nach einer Art von Liebe, einer Liebe, die ihn findet und erhebt und die er nicht erwidern muss. Eine einseitige Liebe, die nichts fordert. Die einfach nur da ist.
Wäre das ein guter Stoff für einen Film? Könnte man daraus ein Theaterstück machen? Und wäre das dann eine Komödie oder eine Tragödie?

Wenn man den Schauspieler Lars Eidinger danach fragt, dann sagt er: "Die Suche nach dieser Art Liebe stelle ich mir spannend vor. Die Erfüllung nicht. Da passiert ja dann nichts mehr. Das wäre Stillstand. Diese Art der Liebe ist es nicht wert, erzählt zu werden."

Es ist die letzte Antwort des Schauspielers, nachdem man ihn fast ein Jahr lang begleitet hat. Im August 2009 das erste Treffen in einem Berliner Restaurant. Seit zwei Monaten läuft der Film Alle anderen in den Kinos, seit einem Jahr spielt er den Hamlet an der Schaubühne – er ist der Schauspieler des Moments, jemand, über den man spricht, den man nicht mehr vergisst, wenn man ihn einmal gesehen hat. Sein Hamlet ist ein dicker Irrer, Eidinger wütet, schreit und tobt über die Bühne – und Alle anderen ist das Beziehungsdrama einer Generation, ein großer kleiner Film der Regisseurin Maren Ade. Eidinger spielt neben Birgit Minichmayr die Hauptrolle, die beiden sind ein Paar, Chris und Gitti, sie machen Urlaub auf Sardinien, sie reden, treffen ein anderes Paar, am Ende trennen sie sich. Ade bekam für den Film auf der Berlinale einen Silbernen Bären, Minichmayr wurde zur besten Schauspielerin gewählt – und die Generation der 30-Jährigen saß im Kino und schaute sich selbst beim Scheitern zu. Die Frauen erkannten in Chris ihren eigenen Freund, die Männer erkannten sich selbst, wenn Chris seine Freundin am Anfang des Films fragt: "Findste mich eigentlich männlich?" 

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Das Elend des modernen deutschen Mannes sieht seitdem aus wie Lars Eidinger, von dem Maren Ade, die Regisseurin, die sich die Figur ausgedacht hat, sagt: "Ich wollte von einem modernen Mann erzählen, der eigentlich zu seinen Gefühlen stehen kann, der eigentlich auch darüber hinweg ist, sich mit so etwas wie Männlichkeit zu beschäftigen." Und Ade fand Eidinger, der dieses "eigentlich" dann ohne jeden Zweifel spielte.

Beim ersten Treffen sieht er aus wie jemand, dem die Dinge des Lebens aus Versehen passieren. Wobei, wie bei allem, was zufällig aussieht, auch ein Plan dahinterstecken kann. Aber welcher?

Sein Leben: geboren 1976 in Berlin, aufgewachsen im bürgerlichen Stadtteil Tempelhof. Die Mutter ist Kinderkrankenschwester, der Vater Ingenieur, verantwortlich für die Kühllandschaften in Penny-Märkten, einen Bruder gibt es. Nach dem Abitur geht er an die Schauspielschule Ernst Busch, seit 1999 ist er festes Ensemblemitglied an der Schaubühne. Seit 2000 lebt er mit seiner Frau, einer Opernsängerin, in Charlottenburg. Edna, die gemeinsame Tochter, ist drei Jahre alt und besucht einen Waldkindergarten.

Freunde sagen über Eidinger: unfassbar nett, unprätentiös, unkompliziert. Kritiker sagen: Bald ist er der beste deutsche Schauspieler. Eidinger ist sofort einverstanden, dass wir ihn ein Stück auf seinem Weg begleiten.

Zwei Monate nach dem ersten Treffen dreht Eidinger in München, Polizeiruf 110. Er spielt einen Kommissar, es wird ein einmaliges Gastspiel sein, Eidinger will noch kein Fernsehkommissar sein, nicht regelmäßig. Wir sind im Hey Luigi verabredet, einem Restaurant im Glockenbachviertel, einem von der Sorte, auf das sich alle einigen können, das Publikum besteht aus jungen Journalisten und jungen Fotografen und jungen Kreativen, das Essen ist gut. Auftritt Eidinger. Das bedeutet: kein Auftritt. Eidinger kommt einfach rein, dicke Jacke, Mütze, der Raum verändert sich nicht, alles bleibt, wie es ist, niemand dreht sich nach ihm um. Eidinger redet sofort los.

Er redet von den Dreharbeiten, der Beruf des Fernsehschauspielers sei ein ganz anderer als der des Bühnenschauspielers, das liege an vielen Dingen, vor allem aber daran, dass man niemanden zum Anspielen habe, nur Marken, zu denen man schauen müsse, damit später der Zuschauer denkt, man schaue gerade jemand anderen an. Außerdem müsse man auch nicht wirklich Text lernen, eher so Wörter wie Strafvollzugsbehörde, die müssen dann schon flüssig kommen. Heute hatte Lars Eidinger Probleme mit dem Satz: Kommen Sie rein, setzen Sie sich hin. "Wie sagt man so einen Satz, damit der nicht bescheuert klingt?"

Leserkommentare
    • ben_
    • 10. Juni 2010 14:21 Uhr
    1. Hamlet

    Ah Hamlet! Es wird viel zu wenig Hamlet gespielt, gelesen, vorgelesen, gelehrt in diesem Land. Viel Reden vom Taten und stets den zauderhaften Bedenkenträger geben, aber mal eben das halbe Ensemble binnen fünf Akten unter die Erde bringen, einschließlich der eigenen Freundin und der alten Schulfreunde …

    "Deutschland ist Hamlet" Ferdinand Freiligrath, 1844

    "Hamlet ist Deutschland" G. G. Gervinus, 1849

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