Lars Eidinger Der kleine Prinz

Der Berliner Schauspieler Lars Eidinger hat ein Problem: Mit jeder Rolle begeistert er Kritiker und Publikum, doch das reicht ihm nicht

Ein Mann ist auf der Suche nach der Liebe, nach einer Art von Liebe, einer Liebe, die ihn findet und erhebt und die er nicht erwidern muss. Eine einseitige Liebe, die nichts fordert. Die einfach nur da ist.
Wäre das ein guter Stoff für einen Film? Könnte man daraus ein Theaterstück machen? Und wäre das dann eine Komödie oder eine Tragödie?

Wenn man den Schauspieler Lars Eidinger danach fragt, dann sagt er: "Die Suche nach dieser Art Liebe stelle ich mir spannend vor. Die Erfüllung nicht. Da passiert ja dann nichts mehr. Das wäre Stillstand. Diese Art der Liebe ist es nicht wert, erzählt zu werden."

Es ist die letzte Antwort des Schauspielers, nachdem man ihn fast ein Jahr lang begleitet hat. Im August 2009 das erste Treffen in einem Berliner Restaurant. Seit zwei Monaten läuft der Film Alle anderen in den Kinos, seit einem Jahr spielt er den Hamlet an der Schaubühne – er ist der Schauspieler des Moments, jemand, über den man spricht, den man nicht mehr vergisst, wenn man ihn einmal gesehen hat. Sein Hamlet ist ein dicker Irrer, Eidinger wütet, schreit und tobt über die Bühne – und Alle anderen ist das Beziehungsdrama einer Generation, ein großer kleiner Film der Regisseurin Maren Ade. Eidinger spielt neben Birgit Minichmayr die Hauptrolle, die beiden sind ein Paar, Chris und Gitti, sie machen Urlaub auf Sardinien, sie reden, treffen ein anderes Paar, am Ende trennen sie sich. Ade bekam für den Film auf der Berlinale einen Silbernen Bären, Minichmayr wurde zur besten Schauspielerin gewählt – und die Generation der 30-Jährigen saß im Kino und schaute sich selbst beim Scheitern zu. Die Frauen erkannten in Chris ihren eigenen Freund, die Männer erkannten sich selbst, wenn Chris seine Freundin am Anfang des Films fragt: "Findste mich eigentlich männlich?" 

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Das Elend des modernen deutschen Mannes sieht seitdem aus wie Lars Eidinger, von dem Maren Ade, die Regisseurin, die sich die Figur ausgedacht hat, sagt: "Ich wollte von einem modernen Mann erzählen, der eigentlich zu seinen Gefühlen stehen kann, der eigentlich auch darüber hinweg ist, sich mit so etwas wie Männlichkeit zu beschäftigen." Und Ade fand Eidinger, der dieses "eigentlich" dann ohne jeden Zweifel spielte.

Beim ersten Treffen sieht er aus wie jemand, dem die Dinge des Lebens aus Versehen passieren. Wobei, wie bei allem, was zufällig aussieht, auch ein Plan dahinterstecken kann. Aber welcher?

Sein Leben: geboren 1976 in Berlin, aufgewachsen im bürgerlichen Stadtteil Tempelhof. Die Mutter ist Kinderkrankenschwester, der Vater Ingenieur, verantwortlich für die Kühllandschaften in Penny-Märkten, einen Bruder gibt es. Nach dem Abitur geht er an die Schauspielschule Ernst Busch, seit 1999 ist er festes Ensemblemitglied an der Schaubühne. Seit 2000 lebt er mit seiner Frau, einer Opernsängerin, in Charlottenburg. Edna, die gemeinsame Tochter, ist drei Jahre alt und besucht einen Waldkindergarten.

Freunde sagen über Eidinger: unfassbar nett, unprätentiös, unkompliziert. Kritiker sagen: Bald ist er der beste deutsche Schauspieler. Eidinger ist sofort einverstanden, dass wir ihn ein Stück auf seinem Weg begleiten.

Zwei Monate nach dem ersten Treffen dreht Eidinger in München, Polizeiruf 110. Er spielt einen Kommissar, es wird ein einmaliges Gastspiel sein, Eidinger will noch kein Fernsehkommissar sein, nicht regelmäßig. Wir sind im Hey Luigi verabredet, einem Restaurant im Glockenbachviertel, einem von der Sorte, auf das sich alle einigen können, das Publikum besteht aus jungen Journalisten und jungen Fotografen und jungen Kreativen, das Essen ist gut. Auftritt Eidinger. Das bedeutet: kein Auftritt. Eidinger kommt einfach rein, dicke Jacke, Mütze, der Raum verändert sich nicht, alles bleibt, wie es ist, niemand dreht sich nach ihm um. Eidinger redet sofort los.

Er redet von den Dreharbeiten, der Beruf des Fernsehschauspielers sei ein ganz anderer als der des Bühnenschauspielers, das liege an vielen Dingen, vor allem aber daran, dass man niemanden zum Anspielen habe, nur Marken, zu denen man schauen müsse, damit später der Zuschauer denkt, man schaue gerade jemand anderen an. Außerdem müsse man auch nicht wirklich Text lernen, eher so Wörter wie Strafvollzugsbehörde, die müssen dann schon flüssig kommen. Heute hatte Lars Eidinger Probleme mit dem Satz: Kommen Sie rein, setzen Sie sich hin. "Wie sagt man so einen Satz, damit der nicht bescheuert klingt?"

Lars Eidinger muss keine Fernsehkrimis drehen, er ist an der Schaubühne fest angestellt, er hat dort genug zu tun, er gibt den Hamlet, mit dem er auch Gastspiele in Australien und Frankreich absolviert. Bald beginnen die Proben zu Dämonen , Angebote für Kinofilme gibt es auch. Er sagt, er findet all diese Sachen "interessant" – er fand es auch interessant, eine Rolle in der ZDF-Vorabendserie Notruf Hafenkante zu spielen, und er fand es interessant, bei einem Werbespot des Möbelherstellers Ikea mitzumachen. Vor zwei Jahren wollte er unbedingt Andreas Baader sein, in Bernd Eichingers Baader-Meinhof-Komplex . "Ich habe Baader schon mal gespielt", sagt Eidinger, "in einem Kunstfilm. Regisseur war ein New Yorker Filmemacher, der ist dann verschwunden und die Filmrollen auch." Eichinger lud Eidinger zum Casting ein, aber Moritz Bleibtreu war als Baader schon besetzt. Lars Eidinger bekam Alle anderen , und der Film schaffte es, der Gefühlslage einer Generation Bilder und Texte zu geben. 

"Und dann war ich plötzlich berühmt", sagt Eidinger. Berühmt? "Ja. Natürlich erkennen mich hier die Leute", sagt er im Hey Luigi. "Mindestens drei Leute hier wissen, wer ich bin." So ein Satz kann furchtbar dämlich klingen, grauenhaft arrogant, aber Lars Eidinger schafft es, dass es wie eine nüchterne Feststellung klingt.

Oder wie eine logische Schlussfolgerung. Eidinger tut was dafür, er arbeitet, er hat es verdient. Ikea-Werbung, Notruf Hafenkante , Polizeiruf – es scheint fast so, als spiele Eidinger alles Mögliche, und zwar nicht, um sein Talent zu beweisen, sondern aus einem anderen Grund. "Geliebt zu werden, von anderen bewundert zu werden – das war immer und das ist auch immer noch der eigentliche Antrieb für meine Arbeit", sagt er. Das, was er macht, soll den anderen gefallen, nicht ihm selbst.

Könnte das ein Problem werden? Liegt darin eine Gefahr? Nimmt er zu viel mit? Geht das überhaupt: von allen gemocht werden? Gestern war er Hamlet, gestern musste er den Satz sagen: "Der Rest ist Schweigen." Heute: "Kommen Sie rein, setzen Sie sich hin."

Eidinger hat es sich ausgesucht, er will das so, er muss diesen Satz nicht sagen, er muss keinen Fernsehkommissar spielen, aber einen Fernsehkommissar sehen an einem Abend sieben Millionen, Hamlet sehen 200, das eine macht bekannt, das andere berühmt.

Als wir das Restaurant verlassen, trifft er zufällig eine Bekannte, sie steigt aus dem Taxi, es wirkt wie bestellt, ist aber purer Zufall. Sie sieht ihn und sagt: "Du warst sooo gut gestern." Eidinger sagt nichts, und man weiß nicht, ob er es erträgt oder genießt.

Einen Tag später: Dreharbeiten zum ARD-Polizeiruf Zapfenstreich, Lars Eidinger wird morgens um Viertel vor sechs in seinem Hotel abgeholt und zum Klinikum München-Ost gebracht, nach Haar, ins Haus 77. Er spielt einen Kommissar, so einen lockeren, der Motorrad fährt und kifft und seine Hemden sehr offen trägt, Schimanski 2010. Er muss einen Mord aufklären, einen Mord in einer Kaserne, unter weiblichen Offizieren, seine Partnerin war früher Soldatin, jetzt ist sie Kommissarin, die beiden haben eine Affäre miteinander. Auf einem kleinen Monitor schaut sich Eidinger an, was er heute schon gedreht hat. Der Ton funktioniert nicht, es gibt nur bewegte Bilder, und auf den Bildern passiert nur eine Sache: Eidinger. Man sieht nur ihn auf diesem Monitor, seine Präsenz, seine Masse, seine Wucht. Eidinger füllt alles aus.

Ist er zufrieden mit dem Ergebnis? "Na ja", sagt er und dass da natürlich immer etwas fehle, wenn man dreht, es fehle "dieses Ding, das Schauspieler mit dem Publikum haben". Vielleicht macht es ihm deshalb auch Spaß, manchmal in Clubs aufzulegen. In Berlin macht er das schon lange, er mag diese Nächte, in denen die Menschen zu der Musik tanzen, die er für sie aussucht.

Er erzählt von den Dreharbeiten zu Alle anderen, da habe er sich irgendwann darüber beschwert, dass er nach einer Szene, die er spielt, keine Bestätigung bekomme, er wisse nie, ob es jetzt gut oder schlecht gewesen sei. An dem Tag beschloss das Team, für ihn zu klatschen, wenn er eine Szene gedreht hatte.

Ist es das, was Lars Eidinger treibt? Permanente Bestätigung? Weil er sonst nicht weiß, wie gut er ist? Am Abend in einer Münchner Bar. Nach drei Minuten kommt ein Mann zu ihm, sagt ihm, er habe seinen Hamlet gesehen, im Theaterkanal, "sensationell". In diesem Moment wirkt Eidinger verlegen, unsicher, nicht wie einer, den Lob aufbaut, befeuert. Er spricht jetzt über seine Schulzeit, über seine Jugend. Er war ein guter Schüler, er war ein guter Sportler, er spielte Fußball und Tennis, beides, wie er sagt, "auf hohem Niveau". "Ich wollte immer der Erste, immer der Beste sein", sagt er, und es klingt nicht entschuldigend, sondern wie ein Tatsachenbericht. "Ich war trotzdem auch immer der Clown, der, der die Lacher haben wollte. Erst dann war ich glücklich." Bei den Waldläufen gewinnt er jedes Mal, er strengt sich einfach mehr als die anderen, und wenn er ins Ziel kommt, kotzt er vor Erschöpfung. So ähnlich spielt er heute Theater. "Es gab schon Vorstellungen von Hamlet, da dachte ich, dass ich gleich tot umfalle."

Reicht sein Talent nicht aus? Muss er sich deshalb mehr anstrengen als die anderen? Talent. Er spürt diesem Wort nach, er kann damit wenig anfangen. In dem Buch Der Fänger im Roggen beschreibt J. D. Salinger einen Pianisten, der so unfassbar gut spielt, dass alle ihn hören wollen. Wenn er so gut spielen könnte, sagt Holden Caufield, Salingers Held, dann würde er nur noch für sich spielen, eingeschlossen in einem Schrank. Lars Eidinger hört sich die Geschichte an, dann sagt er, dass er nicht nur für sich spielen würde, alleine niemals. "So würde das für mich keinen Sinn ergeben. Schauspielerei ist für mich nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Provokation einer Reaktion der anderen. Diese Reaktion brauche ich, um ein Gefühl für mich zu bekommen. Um bestätigt zu werden. Um mich aufzuwerten."

Eidinger sagt, dass er sich schon sehr darüber wundere, dass nicht er zum "Schauspieler des Jahres" gewählt wurde. Schauspieler des Jahres wurde Alexander Scheer, den er sehr schätzt, dem er das gönnt, trotzdem scheint Eidinger ehrlich entsetzt. "Was soll ich denn noch machen? In einem Jahr, in dem ich mit Alle anderen in den Kinos bin und mit Hamlet auf der Bühne." Er versteht es nicht, wirklich nicht, andere verstehen es auch nicht, Thomas Ostermeier zum Beispiel, künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne, sein Chef.

Nach dem Abitur besuchte Lars Eidinger die Schauspielschule Ernst Busch, in seinem Jahrgang waren Devid Striesow, Nina Hoss, Fritzi Haberlandt – die Klasse von 1999. Am Ende der Ausbildung fand ein sogenanntes Intendantenvorspiel satt, eine Art Abschlussarbeit. Eidinger trug den Monolog des Franz Moor aus Schillers Räubern vor, Moor überlegt, wie er seinen Vater umbringen könnte.

Eidinger hielt diesen Monolog nicht, jedenfalls nicht richtig. Er saß in einem Sessel und lutschte ein Bonbon, eine Minute lang, die Zuschauer sollten ihm beim Denken über den Vatermord zuschauen. Eine Minute kann sehr lang sein, aber als Eidinger da saß und dachte, war es im Zuschauerraum totenstill. Als er fertig war, boten ihm der ehemalige Chefdramaturg und der Produzent ein Engagement an der Schaubühne an.

Thomas Ostermeier, damals der neue künstlerische Leiter, hatte den Auftritt nicht gesehen, und als seine Mitarbeiter ihm davon erzählten, verstand er nicht, was das sollte. Er wollte Eidinger zunächst nicht, ließ sich aber überreden. Ostermeier ignorierte den Neuen dann fast ein Jahr lang, Eidinger bekam Angebote für Filme, die er nicht machen durfte, sein Vertrag verbot es ihm, und Ostermeier hätte es ihm sowieso verboten. Er sagte zu ihm: "Entscheide dich! Entweder du drehst – oder du machst mit uns Theater." Eidinger blieb, er sagt, alle Filmangebote, die eigentlich für ihn waren, habe dann Devid Striesow bekommen.

"Ja, es stimmt, ich wollte ihn anfangs nicht", sagt Thomas Ostermeier. Er sitzt in seinem kleinen Büro, er kommt gerade aus Sydney zurück, sie haben dort Hamlet gespielt, an dem Theater, das Cate Blanchett gehört, die Schauspielerin war begeistert, vor allem von Eidinger. Ostermeier will nicht sagen, ob der Hype um Eidinger langsam nervt, die beiden sind befreundet, obwohl es zunächst nicht nach Freundschaft aussah. "Er hatte am Anfang einen mühsamen Weg hier im Haus." Mühsam wohl deshalb, weil er nicht spielen durfte, jedenfalls nicht so, wie er wollte – mühsam auch, weil er nicht Ostermeiers Aufmerksamkeit bekam, die bekamen andere. Ostermeier sagt: "Als ich dann Erfolg mit Frauenstücken hatte, mit Nora, mit Hedda Gabler, da spürte ich bei Lars so etwas wie Eifersucht." Ostermeier sagt aber auch, dass vieles, was Eidinger heute für sich fordert, an seinem Gerechtigkeitssinn liege, dass er ganz einfach meine, er habe das verdient, nicht weniger, aber auch nicht mehr – und natürlich habe es Eidinger auch verdient, Schauspieler des Jahres zu werden.

Eidinger hält er für ein Naturtalent. Und Ostermeier kann das erklären: "Das Instrument des Schauspielers ist sein Körper und, wenn man so will, seine Seele. Und deshalb ist der Beruf des Schauspielers ein Angstberuf – mein Job als Regisseur besteht vor allem darin, angstfreie Räume zu schaffen. Und bei Lars gelingt mir das manchmal."

Eidinger ist 1,90 Meter groß und wiegt 90 Kilo, man sieht dem Körper an, dass er mal ein guter Fußballer, ein guter Tennisspieler war. Eidinger spielt mit ihm, er setzt ihn ein. Ostermeier erzählt, wie er Eidinger bei den Proben zu Dantons Tod gesagt habe, er solle mit dem Rücken zum Publikum spielen, sie sollten die Rolle über den Körper verstehen, nicht über das Gesicht, nicht über die Mimik, sondern darüber, wie einer dasteht, wie er sich bewegt, was er mit seinen Armen macht. Eidinger erzählt die Geschichte von einem Puppentheater, er hat dort eine Aufführung besucht, ein Stück für Erwachsene, und am Ende war er so begeistert, dass er zu den Puppenspielern gegangen ist und ihnen gesagt hat, wie großartig sie das gemacht hätten, vor allem die Mimik der Puppen. Wie sie die immer geändert hätten, das sei schon toll. "Aber die wussten überhaupt nicht, was ich meinte. Die schauten mich an und sagten: Wieso? An der Mimik können wir nichts machen. Die ist fix."

Ostermeier erzählt, dass es in Paris einmal nicht mehr ging. Sie waren mit Hamlet zu Gast, sie spielten drei Abende hintereinander, Eidinger gab jedes Mal Vollgas, aber nach der letzten Vorstellung flippte er in der Garderobe völlig aus, er heulte und war mit seinen Kräften am Ende, und er schrie Ostermeier an, dass das so ja wohl nicht mehr weitergehe. In Avignon fiel er während der Aufführung von einem Tisch, über den er laufen musste. Er stand auf und spielte dann doch weiter, mit Schmerzen. Das ist sein Spiel: Bis es nicht mehr weitergeht – und dann noch ein bisschen weiter. Ein Arbeiter, der deshalb so viel rackert, weil er am Ende dieser undefinierbaren Sache namens Talent nicht traut.

Eidinger, der Theaterschauspieler – wie sieht Ostermeier seine Auftritte in Filmen, im Fernsehen, gefällt ihm, was er da macht? Ostermeier hat keinen Fernseher, Fernsehen interessiert ihn nicht, und er findet es auch nicht gut, das Eidinger so viel dreht. Ostermeier sagt nicht, dass da einer Gefahr läuft, sein Talent zu verschleudern. Vielleicht sagt er es nicht, weil die Gefahr offensichtlich ist. Alle anderen sei etwas Besonderes, in dem Film sei "eine tiefe Auseinandersetzung mit den Charakteren möglich gewesen", das fand Ostermeier gut, denn das ist das, worum es ihm auch geht, um die Beantwortung der Frage: Wie verhalten sich Menschen? Wie verhalten sie sich wirklich? Ostermeier sagt, als Regisseur müsse er beobachten können, ein guter Schauspieler muss auch beobachten, und Eidinger könne das sehr gut. "Und er spielt gern." Ostermeier nennt ihn einen Homo ludens, einen spielenden Menschen, einen Menschen, der seine Fähigkeiten über das Spiel entwickelt, über die Erfahrungen, die er dabei macht. "Lars ist literarisch ja nicht so interessiert", sagt Ostermeier, "das heißt, er liest nicht so viel, aber er hat eine ganz eigene Intelligenz."

Thomas Ostermeier ist ein Mann, der sich viele Gedanken macht, andauernd, über das Theater, über die Welt. Man merkt während des Gesprächs, dass Ostermeier in gewisser Weise fasziniert ist von Eidinger, weil er sein Gegenentwurf ist. Er sagt auch, dass Eidinger ihm in vielen Dingen voraus sei. "Lars weiß, was angesagt ist. Und man merkt, dass er Berliner ist, ein Großstadtkind. Außerdem tippe ich mal, dass er Schülersprecher war, er hat so eine Art."

Bewundert er ihn? Ostermeier überlegt, dann sagt er: "Er hat Starpotenzial. Aber er muss aufpassen. In Hamlet geht er ja ins Publikum rein, normalerweise ein, vielleicht zwei Minuten, er improvisiert. In Sydney war er einmal fünf Minuten im Publikum, er wollte da gar nicht mehr weg. Er stand da, und auf der Bühne mussten die anderen Schauspieler auf ihn warten. Das war nicht gut. Das kann ihm schon mal passieren."

Ostermeier hat danach mit ihm gesprochen, Eidinger hat es eingesehen und sich entschuldigt, er nahm den Rat an. Ist es das, worauf es bei ihrer Freundschaft ankommt? Dass man auf den anderen hört? Oder ist es doch nicht Freundschaft, ist es etwas anderes? Bei den Proben zu Hedda Gabler erklärte Ostermeier Eidinger etwas, sie diskutierten, redeten schnell, plötzlich sagte Eidinger zu ihm, unbeabsichtigt und ironiefrei "Papa". 

Das Restaurant Grill Royal während der Berlinale, Lars Eidinger hat diesen Ort vorgeschlagen, man verabredet sich für 21 Uhr. Eidinger will wissen, ob man pünktlich sei. "Klar." – "Dann komme ich fünf Minuten später. Ich mag nicht alleine sitzen und warten."

Der Reporter sitzt allein und wartet, an einem Tisch unterhält sich der Filmproduzent Nico Hofmann mit Gästen, unter anderem mit dem Schauspieler Clemens Schick. An einer langen Tafel der Schauspieler Thomas Heinze mit zwei Klatschreportern. Eidinger kommt exakt die angekündigten fünf Minuten zu spät, Mütze, weite Jeans, Pulli, robuste Jacke, Walkman-Kopfhörer. Er ist mit der S-Bahn gekommen. Und was nach einem Nichtauftritt aussieht, ist natürlich genau das nicht: Tür auf, hier bin ich, auf mich habt ihr gewartet.

Es ist das fünfte Treffen, und so offen Eidinger spricht, eines tut er nicht: viel über sein Privatleben erzählen, über seine Eltern. Wissen die, was für ein guter Schauspieler er ist? "Sie ahnen es. Aber sie leben eben auch in einer Welt, in der jemand ein Star ist, der auf dem Cover der TV Spielfilm abgebildet ist. Und das werde ich wohl niemals schaffen." Es ist eigentlich ein Witz, aber plötzlich scheint Eidinger zu bedauern, dass er seinen Eltern nicht die letzten Zweifel an seinem Können nehmen kann, dass er von ihnen niemals die Anerkennung bekommen wird, die er sich wünscht. Und vielleicht ist das der Schlüssel, das ewige Thema des Kindes, das von seinen Eltern geliebt werden will. Er bekommt die Liebe, oder was er dafür hält, von anderen, auch an diesem Abend wird er angesprochen, gelobt, vor allem von Frauen, die ihm sagen, wie toll sie ihn finden.

Er spricht nicht über seine Ehe, nicht über sein Kind, nur eine Sache: Seine Tochter kam mit einem Herzfehler zur Welt, sie musste sofort nach der Geburt operiert werden, es war nicht einfach. Eidinger spielte zu der Zeit in Hedda Gabler, und er erinnert sich, dass er einen Dialog hatte mit Katharina Schüttler, sie sagte zu ihm: "Ich bin schwanger", und er brach in Tränen aus, weil in diesem Moment alles aus ihm rausmusste. Er stand auf der Bühne und weinte – und das Publikum, das nichts ahnen konnte, fing an zu lachen. Wie macht man da weiter? Lars Eidinger zuckt mit den Schultern und sagt: "Man macht eben weiter."

Eidinger muss auch weitermachen, er hat keine Wahl, er ist ein Getriebener, und er sagt, dass Ostermeier recht habe, wenn er sage, die Schauspielerei sei ein Angstberuf. "Wenn ich spiele, dann fühle ich mich schutzlos gegenüber den Menschen, die mir zuschauen. Natürlich habe ich auch Angst. Angst zu versagen, Angst, nicht zu gefallen. Aber neben dieser Angst gibt es dann auch die Lust, sich zu offenbaren, sich zu zeigen. Es gibt diese extreme Spanne zwischen Versagensängsten und Allmachtsfantasien. Wenn es gut läuft, scheint plötzlich alles möglich. Es ist wie im Rausch. Ich denke dann, dass ich der größte Schauspieler der Welt bin."

Der größte Schauspieler der Welt. Vom Publikum verehrt. Da ist er, der Plan.

Ist ihm das Publikum, sind ihm die Menschen denn so wichtig?

Er überlegt, dann sagt er: "Ich mag Menschen eigentlich nicht. Ich ertrage sie nur als anonyme Masse, als Publikum."

 
Die Masse, das Publikum, feiert Lars Eidinger Anfang März, bei der Premiere des Stückes Dämonen von Lars Norén, Regie: Thomas Ostermeier. Zwei Paare Ende 30 verbringen einen gemeinsamen Abend, es beginnt harmlos, entwickelt sich aber zu einem Besuch in der Beziehungshölle. Alles bricht auf: Sehnsüchte, Hoffnungen, sexuelle Fantasien, Hass. Eidinger spielt Frank, kalt, gestört, egomanisch. Zu seiner Frau sagt er den Satz: "Ich liebe dich. Aber ich mag dich nicht." Es geht um die Unfähigkeit, Beziehungen zu leben, sie zu erhalten – es ist ein Stück, das die neue Sehnsucht nach Bürgerlichkeit seziert.

Am Ende, als alles zerstört ist, kommt Frank nach einem Spaziergang wieder nach Hause, seine Frau liegt auf dem Boden, nach einem verunglückten Versuch, mit einem anderen zu schlafen. Und Frank steht einfach nur da, regungslos, auf dem Kopf eine Kapuze, er, der Dämon. Dann Dunkelheit, Applaus. Das Licht geht an. Im Zuschauerraum sitzt die Generation, aus deren Mitte Lars Eidinger kommt, er ist ihr Schauspieler, er war es bei Alle Anderen und er ist es in Dämonen, die beiden Figuren sind in ihrer Unterschiedlichkeit Prototypen der 30-Jährigen, die um sich selbst kreisen, die gerne glücklich wären, aber dazu kein Talent haben. Lars Eidinger gibt durch diese Rollen den Sehnsüchten und den Ängsten und den Hoffnungen seiner Generation ein Gesicht, ein Aussehen – er macht sie konkret, erfahrbar. Auch das macht sein Können, seine Kunst aus.

Beim letzten Treffen mit Lars Eidinger im April sitzt er in einem Café. Und er sieht nicht gut aus, strähnige Haare, eingefallene Wangen, unrasiert, bleich. Als er aufsteht, rutscht ihm fast die Hose runter, so dünn ist er geworden. So muss er für seine nächste Rolle aussehen, in ein paar Tagen beginnt Eidinger mit dem Dreh eines Kinofilms, eines deutschen Horrorfilms, der Arbeitstitel lautet: "2016 – Das Ende der Nacht". Er spielt darin einen Mann auf der Suche nach Wasser in einer Welt, in der Dürre herrscht. Heute sieht er aus wie ein Mann auf der Suche nach Schlaf und nach Ruhe.

Eidinger ist gerade aus Taipeh zurück nach Berlin gekommen. Er spielte dort Hamlet , drei Vorstellungen, alle ausverkauft, jedes Mal kamen 1500 Menschen. Jetzt ist er für ein paar Stunden in Berlin, am nächsten Tag fliegt er nach London, zu dem Fotografen Juergen Teller, der auch die Fotos für diese Geschichte gemacht hat. Teller war von der Arbeit mit Eidinger so begeistert, dass er dem Modemacher Marc Jacobs vorschlug, dessen internationale Herbstkampagne mit Lars Eidinger zu fotografieren. Die Männersachen. Und die Frauensachen.

Es läuft gerade ganz gut für Lars Eidinger. Drei Filme wird er machen in der nächsten Zeit, im Moment probt er Molières Menschenfeind, das Stück hat im September an der Schaubühne Premiere. Eidinger spielt Alceste, den Idealisten, den Unabhängigen, den Menschenfeind, der sich Kompromissen verweigert, der sich nicht anpassen will und nicht viel hält von den Menschen, von denen er auch nicht gemocht wird. Eine Komödie.

War er nun eigentlich Schülersprecher?

"Ja. Aber nicht, weil ich ein Anliegen hatte oder ein politisches Programm. Ich ließ mich zur Wahl aufstellen, weil ich mal gucken wollte, wie beliebt ich in der Schule war."

Schaut er oft in den Spiegel?

"Nein."

Warum nicht?

"Weil der Spiegel nicht spricht. Weil er nicht reicht."

Lars Eidinger sucht weiter nach etwas, das reichen könnte, und es kann sein, dass er es niemals findet.

Das wäre eine Tragödie.

 
Leser-Kommentare
    • ben_
    • 10.06.2010 um 14:21 Uhr
    1. Hamlet

    Ah Hamlet! Es wird viel zu wenig Hamlet gespielt, gelesen, vorgelesen, gelehrt in diesem Land. Viel Reden vom Taten und stets den zauderhaften Bedenkenträger geben, aber mal eben das halbe Ensemble binnen fünf Akten unter die Erde bringen, einschließlich der eigenen Freundin und der alten Schulfreunde …

    "Deutschland ist Hamlet" Ferdinand Freiligrath, 1844

    "Hamlet ist Deutschland" G. G. Gervinus, 1849

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