Lars Eidinger Der kleine PrinzSeite 5/5
Die Masse, das Publikum, feiert Lars Eidinger Anfang März, bei der Premiere des Stückes
Dämonen
von Lars Norén, Regie: Thomas Ostermeier. Zwei Paare Ende 30 verbringen einen gemeinsamen Abend, es beginnt harmlos, entwickelt sich aber zu einem Besuch in der Beziehungshölle. Alles bricht auf: Sehnsüchte, Hoffnungen, sexuelle Fantasien, Hass. Eidinger spielt Frank, kalt, gestört, egomanisch. Zu seiner Frau sagt er den Satz: "Ich liebe dich. Aber ich mag dich nicht." Es geht um die Unfähigkeit, Beziehungen zu leben, sie zu erhalten – es ist ein Stück, das die neue Sehnsucht nach Bürgerlichkeit seziert.
Am Ende, als alles zerstört ist, kommt Frank nach einem Spaziergang wieder nach Hause, seine Frau liegt auf dem Boden, nach einem verunglückten Versuch, mit einem anderen zu schlafen. Und Frank steht einfach nur da, regungslos, auf dem Kopf eine Kapuze, er, der Dämon. Dann Dunkelheit, Applaus. Das Licht geht an. Im Zuschauerraum sitzt die Generation, aus deren Mitte Lars Eidinger kommt, er ist ihr Schauspieler, er war es bei Alle Anderen und er ist es in Dämonen, die beiden Figuren sind in ihrer Unterschiedlichkeit Prototypen der 30-Jährigen, die um sich selbst kreisen, die gerne glücklich wären, aber dazu kein Talent haben. Lars Eidinger gibt durch diese Rollen den Sehnsüchten und den Ängsten und den Hoffnungen seiner Generation ein Gesicht, ein Aussehen – er macht sie konkret, erfahrbar. Auch das macht sein Können, seine Kunst aus.
Beim letzten Treffen mit Lars Eidinger im April sitzt er in einem Café. Und er sieht nicht gut aus, strähnige Haare, eingefallene Wangen, unrasiert, bleich. Als er aufsteht, rutscht ihm fast die Hose runter, so dünn ist er geworden. So muss er für seine nächste Rolle aussehen, in ein paar Tagen beginnt Eidinger mit dem Dreh eines Kinofilms, eines deutschen Horrorfilms, der Arbeitstitel lautet: "2016 – Das Ende der Nacht". Er spielt darin einen Mann auf der Suche nach Wasser in einer Welt, in der Dürre herrscht. Heute sieht er aus wie ein Mann auf der Suche nach Schlaf und nach Ruhe.
Eidinger ist gerade aus Taipeh zurück nach Berlin gekommen. Er spielte dort Hamlet , drei Vorstellungen, alle ausverkauft, jedes Mal kamen 1500 Menschen. Jetzt ist er für ein paar Stunden in Berlin, am nächsten Tag fliegt er nach London, zu dem Fotografen Juergen Teller, der auch die Fotos für diese Geschichte gemacht hat. Teller war von der Arbeit mit Eidinger so begeistert, dass er dem Modemacher Marc Jacobs vorschlug, dessen internationale Herbstkampagne mit Lars Eidinger zu fotografieren. Die Männersachen. Und die Frauensachen.
Es läuft gerade ganz gut für Lars Eidinger. Drei Filme wird er machen in der nächsten Zeit, im Moment probt er Molières Menschenfeind, das Stück hat im September an der Schaubühne Premiere. Eidinger spielt Alceste, den Idealisten, den Unabhängigen, den Menschenfeind, der sich Kompromissen verweigert, der sich nicht anpassen will und nicht viel hält von den Menschen, von denen er auch nicht gemocht wird. Eine Komödie.
War er nun eigentlich Schülersprecher?
"Ja. Aber nicht, weil ich ein Anliegen hatte oder ein politisches Programm. Ich ließ mich zur Wahl aufstellen, weil ich mal gucken wollte, wie beliebt ich in der Schule war."
Schaut er oft in den Spiegel?
"Nein."
Warum nicht?
"Weil der Spiegel nicht spricht. Weil er nicht reicht."
Lars Eidinger sucht weiter nach etwas, das reichen könnte, und es kann sein, dass er es niemals findet.
Das wäre eine Tragödie.
- Datum 09.06.2010 - 11:08 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 10.06.2010 Nr. 24
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Ah Hamlet! Es wird viel zu wenig Hamlet gespielt, gelesen, vorgelesen, gelehrt in diesem Land. Viel Reden vom Taten und stets den zauderhaften Bedenkenträger geben, aber mal eben das halbe Ensemble binnen fünf Akten unter die Erde bringen, einschließlich der eigenen Freundin und der alten Schulfreunde …
"Deutschland ist Hamlet" Ferdinand Freiligrath, 1844
"Hamlet ist Deutschland" G. G. Gervinus, 1849
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