Rauch kräuselt sich über zwei der sechs Häuser im Bergweiler. Eine Katze geht auf Mäusepatrouille. Ein Plakat, aufgehängt an einem Rinderlaufstall, gratuliert einer sehr schlanken hellbraunen Kuh zur »Misswahl«. Bachstelzen stochern in den Ritzen der Holzschindeldächer nach Insekten und wippen sich wieder zurück ins Gleichgewicht. Hinter dem Nüw Hus – einem denkmalgeschützten Bauernhaus von 1787, in dem heute Wanderer logieren können – müht sich ein Mann, ein Rinnsal zurück ins Bachbett zu drängen. Aus einem Fenster gegenüber ruft eine Frau ihm etwas zu, das ich nicht verstehe. Walserdeutsch vermutlich. Der Mann lässt die Hacke sinken, quert die einzige Straße, aus dem Fenster strömt Bratenduft.

Rundum Bergwelt kolossal. Graubündens Schneehauben und die gepuderten Grate der Bruschghornkette treten hell und scharfkantig hervor, ehe Schleierwolken, lila gesäumt die meisten, die Schlagschatten auflösen. Früher hätte ich jetzt reflexartig eine Kamera gezückt. Heute lasse ich das. Solche Stimmungen passen durch keine Fotolinse.

Nur noch wenige Menschen bewohnen die Höfe von Camana, die einst von den Walsern errichtet wurden. Diese Hochgebirgsbauern hatten ihre Heimat im Wallis vor 750 Jahren verlassen, um sich unter anderem hier, im Osten der Schweiz, anzusiedeln. Mit Bündeln und Tragkörben kamen sie über die Berge, trugen ihre Kinder in Kiepen. Die Füße waren umwickelt. Für Wagen und Karren gab es anno 1250 noch keine Wege. Der Marsch war beschwerlich. Um das Bleiberecht jedoch brauchten sich die Walser nicht zu sorgen. Sie waren den örtlichen Obrigkeiten willkommen, denn sie galten als besonders zähe Menschen, die auf 1800 Meter Höhe überleben und Zins erwirtschaften konnten. Dort, wo es den alteingesessenen Rätoromanen zu kalt, zu einsam, zu lebensfeindlich war, leisteten die Walser Pionierarbeit. Oben am Berg weideten sie ihre Kühe und Ziegen. Aus der Milch, die in höheren Lagen besonders gehaltvoll ist, stellten sie Käse her und belieferten die Bewohner unten im Tal. Manches von dem, was heute als typisch schweizerisch gilt, haben ursprünglich die Walser mitgebracht.

Wo das Licht auftrifft, dampft der Boden, als atme ein Lebewesen aus

Auf ihren Spuren kann man nun wandern, 19 Tage lang über 300 Kilometer. Gerade wurde der neue Walserweg eröffnet, der auf Initiative der Zürcher Geografin Irene Schuler entstanden ist. Von San Bernardino führt er über Hinterrhein, Vals und Juf bis nach Brand im österreichischen Montafon. Irene Schuler – schon im Studium erforschte sie die Kultur der Walser – hat dazu den noch druckfrischen Wanderführer Walserweg Graubünden herausgegeben. Alpine Brache im Aufbruch heißt das Kapitel, das die Tagestour von Camana nach Thalkirch durch das Safiental beschreibt. Auf dieser Strecke bin ich heute unterwegs.

Im Osten der Camana-Höfe rammt die Bruschghornkette graue Schieferpfeiler in den Himmel. Im Westen schichten sich Almen – die Graubündener sagen Alpen – wie ausgewaschene Terrassen bis zum Camaner Grat. Der Weg führt erst einmal ein Stück bergan über die Höfe hinaus. Eingesenkt und verstreut im Maiengrün liegen zigdutzend Ställe, als hätte jemand eine Kiste Bauklötze ausgekippt. Die Balken, auf wuchtige Feldsteinfundamente gesetzt, fügen sich zu wetterdichten Wänden. In den Ställen war das Vieh untergebracht, wie noch gut an Buchten und Halteringen zu erkennen ist. Im Obergeschoss dagegen wurden mächtige Rundholzbalken verbaut, durch deren Spalten noch heute der Bergwind pustet. Ein luftdurchlässiger Raum, in dem man über den Köpfen der Kühe das Heu trocknete.