Sparpläne Spiele ohne Brot

Warum die Weltmeisterschaft die Sparpläne der Regierung schützt

Auftaktspiel der Fußballweltmeisterschaft: Die Regierung in Berlin saniert im Rücken der WM den Haushalt

Auftaktspiel der Fußballweltmeisterschaft: Die Regierung in Berlin saniert im Rücken der WM den Haushalt

Endlich hat das ungebundene Leben ein Ende. Endlich hat der Tag wieder eine Struktur. Für die viereinhalb Wochen der Fußballweltmeisterschaft kehrt Ordnung ein. Ist die WM Entlastung vom Stress des Alltags? Erst einmal erhöht sie die logistischen Ansprüche an die eigene Lebensführung. In diesen Wochen entdeckt der Angestellte ganz ohne einen McKinsey-Controller im Rücken das eigene Optimierungspotenzial: Die Arbeit wird jetzt so organisiert, dass man pünktlich zum Anpfiff vor dem Fernseher sitzt oder sich einen Platz mit guter Sicht beim Public Viewing gesichert hat. Vorher muss noch Zeit für den Getränkeeinkauf im nächsten Supermarkt sein. Während man sonst bis 20 Uhr um seinen Schreibtisch herumschleicht und kurz vor dem Gehen noch einen Stoß E-Mails verschickt, damit niemand die eigene Arbeitsplatzpräsenz übersieht, sind plötzlich alle Aufgaben bis 16 Uhr gelöst. Geht doch.

Insofern ist der Ausnahmezustand WM Stress. Aber es ist positiver, sinnstiftender Stress. Einer, der dem Leben Form gibt. Wir müssen nicht mehr von Augenblick zu Augenblick abwägen, was wir mit dem Tag am sinnvollsten anfangen. Eine größere Macht nimmt uns an die Hand, und wir folgen ihr und wissen, dass wir nichts falsch machen können. Eine Fußballweltmeisterschaft ist Erlösung von der Kontingenz. Ein höherer Zweck steuert unsere Tage wie die Klosterordnung das Leben der Mönche. Der Anpfiff ist unser Angelusläuten. Auch wer sich gar nicht so sehr für Fußball interessiert, ist auf heitere Art Teil einer Gemeinschaft, die demselben Ritus folgt. Während eines WM-Spiels muss man sein Handy nicht ausschalten, weil in den nächsten neunzig Minuten ohnehin niemand auf die Idee verfällt, einen anzurufen.

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Die Weltmeisterschaft verwandelt unser zerfaserndes Leben in eine schöne Ordnung. Kosmos nannten die Griechen das. Wir empfinden ihn in fast verliebter Stimmung. Man will aus diesem Kosmos gar nicht mehr entlassen werden. Deshalb blieb man auch immer am Ende des Abends bei Waldemar Hartmann hängen: Der war zwar grauenvoll, aber es sollte einfach nicht aufhören. 

Vielleicht hat Angela Merkel dies sehr genau bedacht, als sie ihr Sparpaket in die Woche vor dem WM-Beginn platzierte. Das richtige Timing ist ja angeblich alles in der Politik. Die Gewerkschaften wollen gegen die Sparpolitik zum Massenprotest aufrufen und die Menschen auf die Straße bringen. Aber auf den Straßen stehen schon die Fernseher mit den bunten Fähnchen obendrauf. In der schönen Ordnung der WM dürfte kein Raum mehr für andere emotionale Generalmobilisierungen sein. Hin- und hergerissen zwischen Brot und Spielen, wird sich die Menge um die Verknappung der Brotration wenig scheren, solange die Spiele nur laufen. Wenn es Deutschland über die Vorrunde schafft, hat Merkel ihr Sparpaket im Kasten. Das ist die List des Ausnahmezustands: dass er die Normalität sichert. Im Rücken der WM wird der Haushalt saniert.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr schön geschrieben. Genau so läuft es nämlich.
    Solange Deutschland nicht herausfliegt, werden die Leute auf die Straße gehen. Sie brauchen nicht einmal eine Überzeugung dafür...und still und heimlich wird im Bundestag Deutschlands Sozialpolitik auf den Kopf gestellt.

  2. "Eine größere Macht nimmt uns an die Hand, und wir folgen ihr und wissen, dass wir nichts falsch machen können."

    Das hat vor tausenden von Jahren funktioniert, vor 75 Jahren, und das funktioniert auch heute wieder. Charakterlich zu bewundern also sind die unter uns, die zwar die Hand spüren, die sich Ihnen entgegenstreckt, ggf. auch mal den ein oder anderen Abend beim public viewing mit Freunden zubringen. Die aber weiter darauf achten, dass sie wach bleiben, und denen klar ist, dass wir selbst dafür verantwortlich sind, was wir falsch machen.
    Und wen wir wählen. Auf die Straße gehen ist aber zu Zeiten der WM tatsächlich fast unmöglich! Also die Kraft lieber für 3 Wochen nach der WM aufheben!

  3. dass Zeit Werbespots einblendet

  4. Die Spiele mögen noch so interessant sein, aber die Regierung sollten wir schon im Auge behalten und ein Regierungsgemauschel keinesfalls durchgehen lassen.

  5. dürfte im späteren Rückblick dieser Sommer heissen.

    Auch wenn ich mich mit der Äußerung unbeliebt machen dürfte:

    Es wäre für unser Land besser, wenn die deutsche Nationalmannschaft in der diesjährigen WM die Vorrunde nicht überstehen würde.

    Wir haben Wichtigeres zu tun, als uns an Fussball zu erfreuen. Wenn unsere Regierung mit ihrem "Jahrestheater" so weitermacht, werden wir mit Gruseln noch viele Jahre an diesen Sommer denken.

  6. ... machen. Die Taktik, wichtige Entscheidungen durchzusetzen, wenn Volk gerade mit Unterhaltung beschäftigt ist, ist mir zum ersten Mal unter Kanzler Kohl unangenehm aufgefallen.

    Wenn Bobele oder die Gräfin Tennis gespielt haben, oder es eine Extradosis vom Allzweckablenkungsmittel Fussball gab, lohnte es sich oft, mal genauer auf die aktuelle Politik zu schauen.

    Nur wurde manchmal auch übertrieben. Übungsspiele oder ein Match vom möglichen späteren Gegner statt Politikjournal - die Möglichkeiten, auf das ÖR Programm Einfluss zu nehmen, kann man auch überstrapazieren.

    Viel, hat sich seit Kohl nicht geändert. (Wobei man heutzutage allerdings auch gerne die Möglichkeit nutzt, Bundestagssitzungen mitten in der Nacht stattfinden zu lassen.)

    Alles Gute
    Kai Hamann

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    ...Mechanismen zu erkennen wäre ihm nicht zu helfen. Ist es aber nicht! Ungeahnte Fähigkeiten werden plötzlich freigesetzt wenn es um Tabellenstände, komplizierte Trainertaktiken, Spielerrochaden, Spielverläufe geht. Ganzen Heerscharen von Kommentatoren hängt man an den Lippen. Nicht ein Bruchteil davon für Politik.

    ...Mechanismen zu erkennen wäre ihm nicht zu helfen. Ist es aber nicht! Ungeahnte Fähigkeiten werden plötzlich freigesetzt wenn es um Tabellenstände, komplizierte Trainertaktiken, Spielerrochaden, Spielverläufe geht. Ganzen Heerscharen von Kommentatoren hängt man an den Lippen. Nicht ein Bruchteil davon für Politik.

  7. Jetzt ist die Zeit, wirklich große Dinge zu verkünden, wer weiß,
    vielleicht einen Austritt Deutschlands aus der Währungsunion mit Wiedereinführung einer neuen/alten D-Mark?

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    Jetzt ist die Zeit, wirklich große Dinge zu verkünden, wer weiß, vielleicht einen Austritt Deutschlands aus der Währungsunion mit Wiedereinführung einer neuen/alten D-Mark?
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    Na klar. Vielleicht verkündet Frau Merkel ja auch endlich, dass alle Menschen in Wirklichkeit Weihnachtsmänner sind.

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    Jetzt ist die Zeit, wirklich große Dinge zu verkünden, wer weiß, vielleicht einen Austritt Deutschlands aus der Währungsunion mit Wiedereinführung einer neuen/alten D-Mark?
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    Na klar. Vielleicht verkündet Frau Merkel ja auch endlich, dass alle Menschen in Wirklichkeit Weihnachtsmänner sind.

  8. "Wenn es Deutschland über die Vorrunde schafft, hat Merkel ihr Sparpaket im Kasten."

    Na, wenn das so ist, dann wünsche ich der deutschen Elf am Sonntag eine saftige Niederlage ...

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