Stricken Die neueste Masche

Sonntag ist Weltstricktag. Es gibt keine schönere Art, sich in Zügen und Flugzeugen die Zeit zu vertreiben.

Hier wird in der Pariser Métro gestrickt

Hier wird in der Pariser Métro gestrickt

1 M abh, 1 M re, die abgeh M überheben, 6 M re, 1 M abh, 1 M re, die abgeh M überheben, 1 M re, 2 M re zus-str, 6 M re, 2 M re zus-str, wiederholen bis zum Ende. Fertig. Ganz ehrlich: Im Grunde ist es keine große Sache. Trotzdem erregt in der Öffentlichkeit kein Dekolleté mehr Aufsehen als zwei Hände, die Maschen von einer Nadel auf die andere schieben. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich tue es regelmäßig. In Zügen der Deutschen Bahn habe ich Manager erlebt, die, von Kindheitserinnerungen übermannt, nur mühsam dem Impuls widerstanden, ihren Kopf auf meinen Schoß zu legen. Und Damen fortgeschrittenen Alters, deren Münder sich beim Anblick einer entstehenden Stulpe unwillkürlich zu feuchten Tantenküssen spitzten. Der letzte Zettel, den mir ein junger Mann verstohlen über einen Bistrotisch zuschob, enthielt keine Telefonnummer, sondern die Worte: »Wahnsinn! Wie machen Sie das? Kann voll nicht weggucken.«

Stricken ist wieder hip. Wollhändler beklagen Lieferengpässe wegen steigender Nachfrage. Man sieht Stricker in Cafés, am Strand und in Freibädern, auf Beifahrersitzen, in Großraumwagen, selbst in der Enge internationaler Economy Classes. Der Schritt von der Wohnzimmercouch an die Öffentlichkeit fällt allerdings nicht jedem leicht. In einem Internetforum berichtet ein junger US-Amerikaner über seinen missglückten Versuch, für den er sich die New Yorker Untergrundbahn ausgesucht hatte. Bedauerlicherweise war ihm entgangen, dass der geplante Termin mit dem internationalen No Pants Day zusammenfiel. Dass er unter Hunderten von Shorts-Trägern lange Hosen anhatte, lenkte alle Blicke auf seine Beine, von wo sie unbarmherzig nach oben glitten, bis zum Strickzeug in seinen Händen. Eine traumatische Erfahrung, wie er glaubhaft versichert.

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Um den oft scheuen Strickern zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen, hat eine junge Frau aus Denver, Colorado, vor fünf Jahren den World Wide Knit in Public Day ausgerufen. Es begann mit 25 Gruppen, die sich quer durch die USA in Grünanlagen, auf Plätzen und Barhockern verabredeten, um gemeinsam zu stricken. Mittlerweile werden am zweiten Sonntag im Juni von Argentinien bis Singapur, von Finnland bis Israel Knit-ins gefeiert. Die Welt als großes, buntes Knäuel.

Stricken unterwegs

Über den World Wide Knit in Public Day, der auch an etlichen Orten in Deutschland zelebriert wird, informiert die Seite www.wwkipday.com. Foren zum Stricken auf Reisen, Gratismuster und Gleichgesinnte findet man unter www.ravelry.com

Tipps

Grundsätzlich sind Häkelnadeln auf Reisen wegen der runden Spitze weniger heikel als Stricknadeln. Hervorragende Unterwegs-Projekte sind daher gehäkelte Decken, die aus kleinen Quadraten bestehen, zumal man dabei nicht das gesamte Werk mit sich herumschleppen muss. Auf Flügen sollte man keine teuren Holznadeln einpacken, lieber die billige Kaufhausvariante, deren Verlust sich eher verschmerzen lässt. Bei Stricksachen unbedingt vor Abreise einen Faden in die Arbeit einziehen. So können nicht auch noch alle Maschen fallen, falls man die Nadeln an der Sicherheitskontrolle abgeben muss

Wozu überhaupt stricken? Der Selbstversuch beweist: Stricken macht glücklich. Wie ein beruhigendes Mantra gleiten die Maschen über die Nadeln und lassen – je nach Schwierigkeitsgrad des Musters – genügend Platz im Kopf, um seinen Gedanken nachzuhängen, vom Wochenspeiseplan über die Gliederung der Doktorarbeit bis hin zur Vorbereitung der Weltrevolution. Man sollte daher stets einen Grund haben, um Stricker in ihrem Tun mit Fragen zu unterbrechen. Und er sollte besser sein als ein tumbes »Naaa, was wird das denn?«.

Vor allem auf Reisen ist das Stricken eine hervorragende Möglichkeit, die Zeit totzuschlagen. Rauchern, die ab der vierten Flugstunde aus nervöser Verzweiflung Streit mit Stewardessen suchen, Mitreisenden den Ellbogen von der Lehne schubsen oder sich dem Alkohol hingeben, bietet es Ablenkung. Und selbst dann, wenn das gestrickte Ergebnis hinter den eigenen, stets viel zu hohen Erwartungen zurückbleibt, macht sich doch der langärmligste Pullover am Ende besser am Körper als ein ausgelutschter Nikotinkaugummi. Mehr noch: Er hält auch wärmer.

Leser-Kommentare
  1. Vielen Dank an fachkundige Strickerin Karin Ceballos Betancur! Ihr Artikel ist mit Sachkenntnis und Humor geschrieben - Danke an die ZEIT, dass dieses Mal im Hinblick auf Textiles Arbeiten bzw. Handarbeiten eine Fachfrau schreiben durfte, im Gegensatz zum schlecht recherchierten Artikel über gestrickten Goldschmuck im Zeit Magazin vor einiger Zeit. Es gibt so viele Textilkünstlerinnen/künstler weltweit, und ich finde es schade, dass dieser Kunstbereich in Deutschland immer noch ein gewisses Nischendasein führen muss. An Karin Ceballos Betancur möchte ich noch einen Tipp weitergeben: FridaKahlo auf Ravelry.com, bzw. Mizzie Moravetz (http://www.flickr.com/pho...) auf Flickr. Mit besten Grüßen - Ute Mader

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