Hygiene-Beutel Ab in den Beutel

Kompostierbare Tüten sollen Hygieneprobleme lösen und Krankheiten vermeiden.

Zweieinhalb Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zu Toiletten, 70 Prozent davon leben in Städten

Zweieinhalb Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zu Toiletten, 70 Prozent davon leben in Städten

In den Favelas, den Armenvierteln von Rio de Janeiro, hat Alexander Jachnow Bekanntschaft gemacht mit aviãozinhos, Kleinflugzeugen. So nennen die Bewohner jene Plastiktüten, die sie mangels Besserem als Toilette benutzen – und nach der Befüllung möglichst weit wegschleudern. »In den steileren Favelas kann man so ein Ding schon mal an den Kopf bekommen«, sagt der Entwicklungsexperte.

Diese Notlösung für die Notdurft ist in fast allen Slums der Welt bekannt, mal als »fliegende Toilette«, mal als »Hubschrauberklo«. Zweieinhalb Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Toiletten, 70 Prozent davon leben in Städten. Vielen von ihnen bleibt nichts anderes übrig, als Plastikbeutel zu benutzen oder sich schlicht auf irgendeiner freien Fläche zu erleichtern. In Südasien ist das Problem am größten, fast die Hälfte der Menschen praktiziert dort das, was im Fachjargon open defecation heißt.

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Jachnow arbeitet heute in Bangladesch, und wieder hat er mit Tüten zu tun. Für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hat er »Peepoo« getestet, eine Hightechvariante des Hubschrauberklos. (Klicken Sie hier für eine Grafik, die eine Anleitung für die Peepoo Toilette zeigt) Sie besteht aus einem biologisch abbaubaren Beutel, der innen mit Harnstoff beschichtet ist, so Krankheitskeime abtötet und nach Gebrauch als Dünger verwendet werden kann. Entwickelt hat die Toilettentüte (benannt nach den englischen Kinderworten für Urin und Kot) der schwedische Architekt Anders Wilhelmson. Im Sommer sollen zunächst kleinere Mengen gefertigt werden, im nächsten Jahr will seine Firma Peepoople die Massenproduktion beginnen.

»Wir waren zuerst sehr skeptisch, ob das hier funktioniert«, sagt Jachnow. »In muslimisch geprägten Ländern wie Bangladesch ist es ein Tabu, mit Fäkalien umzugehen.« Zudem existiere dort eine Wasch- statt einer Wisch-Kultur – nicht eben optimal für die Tütentechnik. Trotzdem war ein erster Test mit hundert Slumbewohnern in Maimansingh erfolgreich. »Erstaunlich« findet Jachnow das: »Die Leute haben dem Sammeldienst ihre vollen Beutel ganz ungeniert übergeben.« Gewaschen hätten sie sich in ihren Hinterhöfen, wo es Wasserabflüsse gebe.

Besonders Frauen profitierten von der simplen Technik, sie konnten sich daheim erleichtern und mussten nicht zu den Gemeinschaftsklos laufen. Die sind schmutzig und häufig Schauplatz von Belästigungen, vor allem nachts – ein Grund, die Notdurft sehr lange zurückzuhalten oder sehr wenig zu trinken. Infektionen, Nierensteine und Verstopfung sind die Folgen. Auch schicken viele Eltern ihre Töchter nicht zur Schule, weil es keine separate Mädchentoilette gibt. Peepoo könnte dieses Problem lösen.

»Digital« nannten die Bewohner das Tütenklo – in Anlehnung an die Regierungsvision des »digitalen Bangladesch«. »Digital« gilt schlicht als Ausdruck für »modern«. Es gebe aber tatsächlich Parallelen zur Entwicklung einer Informationsgesellschaft, meint Jachnow. »Es ist ein bisschen wie mit dem Handy: Fast jeder hat sein eigenes, sogar viele Arme, es ist mobil und braucht kaum Infrastruktur.«

Statt Abwasserleitungen und Kläranlagen sind für die Entsorgung von Peepoo-Beuteln nur ein Abholdienst und ein freies Feld nötig. Die Tüten können sogar im Hausgarten vergraben werden, in einem halben bis einem Jahr werden sie zu Dünger abgebaut. In Maimansingh experimentiert die Bangladesh Agricultural University mit dem Humanhumus, auf dem Versuchsfeld wachsen Zitronenbäumchen. »Gerade in dicht besiedelten Gegenden grenzen Ackerflächen häufig an die Städte und ihre Slums«, sagt Jachnow. »Da wird dringend Dünger gebraucht.«

Leser-Kommentare
  1. dass diese armen menschen endlich im "komposttierbare sackerln" scheißen dürfen. da freuen wir uns doch alle für die umwelt.

    • kräg
    • 12.06.2010 um 21:21 Uhr

    ... dass man in Nairobi auch nicht fragt: "Wo kann ich die kaufen?", sondern: "Wann kommt ihr mit mehr?"

  2. Aktion saubere Slums - humanes Verhungern?

  3. Netter Schlussgedanke:

    "Die Klotüten könnten bald den Boden in nahe gelegenen Gartenbaubetrieben düngen, die Rosen für Europa züchten."

    Weisse Rosen aus Athen - mit Faekalduft aus Kenia.

    • bojan
    • 13.06.2010 um 2:06 Uhr

    Ein interessanter Artikel, der zeigt mit welchen Problemen unsere Mitbürger in vielen Teilen der Welt zu kämpfen haben. Die zynischen Bemerkungen hier offenbaren, dass es leider kaum eine Vorstellung von der Situation in anderen Ländern gibt - wo diese Produktentwicklung dazu beitragen kann eines oder gar mehrere der vielen Probleme zu lösen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    in Staedten und - scheinbar hat hier nur einer der Kommentatoren wirklich eine Vorstellung davon, was das bedeutet. Meine NGO hier in einem Slum in der Altstadt von Kabul ist an diesem Projekt verzweifelt und letztlich ist auch mein Projekt daran gescheitert. Peepoo ist eine grossartige Erfindung, loest aber nur ein Fragment der massiven Umweltprobleme in Slums weltweit.
    Wasserversorgung und Schmutzwasserentsorgung = Grund-/ Trinkwasserverschmutzung und viele andere Dinge folgen hinterdrein. Bei Menschen, die oft Buergerkriegsfluechtlinge und/ oder eben tief religioes gepraegt und von geringer Bildung steht das taegliche Ueberleben im Vordergrund. Da sind Verfahren zu Hygiene und Gesundheitserziehung nur bei mittel- und langfristigem Monitoring von Erfolg gekroent.
    Vertrauensaufbau und - eben langfristig arbeitende Bildungs- und Aufbaustrategien - das ist es, was erforderlich ist - nicht oberflaechliche Kurzinterventionen, wie viele NGO's sie praktizieren. Harte Arbeit, die nur in partnerschaftlichen Konzepten zwischen dem so genannten Norden und dem so genannten Sueden erwachsen koennen.
    In Kabul's Altstadt ist das System der Trockentoiletten, das jahrhundertelang im Austausch zwischen benachbarten Bauern und Siedlungs-/ Stadtbewohnern funktionierte auch zusammengebrochen. Die Trockentoiletten laufen hier in die Gassen ueber - die Stadt hat bisweilen einen Faekalanteil in der Atemluft - insbesondere in der Altstadt, der nicht nur unertraeglich, sondern auch hoechst gesundheitsschaedlich ist. Programme zur Regeneration koennen gerade hier, in der schnellst wachsenden Stadt Zentralasiens nur mittel- und langfristig konzipiert sein und in enger Koordination zwischen Streetworkern und Staedtebauern/ Ingenieuren funktionieren. Bei der allgemeinen Fokussierung auf militaerische Ziele und Optionen bleibt so alles, was die Lebensbedingungen betrifft unberuehrt und verschlechtert sich gar. Letztlich ist es aber auch unsere Umwelt, die hier zerstoert wird - durch planlose Verstaedterung, in der die essentiellen und grundlegenden Probleme nur ungenuegend und nicht systemisch angegangen werden.

    Herzliche Gruesse aus dem Luftkurort Kabul,
    Stefan Frischauf, Architekt und Staedtebauer

    in Staedten und - scheinbar hat hier nur einer der Kommentatoren wirklich eine Vorstellung davon, was das bedeutet. Meine NGO hier in einem Slum in der Altstadt von Kabul ist an diesem Projekt verzweifelt und letztlich ist auch mein Projekt daran gescheitert. Peepoo ist eine grossartige Erfindung, loest aber nur ein Fragment der massiven Umweltprobleme in Slums weltweit.
    Wasserversorgung und Schmutzwasserentsorgung = Grund-/ Trinkwasserverschmutzung und viele andere Dinge folgen hinterdrein. Bei Menschen, die oft Buergerkriegsfluechtlinge und/ oder eben tief religioes gepraegt und von geringer Bildung steht das taegliche Ueberleben im Vordergrund. Da sind Verfahren zu Hygiene und Gesundheitserziehung nur bei mittel- und langfristigem Monitoring von Erfolg gekroent.
    Vertrauensaufbau und - eben langfristig arbeitende Bildungs- und Aufbaustrategien - das ist es, was erforderlich ist - nicht oberflaechliche Kurzinterventionen, wie viele NGO's sie praktizieren. Harte Arbeit, die nur in partnerschaftlichen Konzepten zwischen dem so genannten Norden und dem so genannten Sueden erwachsen koennen.
    In Kabul's Altstadt ist das System der Trockentoiletten, das jahrhundertelang im Austausch zwischen benachbarten Bauern und Siedlungs-/ Stadtbewohnern funktionierte auch zusammengebrochen. Die Trockentoiletten laufen hier in die Gassen ueber - die Stadt hat bisweilen einen Faekalanteil in der Atemluft - insbesondere in der Altstadt, der nicht nur unertraeglich, sondern auch hoechst gesundheitsschaedlich ist. Programme zur Regeneration koennen gerade hier, in der schnellst wachsenden Stadt Zentralasiens nur mittel- und langfristig konzipiert sein und in enger Koordination zwischen Streetworkern und Staedtebauern/ Ingenieuren funktionieren. Bei der allgemeinen Fokussierung auf militaerische Ziele und Optionen bleibt so alles, was die Lebensbedingungen betrifft unberuehrt und verschlechtert sich gar. Letztlich ist es aber auch unsere Umwelt, die hier zerstoert wird - durch planlose Verstaedterung, in der die essentiellen und grundlegenden Probleme nur ungenuegend und nicht systemisch angegangen werden.

    Herzliche Gruesse aus dem Luftkurort Kabul,
    Stefan Frischauf, Architekt und Staedtebauer

  4. in Staedten und - scheinbar hat hier nur einer der Kommentatoren wirklich eine Vorstellung davon, was das bedeutet. Meine NGO hier in einem Slum in der Altstadt von Kabul ist an diesem Projekt verzweifelt und letztlich ist auch mein Projekt daran gescheitert. Peepoo ist eine grossartige Erfindung, loest aber nur ein Fragment der massiven Umweltprobleme in Slums weltweit.
    Wasserversorgung und Schmutzwasserentsorgung = Grund-/ Trinkwasserverschmutzung und viele andere Dinge folgen hinterdrein. Bei Menschen, die oft Buergerkriegsfluechtlinge und/ oder eben tief religioes gepraegt und von geringer Bildung steht das taegliche Ueberleben im Vordergrund. Da sind Verfahren zu Hygiene und Gesundheitserziehung nur bei mittel- und langfristigem Monitoring von Erfolg gekroent.
    Vertrauensaufbau und - eben langfristig arbeitende Bildungs- und Aufbaustrategien - das ist es, was erforderlich ist - nicht oberflaechliche Kurzinterventionen, wie viele NGO's sie praktizieren. Harte Arbeit, die nur in partnerschaftlichen Konzepten zwischen dem so genannten Norden und dem so genannten Sueden erwachsen koennen.
    In Kabul's Altstadt ist das System der Trockentoiletten, das jahrhundertelang im Austausch zwischen benachbarten Bauern und Siedlungs-/ Stadtbewohnern funktionierte auch zusammengebrochen. Die Trockentoiletten laufen hier in die Gassen ueber - die Stadt hat bisweilen einen Faekalanteil in der Atemluft - insbesondere in der Altstadt, der nicht nur unertraeglich, sondern auch hoechst gesundheitsschaedlich ist. Programme zur Regeneration koennen gerade hier, in der schnellst wachsenden Stadt Zentralasiens nur mittel- und langfristig konzipiert sein und in enger Koordination zwischen Streetworkern und Staedtebauern/ Ingenieuren funktionieren. Bei der allgemeinen Fokussierung auf militaerische Ziele und Optionen bleibt so alles, was die Lebensbedingungen betrifft unberuehrt und verschlechtert sich gar. Letztlich ist es aber auch unsere Umwelt, die hier zerstoert wird - durch planlose Verstaedterung, in der die essentiellen und grundlegenden Probleme nur ungenuegend und nicht systemisch angegangen werden.

    Herzliche Gruesse aus dem Luftkurort Kabul,
    Stefan Frischauf, Architekt und Staedtebauer

    Antwort auf "Distanzdenken"
  5. Bei den Peepoo Bags gibt es ein Grundproblem. Die Leute kacken eh schon in Plastiktueten, wie im Artikel beschrieben. Warum sollen sie Geld dafuer ausgeben, um in oekologisch abbaubare Plastiktueten zu kacken, wenn es die anderen Beutel umsonst gibt?

    Was der Artikel zudem verschweigt. Wo sollen denn die Leute all die Tueten mit der Kacke kompostieren? Koennen Sie sich die Menge der Tueten pro Tag vorstellen, die bei 6-8 Personen pro Haushalt und 2-3 "Ereignissen" pro Tag anfallen? In den Slums gibt es dafuer keinen Platz. Und wer sollte die Kacktueten abholen, wenn noch nicht mal die normale Muellabfuhr in die Slums kommt, um den Haushaltsmuell zu entsorgen?

    Ausserdem fehlt immer noch eine wissenschaftliche Untersuchung, die beweisst, dass wirklich alle Keime und Wurmeier in diesen Tueten unter Praxusbedingungen abgetoetet werden. Bislang gibt es nur eine Studie aus Schweden, die im Labor und mit Eiern des Schweinebandwurms durchgefuehrt wurde.

    Es gibt wesentlich bessere, nachhaltigere und menschenwuerdigere Konzepte im Sanitaetsektor, als Leuten zu empfehlen in politisch korrekte Biotueten zu kacken.

    All diejenigen, die die Peepoo Bags empfehlen, sollen erstmal ihre eigene Familie ueberzeugen, dies fuer 4 Wochen am Stueck zuhause zu implementieren. Auf dieser Erfahrungsbasis koennen wir dann weiter diskutieren.

  6. aufklärenden kommentar. mein zuerst zynischer beitrag bezog sich letztendlich auf ihre angesprochene weiterführende problematik.
    wir führen zwar krieg in afghanistan, ist aber die frage wozu?
    was dort dafür ausgegeben wird kommt nur denen zugute welche waffen dafür herstellen.
    nicht auszudenken wenn statt dessen diese gelder zum aufbau verwendet werden würde. schulen, krankenhäuser, strassen, toiletten, kanalisation etc.
    was würde unsere regierung darauf antworten wenn sie dazu befragt würde? erst die bösen taliban besiegen?

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