Schwarz-Gelb Zu wenig bürgerlich

Allein der Selbsterhaltungstrieb hält Schwarz-Gelb noch zusammen. Im Land wächst der Verdruss über alle Politik

Am Anfang war es nur ein Fehlstart, wenn auch ein außergewöhnlich drastischer. Heute kann niemand den Zustand der schwarz-gelben Koalition mehr mit Startschwierigkeiten erklären. Mit ihrer selbstbezogenen, streitsüchtigen, überforderten Vorstellung wirkt die Regierung acht Monate nach ihrem Beginn politisch schon am Ende. Doch der desaströse Auftritt wird sich hinziehen, das tatsächliche Ende der Koalition ist nicht in Sicht.

Es gibt in der Geschichte der Bundesrepublik kein Beispiel für einen solchen Niedergang. 1998 geriet die frischgebackene rot-grüne Koalition durch eine Art enthusiastischen Dilettantismus in die Krise. Die Partner hatten sich zu schnell zu viel vorgenommen. Dagegen hat die jetzige Koalition von Beginn an gar keinen gemeinsamen Willen entwickelt. Stattdessen vertritt sie in den zentralen Fragen gegensätzliche Positionen. Alle Versuche, bei den Schlüsselthemen Finanzmarkt, Steuern, Gesundheit, Energie oder Bundeswehr vernünftige Kompromisse zu schließen, sind bislang misslungen.

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Wenn die Koalition unter dem Druck der Krise Entscheidungen trifft, wie jüngst beim Sparpaket, wird daraus keine Zäsur, sondern nur der Startschuss für die nächste Kontroverse. Inzwischen gewinnen die Auseinandersetzungen eine Dynamik, bei der als Drohung der Koalitionsbruch schon mitschwingt. Doch das bleibt ein leeres Versprechen.

Angela Merkel steht ohne Autorität, ihre Koalition ohne Führung da

Sucht man nach den Gründen für das frühe Scheitern, zeigt sich schnell ein fatales Muster: Zwei kleine Koalitionspartner verfolgen radikal und kompromisslos ihre Eigeninteressen und blockieren damit eine flach profilierte, auf Konsens ausgerichtete CDU. Deren Kanzlerin ist schon qua Naturell nicht in der Lage, ihre eigenwilligen Partner auf eine Linie mittlerer Vernunft zu zwingen. Weil sich dieses Unvermögen in den vergangenen Monaten immer wieder gezeigt hat, steht Angela Merkel inzwischen ohne Autorität und ihre Koalition ohne Führung da. Die Kanzlerin ist zu einer dezenten Stimme in einem lauten Chor sich anfeindender Partner geworden.

Die Dramatik der Lage wird atmosphärisch aufgeladen durch den beispiellosen Rücktritt des Bundespräsidenten. Selbst wenn Horst Köhlers Flucht aus dem Amt mit dem Politikverzicht der Koalition gar nichts zu tun hat, trägt sie doch zum Gefühl allgemeiner politischer Verunsicherung bei. Ausgerechnet Schwarz-Gelb, das über Jahrzehnte den Nimbus einer bieder berechenbaren, staatstragenden Koalition für sich beanspruchen durfte, gerät jetzt, inmitten einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise, selbst zur Belastung des politischen Systems.

Es steht heute mehr auf dem Spiel als die Zukunft der schwarz-gelben Koalition. Auch deshalb, weil sie einfach weitermacht. Denn dass dem Bündnis kein politischer Sinn erwächst, bedeutet für die drei Koalitionsparteien ja nicht, dass sie das Handtuch werfen. Im Gegenteil: Je weniger CDU, CSU und FDP in der Lage sind, ihre Regierung durch gemeinsames Wollen und Handeln zu rechtfertigen, desto fester klammern sie sich an das Bündnis selbst. Zumindest dieser Konsens steht außer Frage.

Hierfür haben alle drei Partner plausible, wenn auch in erster Linie egoistische Gründe. Abgesehen davon, dass Neuwahlen nur schwer herbeizuführen sind, wäre das Urteil der Wähler so verheerend, dass die Idee von allen Beteiligten reflexhaft verworfen wird. Bleibt die zweite Variante, eine grundlegende Änderung zu versuchen: den Wechsel der Union zurück in die Große Koalition. Auch wenn man die Verklärung, die dieses Bündnis nach acht Monaten Schwarz-Gelb erfährt, ins Realistische mildert, so hat sich die Große Koalition vor allem während der Finanzkrise als krisentauglich erwiesen. Und nur der Wähler konnte die Kanzlerin im Herbst 2009 zwingen, sie aufzukündigen.

Leser-Kommentare
  1. Bitte macht dem ganzen Spuck ein Ende.
    Es vegeht zu viel Zeit.
    Es müssen Neuwahlen her.
    Und ich wünsche mir, dass dann ALLE wählen gehn, um ein faires Ergebnis zu bekommen

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    • dapeda
    • 19.06.2010 um 14:33 Uhr

    Dem stimme ich zu - und das ist durch Wahlpflicht (erfordert vermutlich ein Verfassungsgesetz) zu erreichen. Die ständig abnehmenden Wahlbeteiligungen (ist hier in Ö auch so) werden das irgendwann erforderlich machen.

    • dapeda
    • 19.06.2010 um 14:33 Uhr

    Dem stimme ich zu - und das ist durch Wahlpflicht (erfordert vermutlich ein Verfassungsgesetz) zu erreichen. Die ständig abnehmenden Wahlbeteiligungen (ist hier in Ö auch so) werden das irgendwann erforderlich machen.

  2. Da weder Merkel noch Koalitionäre eine Ahnung haben, wer hier Souverän ist:

    das deutsche Volk.

    Es sei nochmals erwähnt, dass die Regierung jeweils das gesamt deutsche Volk regiert und nicht für die Bedienung der jeweiligen Klientel zuständig ist. Wir werden noch viele weitere Geschichten von Gurkentruppen und Wildsäuen lesen, bevor die Neoliberalen in der Versenkung verschwinden.

  3. "Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe."

    Also bitte Frau Bundeskanzlerin,stellen Sie die Vertrauensfrage !

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    Das wird nichts bringen; im Parlament sitzt nicht das Volk. Ich wünschte, es gäbe einen Generalstaatsanwalt, der einschreiten könnte und dürfte, wenn Politiker schamlos ihren Amtseid brechen wie es jetzt in dieser Bundesregierung CDU/CSU/FDP üblich geworden ist!

    Insofern ist dieser Eid fragwürdig.

    Das wird nichts bringen; im Parlament sitzt nicht das Volk. Ich wünschte, es gäbe einen Generalstaatsanwalt, der einschreiten könnte und dürfte, wenn Politiker schamlos ihren Amtseid brechen wie es jetzt in dieser Bundesregierung CDU/CSU/FDP üblich geworden ist!

    Insofern ist dieser Eid fragwürdig.

    • kael
    • 19.06.2010 um 13:37 Uhr

    Zitat: "Es ist die wachsende Aversion gegenüber »der Politik« insgesamt..."

    Genau betrachtet ist es nicht "die Politik", die die Menschen frustriert. Im Gegenteil, sie scheinen poltiisch sehr viel aufgeschlossener und interessierter als noch ihre Eltern und Großeltern. Nein, es sind die Handelnden, die Politker, die "wachsnde Aversion" hervorrufen. Sie geben im besten Falle nur ein Bild des Jammers ab,im schlechten Fall aber das Bild einer nur noch um Macht und Pfründe streitende Kaste, deren Gruppenegoismus jedweden Kontakt zu den Bürgern verloren hat. Und das ist noch viel schlimmer als purer Diletantismus.

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    Die Väter der Verfassung der Bundesrepblik waren wohl in der irrigen Annahme, dass die Legislative nicht von einem Kindergarten gestellt wird.

    Frau Merkel sollte baldigst den Köhler machen. Wie erwarten auch von Frau Merkel keine Erklärung, Sie dürfen Ihren Rücktritt sogar vom Blatt ablesen.

    Die Väter der Verfassung der Bundesrepblik waren wohl in der irrigen Annahme, dass die Legislative nicht von einem Kindergarten gestellt wird.

    Frau Merkel sollte baldigst den Köhler machen. Wie erwarten auch von Frau Merkel keine Erklärung, Sie dürfen Ihren Rücktritt sogar vom Blatt ablesen.

  4. Das wird nichts bringen; im Parlament sitzt nicht das Volk. Ich wünschte, es gäbe einen Generalstaatsanwalt, der einschreiten könnte und dürfte, wenn Politiker schamlos ihren Amtseid brechen wie es jetzt in dieser Bundesregierung CDU/CSU/FDP üblich geworden ist!

    • Ploetz
    • 19.06.2010 um 13:43 Uhr

    Wiederum sieht man eine ganz klare Richtung in der Politik: Dadurch, dass die Priorität über Jahre hinweg nicht mehr bei der Sache liegt, sondern auf deren Darstellung, gerät die politische sogenannte Führung in eine gefährliche Schieflage.

    Zuvor erhielt die Darstellung den Vorrang vor inhaltlichen, zielbezogenen Debatten. Heute wird aus dieser Priorität der nach außen positiv wirkenden Darstellung der Versuch, egal auf wessen Kosten sich selbst zu präsentieren. Übrigens auch egal, in welcher Form - hauptsache Darstellung.

    Wenn die Politik als Ganzes nicht schleunigst (damit ist eben nicht nur die in dieser Form extreme, schwarz-gelbe Koalition gemeint) versucht, wieder sachliche Entscheidungsketten in der Vordergrund zu stellen, wird die Parteienmüdigkeit in der Bevölkerung noch weiter zunehmen.

    Es muss darum gehen, idealisierte Zielvorgaben zu erstellen, darauf basierend Handlungsmuster zu erstellen. Diese müssen dann mit den praktischen Umsetzungsmöglichkeiten abgegleichen werden.
    Letztendlich geht es dann darum, zu versuchen, sich den auf dieser Vergleichsbasis möglicherweise zu verändernden Zielvorgaben anzunähern, so weit dies geht.

    Dann wird womöglich endlich wieder die Aufmerksamkeit auf die absolute, nicht die relative Verbesserung und deren Darstellung gelenkt.

  5. Die Väter der Verfassung der Bundesrepblik waren wohl in der irrigen Annahme, dass die Legislative nicht von einem Kindergarten gestellt wird.

    Frau Merkel sollte baldigst den Köhler machen. Wie erwarten auch von Frau Merkel keine Erklärung, Sie dürfen Ihren Rücktritt sogar vom Blatt ablesen.

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    • Ploetz
    • 19.06.2010 um 13:55 Uhr

    Es gibt einen Fehler in der Verfassung (welche im Grunde keine ist) - aber einen anderen, als Sie meinen.
    Der Fehler liegt darin, dass die Wähler nicht die Möglichkeit haben, durch eine Wahlbeteiligung unter 50 % die Politik dazu zu drängen, darüber nachzudenken, weshalb neu gewählt werden muss.
    Dies ist laut Grundgesetz eben nicht möglich - egal, ob 1 % der Wahlberechtigten wählen, oder 49%.
    Und ich glaube nicht, dass die immer niedrigere Wahlbeteiligung vorrangig auf Politikmüdigkeit und Desinteresse basiert - sondern auf Parteienmüdigkeit der Wähler.
    Und die Wahrscheinlichkeit, dass durch das Wählen kleiner Parteien, oder durch ungültiges Wählen den Politikern ein klares Zeichen gesetzt wird, ist äußerst gering.

    • Ploetz
    • 19.06.2010 um 13:55 Uhr

    Es gibt einen Fehler in der Verfassung (welche im Grunde keine ist) - aber einen anderen, als Sie meinen.
    Der Fehler liegt darin, dass die Wähler nicht die Möglichkeit haben, durch eine Wahlbeteiligung unter 50 % die Politik dazu zu drängen, darüber nachzudenken, weshalb neu gewählt werden muss.
    Dies ist laut Grundgesetz eben nicht möglich - egal, ob 1 % der Wahlberechtigten wählen, oder 49%.
    Und ich glaube nicht, dass die immer niedrigere Wahlbeteiligung vorrangig auf Politikmüdigkeit und Desinteresse basiert - sondern auf Parteienmüdigkeit der Wähler.
    Und die Wahrscheinlichkeit, dass durch das Wählen kleiner Parteien, oder durch ungültiges Wählen den Politikern ein klares Zeichen gesetzt wird, ist äußerst gering.

    • Ploetz
    • 19.06.2010 um 13:55 Uhr

    Es gibt einen Fehler in der Verfassung (welche im Grunde keine ist) - aber einen anderen, als Sie meinen.
    Der Fehler liegt darin, dass die Wähler nicht die Möglichkeit haben, durch eine Wahlbeteiligung unter 50 % die Politik dazu zu drängen, darüber nachzudenken, weshalb neu gewählt werden muss.
    Dies ist laut Grundgesetz eben nicht möglich - egal, ob 1 % der Wahlberechtigten wählen, oder 49%.
    Und ich glaube nicht, dass die immer niedrigere Wahlbeteiligung vorrangig auf Politikmüdigkeit und Desinteresse basiert - sondern auf Parteienmüdigkeit der Wähler.
    Und die Wahrscheinlichkeit, dass durch das Wählen kleiner Parteien, oder durch ungültiges Wählen den Politikern ein klares Zeichen gesetzt wird, ist äußerst gering.

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    ...ist die harte Bestrafung des Volkes durch die Nichtwähler. Die durch ihr Nichtwählen die schlechtesten Kandidaten an die Macht kommen lassen.

    Es muss der Bevölkerung möglich sein, die Gesetze der Regierung per Abstimmung zu kippen, oder selbst Initiativen vorbringen zu können. Manchmal kommt ein Minarettverbot dabei heraus - immer jedoch werden sich die Bürger wesentlich intensiver mit den Folgen der Politik befassen. Ich sehe deshalb keinen Politikverdruss bei dem Volk, eher einen wachsenden Wahlvolkverdruss bei den Politikern.

    ...ist die harte Bestrafung des Volkes durch die Nichtwähler. Die durch ihr Nichtwählen die schlechtesten Kandidaten an die Macht kommen lassen.

    Es muss der Bevölkerung möglich sein, die Gesetze der Regierung per Abstimmung zu kippen, oder selbst Initiativen vorbringen zu können. Manchmal kommt ein Minarettverbot dabei heraus - immer jedoch werden sich die Bürger wesentlich intensiver mit den Folgen der Politik befassen. Ich sehe deshalb keinen Politikverdruss bei dem Volk, eher einen wachsenden Wahlvolkverdruss bei den Politikern.

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