TagebuchRevolution nur bei Schönwetter

Das Tagebuch war ein Zufallsfund. Ein jüdischer Lehrer erzählt darin, wie er das Revolutionsjahr 1848 erlebte. von Niko Wahl

Die Reaktion hat das revolutionäre Wien erreicht. Nur kurz hatte er sich auf die Straße gewagt, dann hält der Hauslehrer Benjamin Kewall bestürzt das Bild fest, das sich ihm in der Leopoldstadt bot: »Fast alle Häuser sind mehr oder weniger beschädigt worden. Ja sie drangen sogar in das Innere derselben, plünderten, zerstörten und zertrümmerten nach Herzenslust. Leider sieht man auf den Straßen mehre gräßlich verstümmelte Leichen, die noch nicht weggeräumt werden konnten.«

Im Oktober 1848 machen die Truppen des Fürsten Windischgrätz der aufständischen Stadt den Garaus, und in den Stallungen seines Dienstherrn, des kaiserlichen Pferdelieferanten Marcus Mayer Strass, sitzt Kewall über sein Tagebuch gebeugt. Er notiert seine Augenzeugenberichte in einen kleinformatigen Band mit Leinenrücken, schreibt mit hebräischen Buchstaben, von rechts nach links, aber in deutscher Sprache. Er ist zur Stelle, als die Soldaten über die Praterstraße zu den Stadtmauern vordringen. Er berichtet von wilden Gerüchten, von der anarchischen Stimmung der aufgeregten Bürger und Arbeiter, von Frauen, die Barrikaden verteidigen, von Ausschreitungen und Plünderungen. Kewall verbleibt auch in Wien, als die Eroberer das Standrecht in der Stadt ausrufen.

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Die Revolution währte 1848 in Wien nur einen kurzen Moment. Kewall war ein teilnehmender und begeisterter Beobachter, der auch in deutschen und österreichischen Zeitungen über die Ereignisse berichtete. In seinem Tagebuch erzählt er davon, wie sich die Aufbruchsstimmung immer mehr zuspitzte. »Die Physiognomie Wiens gestaltet sich nachgerade sehr spektakelsüchtig«, notierte er am 9. September. Wenige Tage später: »Viele höre ich ausrufen: ›Wir scheißen euch auf die Freiheit, gebt uns nur zu essen.‹» Eine Woche darauf: »Wien ist zwar dem Anscheine nach ruhig, ich wittere jedoch Leichengeruch.«

Die Eintragungen setzen im August 1848 ein und enden im Mai 1850 abrupt. Nur durch einen Zufall gelangte das Tagebuch des Hauslehrers, vermutlich eines von mehreren, in kundige Hände: Vor sieben Jahren war ein Angestellter eines Altstoffsammelzentrums im kleinen oberösterreichischen Ort Bad Zell im Altpapier auf den unscheinbaren Band gestoßen. Die enge, ordentliche Handschrift konnte der Finder allerdings nicht entziffern. Über mehrere Stationen gelangte die Chronik schließlich in die Bibliothek des Benediktinerstiftes Melk, wo sie als »Codex Mellicensis 1516« in die Bestände aufgenommen wurde, aber jahrelang unbeachtet blieb. Erst als der Pater Bibliothekar damit begann, die Sätze vom hebräischen ins lateinische Alphabet zu transkribieren, erschloss sich der Inhalt. Für die Buchveröffentlichung, die nun vorliegt, forschte der Historiker Wolfgang Gasser den Autor des bis dahin anonymen Tagebuches aus. Schrift, Sprache und Stil ließen auf einen liberal gesinnten, deutschsprachigen Juden schließen, der aufgrund eigener Angaben und der Familienlisten der tolerierten Juden in Wien als Benjamin Bernhard Kewall identifiziert wurde. Gasser fand auch heraus, dass die Notizen Kewalls nicht zum ersten Mal kurz vor der Vernichtung gestanden waren: Bereits in den fünfziger Jahren fand sich der Band im Recyclingmaterial einer Schwertberger Kartonagenfabrik. Auch damals war die Rettung nur einem Zufall geschuldet. Der Finder bewahrte das Tagebuch bis zu seinem Tod auf. Mit anderen alten Papieren wurde es dann von den Nachfahren entsorgt.

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