Die Königin liegt fein sortiert im Kühlschrank. Jeder Knochen ist einzeln eingetütet. Friederike Hertel, Restauratorin am Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, kontrolliert täglich, ob die Temperatur noch etwa fünf Grad Celsius beträgt und die Luftfeuchtigkeit nicht über 55 Prozent steigt. Jetzt nimmt sie behutsam eine Tüte heraus. »Das ist alles, was von Edithas Schädel übrig geblieben ist.« Ein Stück Oberkiefer, in dem noch die Zähne stecken, darüber zeichnet sich die Nasenhöhle ab. Schädeldecke und Unterkiefer fehlen.

Warum von diesem Haupt nur ein Fragment erhalten ist, das ist eines der vielen Geheimnisse, die die Knochen umgeben. Das größte Rätsel lautet: Handelt es sich wirklich um die sterblichen Überreste von »Edit Regine« (910-946), wie es auf dem Bleisarg eingraviert ist, in dem Archäologen sie im Magdeburger Dom fanden? Ist das tatsächlich Editha, die englische Prinzessin, die vor fast 1100 Jahren den sächsischen König Otto heiratete? Ebenjenen Otto, der auf dem Lechfeld mit der Heiligen Lanze in der Hand die Ungarn besiegte und vom Papst zum römischen Kaiser gekrönt wurde. Und dem später das Epitheton »der Große« verliehen wurde, weil er das begründete, was als Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation in die Geschichtsbücher einging. Seine Frau Editha ist gewissermaßen die Urmutter der Deutschen.

Schon der Sargfund vor anderthalb Jahren sorgte für Wirbel: Die britische Presse bejubelte Eadgyth, wie sie dort heißt, als ältesten erhaltenen Royal, und die Magdeburger machten aus ihr eine »Lady Di des Mittelalters«. Trotzdem waren die Bedenken groß, es läge vielleicht nur irgendein namenloses Gerippe im Sarg. Posthume Hochstapeleien gibt es schließlich viele: In Weimar wurde ein Schädel Jahrzehnte zu Unrecht als der von Friedrich Schiller verehrt. Und auch im Salzburger Mozarteum ruht aller Wahrscheinlichkeit nach nicht das Cranium des Komponisten der Zauberflöte.

Das Scheingrab erweist sich als echt, die Tote wurde mehrfach umgebettet

Während es schon bei vor 200 Jahren Verstorbenen unmöglich scheint, ihr postmortales Schicksal zu rekonstruieren, wie soll das bei Editha gehen, die schon 546 Jahre tot war, bevor sie 1510 in den Bleisarg gelegt worden sein soll (so ist es dort eingraviert). Niemand konnte damals sicher sein, dass es ihre Gebeine waren. Und in den 500 Jahren danach passierte auch nicht wenig: Im Dreißigjährigen Krieg verheerten Tillys Truppen Magdeburg; 1945 legten alliierte Bomber die Stadt erneut in Schutt und Asche. Und so verbeult der Sarg ist, verwundern die Gerüchte nicht, er sei mehrmals geöffnet worden. Liegt in ihm eine falsche Königin? Um das zu klären, nahmen Forscher verschiedenster Disziplinen die forensische Ermittlungsarbeit auf. Jetzt legen sie ihre Ergebnisse vor.

Die Wortwahl überrascht: Ein »Nebenprodukt« seiner Arbeit, nennt Rainer Kuhn Editha. Sie sei ein »Zufallsfund, wenn auch ein spektakulärer«. Kuhn ist Archäologe und Projektleiter bei der Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt. Seit 2001 gräbt er im und um den Magdeburger Dom herum. Kuhn sucht nach den Überresten jener romanischen Kathedrale, die Otto der Große im 10. Jahrhundert errichten ließ, die am Karfreitag 1207 aber abbrannte und durch eine neue Kirche ersetzt wurde, die wiederum als erster gotischer Dom auf deutschem Boden gilt und bis heute ihre Türme gen Himmel streckt.

Ob Edithas Grab den mittelalterlichen Karfreitagsflammen zum Opfer fiel? Jedenfalls steht im Chorumgang nur ihr Kenotaph aus der Renaissance. Solch ein »Scheingrab« ist per definitionem leer, es dient der Erinnerung an jene, deren Gebeine nicht zu finden sind. Weil die Ausgräber unter dem Scheingrab eine Krypta vermuteten, sollte es versetzt werden. Bevor man aber den 1,5 Tonnen schweren Deckel hob, spähte man mit einer Miniaturkamera hinein. »Wie waren wir überrascht, als wir eine Bleikiste entdeckten«, erinnert sich Kuhn. Sie war nur 77 Zentimeter lang; ihr Deckel trug die lateinische Gravur: »Die sterblichen Überreste der Königin Edith sind in diesem Sarkophag geborgen, nachdem 1510 schon die zweite Erneuerung dieses Monuments gemacht worden ist«.

»Das wäre demnach mindestens ihr drittes Grab«, sagt Kuhn. Vermutlich 910 wurde Editha als Tochter des englischen Königs Edward des Älteren geboren. Ihr Großvater Alfred der Große hatte England vom Joch der Dänen befreit, ihr Halbbruder Aethelstan vereinigte alle englischen Reiche unter einer Krone. 929 heiratete die Prinzessin aus dem Hause Wessex dann Otto und verlieh der sächsischen Dynastie Glanz und Gloria.