Wahl des Bundespräsidenten Die wahren Bürgerlichen
In der Popularität des Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck drückt sich ein neuer Sinn für das Gemeinwohl aus
©Johannes Eisele/Getty Images

Joachim Gauck
Dass ausgerechnet ein Langweilerwort wie »bürgerlich« so gefährliche Kraft entfalten würde, hätte niemand gedacht. Der Begriff war die Krawatte, die sich die schwarz-gelbe Koalition umgebunden hatte, nun wird er zum Strick, an dem sie aufgehängt werden soll. Ist das etwa bürgerlich – einander derart anzukeifen, nichts zu leisten, so kindisch und selbstverliebt zu sein? Mit diesem paradoxen Versagen der Regierung Merkel/Westerwelle hängt es zusammen, dass der Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck bis weit ins konservative Milieu hinein so fasziniert: als Pastor und Bildungsmensch, als selbstständiger Kopf mit einem unverwechselbaren Lebensweg, als antikommunistischer Freiheitsheld steht er für eine eindrucksvolle Bürgerlichkeit, die dem Bündnis von Union und FDP so peinlich fehlt.
Wer Gauck unpolitisch findet, hat die Revolution von 1989 vergessen
Noch interessanter ist die Bürgerlichkeit, die Gauck nicht bloß verkörpert, sondern mobilisiert: eine neue Staatsbürgerlichkeit. Es ist schwer, das reale politische Gewicht der Unterschriftensammlungen, Facebook-Initiativen und Clubgründungen abzuschätzen, die jetzt zur Unterstützung des Kandidaten unternommen werden. Jedenfalls hat die deutsche Demokratie so etwas noch nicht erlebt. Das Internet, das sich während der letzten Bundestagswahl als politisch tot erwiesen hatte, wird zur Organisationsplattform einer Bürgerbewegung.
Die Intellektuellen, die sich angeblich nicht mehr für Politik interessieren und zur Politik nichts mehr zu sagen haben, geben politische Lebenszeichen von sich. Und es sind nicht die üblichen Verdächtigen des Appellgewerbes von Günter Grass bis Klaus Staeck, die die Petition für Gauck unterschrieben haben, sondern Vertreter eines anderen Typus und einer anderen Generation, Autoren wie Daniel Kehlmann oder Julia Franck, die tatsächlich der Kunst ihre aktuelle öffentliche Rolle verdanken und nicht dem Aktivistentum.
Es wäre zu einfach, die »Gauckomanie« als Sehnsucht nach dem Unpolitischen wegzuerklären. Was liegt für ein Politikbegriff zugrunde, wenn ein führender Teilnehmer des wichtigsten historischen Ereignisses der deutschen Nachkriegsgeschichte als antipolitische Figur erscheint? So politisch wie die Aufstellung eines niedersächsischen Landeshaushalts ist die Revolution von 1989 vielleicht doch gewesen. Unpolitisch war eher die Tendenz der Bundespräsidentschaft Köhler mit ihrer Neigung, als Anwalt der normalen »Menschen« gegen den Staats- und Parteienbetrieb aufzutreten. Gauck vermeidet den populistischen Ton, er redet mehr therapeutisch von einer »Gesprächsstörung« zwischen Volk und Berufspolitik, an deren Behebung er arbeiten möchte. Sein Thema ist nicht der übersehene und betrogene, sondern der selbstbewusste, in Gaucks etwas merkwürdiger Formulierung: der »ermächtigte« Bürger.
Womöglich liegt hier der Grund für die Anziehungskraft des Phänomens Gauck. Es besteht derzeit ein irritierender Kontrast zwischen Überforderung der Politik und Unterforderung der Bürger. Die Finanz- und Eurokrise verlangt den Staatsinstitutionen und ihrem Personal das Äußerste ab; es geht immer mit höchstem Tempo auf unbekannter Straße ins Dunkel hinein. Gestern Konjunkturpaket, heute Währungsrettung, morgen Bankenregulierung – oder war es umgekehrt? Und da haben wir von afghanischen Autobomben oder iranischen Zentrifugen noch gar nicht gesprochen. Zum Symbol der Überforderung ist der amerikanische Präsident geworden, »der mächtigste Mann der Welt«, der hilflos zusehen muss, wie vor der Küste seines Landes monatelang jeden Tag Tausende Liter Öl ins Meer fließen.
Zugleich sind die Bürger der westlichen Staaten, auch der Bundesrepublik, in dieser hochdramatischen Zeit seltsam unbeteiligt – höchstens passiv beteiligt, als Gegenstand von Sparmaßnahmen, aber kaum durch einen aktiven Beitrag, ein Tun, eine soziale oder intellektuelle Leistung. Nicht dass die Bundeskanzlerin bei der Griechenlandhilfe zögerte, war das Problem, sondern dass sie den Deutungskampf gegen die chauvinistische Agitation der Bild- Zeitung überhaupt nicht aufnahm, dass sie es nicht versuchte, die Deutschen als Europäer anzusprechen und für eine gemeinsame Sache und Anstrengung zu gewinnen.
Man soll die Leute nicht von vornherein für beschränkt und egoistisch halten. Dass der Vorsitzende des CDU-Wirtschaftsrates vor einigen Tagen geradezu um eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes bat, war zwar auch ein schlaues politisches Manöver, um die Besserverdienenden moralisch aus der Schusslinie zu bringen und der FDP mit ihrer Wir-geben-nichts-Ideologie noch eins mitzugeben. Man kann die Geste aber auch als verzweifelten Ausdruck des Bedürfnisses verstehen, über die Besitzstandswahrung hinauszuwachsen, endlich auch an der Krisenlast mitzutragen und ein Opfer zu bringen: Wir wollen nicht Pfeffersäcke sein, sondern Staatsbürger.
- Datum 19.06.2010 - 19:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.06.2010 Nr. 25
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äh...lasst mich kurz überlegen...nö.
Ich find an dem nix, was mich vom Hocker reist, genauso wenig wie an den anderen Kandidaten. Die wirken alle so unpersönlich und unwesentlich. Und irgendwie hat der Präsident ja eh nix zu melden - wenn er sich dann doch meldet, dann wird er verjagt. Also kanns mir auch eigentlich egal sein wer das Rennen macht. Achja, fragen tut uns ja eh keiner, also MUSS es mir sogar egal sein...
...wie sinnlos das ganze eigentlich ist...
Ich halte das was sich im Internet abspielt schlicht für PR durch einige Wenige, die hier künstlich aufgeblasen wird. Warum die Medien derart auf Gauck abfahren ist mir schleierhaft. Aus meiner Sicht läuft seine Freiheitsrhetorik in der Gegenwart ins Leere. Die DDR ist lange überwunden und "Freiheit vom Staat" ist zwar schön und gut, aber ich halte das nicht für das wichtigste Problem in der Lobbykratie Deutschland. Aber Wulf ist vermutlich auch nicht besser (wobei der wenigstens nicht so penetrant von den Medien gebauchpinselt wird).
Mit ihrer Vermutung "Ich halte das was sich im Internet abspielt schlicht für PR durch einige Wenige, die hier künstlich aufgeblasen wird" könnten Sie recht haben. Zum Vergleich:
http://www.spiegelfechter...
Mit ihrer Vermutung "Ich halte das was sich im Internet abspielt schlicht für PR durch einige Wenige, die hier künstlich aufgeblasen wird" könnten Sie recht haben. Zum Vergleich:
http://www.spiegelfechter...
Gauck begeistert wen und warum genau? Wegen der Inhalte der Aussagen von Gauck zu Gesellschaftspolitischen Aspekten? Das kann es ja wohl nur für exakt diejenigen sein die Ihn nun in jubel jauchzende aber auch komplett kritiklose Höhen katapultieren. Genau wie man das mit den Stars der Film und Muskbranche praktiziert. Es wird aus allen Ecken jubiliert wobei man in dieser Phase nicht mal die Inhalte transportieren muss, es genügt der Kontext der Person mit den Jubelschreien und schon sind viele restlos Ueberzeugt ohne jemals auch nur eine Minute nachgedacht zu haben...
Selbst wenn die transportierten Nachrichten Unwahr waren oder sogar komplett der Fantasie entsprungen mussten sie nur oft genug wiederholt werden um diese schliesslich zur neuen Wahrheit zu machen...
Was bitte soll einer dort oben wenn dieser sich weiterhin über die Sozial zurückgebliebenen äussert wie es die Neoliberalen Verfechter seit Jahr und Tag tun? Die Revolutionäre von gestern sind leider nicht die Revolutionäre von heute... Genauso wie sich der Begriff von Freiheit und Demokratie totgelaufen hat... Nicht in den Sehnsüchten und Gedanken der Menschen aber im täglichen praktischen Leben. Nur deshalb können diese beiden Worte nach wie vor nach Herzenslust, mit List und Tücke missbraucht und naiv missverstanden werden.
DIE ZEIT hat Gauck bereits in ihr Herz geschlossen. Dieser Artikel reiht sich ein in die Kampagnen zu seiner Unterstützung, die im Text angesprochen werden.
Ein bisschen Analyse hätte mir aber doch behagt.
„In der Popularität des Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck drückt sich ein neuer Sinn für das Gemeinwohl aus“ suggeriert ja sicher nicht unbeabsichtigterweise, dass Gauck für die Sorge um das Gemeinwohl steht.
Lesen wir jedoch einmal nach:
-> Er wisse, "dass in beiden Parteien [SPD und GRÜNEN] auch linke Positionen vertreten werden, die nicht völlig zu meinen politischen Grundüberzeugungen passen", sagte Gauck der Zeitung "Welt am Sonntag" laut Vorabbericht. Für ihn sei der Wert der Freiheit von allergrößter Bedeutung. Das sehe man im linken Spektrum zuweilen ganz anders, weil dort Werte wie Solidarität und staatliche Fürsorglichkeit vertreten würden.
http://www.fr-online.de/i...
-> Zeigt mehr Mut, erklärte er der Welt, einen Mut, wie Gerhard Schröder damals. Gauck der Verklärer sozialdemokratischer Wohltaten: “Als Bundeskanzler Schröder einst die Frage aufwarf”, so schwatzt er, “wie viel Fürsorge sich das Land noch leisten kann, da ist er ein Risiko eingegangen. Und es begann eine Phase, in der Politik und Risiko zusammen gingen. Solche Versuche mit Mut brauchen wir heute wieder.” Mut wie Schröder, mehr Mut zur Reform, Mut zu neuen Hartz-Experimenten.
http://ad-sinistram.blogs...
-> „Gauck mag sich über den Lagern wähnen, tatsächlich verkörpert er sehr viel davon, was die FDP will.“
http://www.sueddeutsche.d...
Es sieht mir nicht immer nach Gemeinwohl aus.
Aber auch sonst empfinde ich den Artikel als der ZEIT unwürdig. Es schwingt so einige Propaganda mit, hier der so gern bemühte „überforderte Politiker“ und die dem Markt machtlos gegenüber stehende Politik (TINA lässt grüßen).
Dort Sätze wie: „die ostdeutsche Revolution von 1989 – die Erfahrung, dass man Geschichte machen und dass sie glücken kann“ …
Um nicht gleich in die Ostalgie-Ecke gedrängt zu werden, ist man ja sogar heute stets genötigt, zu betonen, wie sehr ich mich über die Wiedervereinigung freue. Nichts anderes ist der Fall.
Aber das „geglückt“, das ist mir doch etwas zu euphorisch. Haben Sie sich in letzter Zeit Deutschlandkarten zu Wirtschaft und Sozialem angesehen?
Etwa die: http://www.geobranchen.de...
Oder die: http://upload.wikimedia.o...
Oder die: http://www.mdr.de/I/68244...
Ich sehe die Grenze noch.
Wie gesagt, ein bisschen mehr analytische Distanz hätte mich gefreut.
Dass mit Gauck ein Neoliberaler von der SPD und den GRÜNEN aufgestellt wird, zeigt, wie weit sich die Parteien von ihren
sozialen Anliegen verabschiedet hat. Dazu kommt noch, dass Gauck eine Rot-Rot-Grüne Regierung vehement ablehnt - also die einzige Option, die sowohl die GRÜNEN als auch die SPD an die Macht bringen könnte.
Tja, was soll man dazu nochsagen - außer = DIE SPD IST NACH WIE VOR VON DEN RECHTEN SEEHEIMERN GEKAPERT.
Rot-Grün war so damit beschäftigt durch den Kandidaten die Koalition in Bedrägngis zu bringen, dass sie garnichtdaran gedacht hat, dass sie ihre eigenen Wähler damit verprellen könnte. Schließlich sit Gauck für menschen die sich um Inhalte kümmern nicht besser als die FDP. Er ist jemand der sich als "Bürgerrechtler" gibt,a ber am ende doch nur Gönner und Rächer ist.
Rot-Grün war so damit beschäftigt durch den Kandidaten die Koalition in Bedrägngis zu bringen, dass sie garnichtdaran gedacht hat, dass sie ihre eigenen Wähler damit verprellen könnte. Schließlich sit Gauck für menschen die sich um Inhalte kümmern nicht besser als die FDP. Er ist jemand der sich als "Bürgerrechtler" gibt,a ber am ende doch nur Gönner und Rächer ist.
Wen will die Presse zusülzen?
Wir wählen doch eh nicht und die Wahl zwischen zwei H4-Verherrlichern und Kriegsbefürwortern könnte einem auch gestohlen bleiben, wählen dürfte.
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