Hamburger Schulreform Hamburger stimmen über Primarschule ab
Es herrscht Wahlkampf in Hamburg. Zur Abstimmung steht nicht weniger als ein Schulsystem. Dass die Bürger darüber entscheiden, wie ihre Kinder einmal lernen werden, das gab es in Deutschland noch nicht. Der Volksentscheid am 18. Juli wird im Streit zwischen schwarz-grünem Senat und der Volksinitiative »Wir wollen lernen« ein endgültiges Urteil sprechen, sein Ausgang ist für die Bürgerschaft verbindlich.
Im Kern geht es um zwei Jahre längeres gemeinsames Lernen auf der Grundschule, die damit zur sechsjährigen Primarschule würde. Der schwarz-grüne Senat erhofft sich von dieser Reform vor allem ein gerechteres Schulsystem. Das frühe Sortieren von Schülern in unterschiedliche Schulformen manifestiere Bildungsverläufe, heißt es.

Verwirrender Stimmzettel zum Volksentscheid am 18. Juli: Warum sollen die Hamburger gleich zweimal mit JA oder NEIN stimmen? Nicht nur die Initiatoren des Volksentscheids, auch die Parlamentarier stellen ihren Entwurf zur Abstimmung. Entschieden wird also, erstens, über die verlängerte Grundschule und, zweitens, über den Antrag, diese Idee aufzugeben. Wer auf der einen Seite JA ankreuzt, sollte daher sinnvollerweise auf der anderen Seite mit NEIN stimmen.
Um Hamburgs Schulen leistungsfähiger zu machen, haben Politiker aller Parteien bereits 2007 eine umfangreiche Strukturreform verbindlich beschlossen. Für den Wechsel nach der Grundschule stehen den Schülern nur noch zwei Schulformen zur Auswahl: das Gymnasium mit dem Abitur nach der 12. Klasse und die Stadtteilschule, die Haupt-, Real- und Gesamtschulen vereint und alle Bildungsabschlüsse bis zum Abitur nach 13 Jahren anbietet. Noch bevor dieses Zwei-Säulen-Modell eingeführt werden konnte, wurde die Stadt von den schwarz-grünen Plänen für die neue Primarschule überrollt, wonach
- die Gymnasien und Stadtteilschulen erst mit der siebten Klasse beginnen,
- es an den geplanten Primarschulen Fachunterricht wie Biologie ab Klasse vier gibt, unterrichtet auch von Gymnasiallehrern,
- Englisch ab der ersten Klasse unterrichtet wird, die zweite Fremdsprache ab Klasse fünf,
- höchstens 23 Kinder in eine Klasse gehen,
- nach neuen Methoden des individualisierten Lernens unterrichtet werden soll und alle Lehrer dazu fortgebildet werden,
- das Elternwahlrecht nicht wie ursprünglich vorgesehen ganz abgeschafft wird, Eltern aber erst nach der sechsten Klasse entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind geht,
- das Gymnasium mit einem Probejahr beginnt.
Über diese Punkte herrscht inzwischen überparteilicher Konsens, es wurde ein Schulfrieden beschlossen, wonach die schwarz-grünen Reformen zehn Jahre lang nicht angetastet werden sollen.
Der Volksinitiative »Wir wollen lernen« ist damit der Rückhalt in der Politik verloren gegangen. Auf ihrer Seite steht nur noch die FDP, die keine Stimme in der Bürgerschaft hat.
Die Forderungen der Initiative zielen vor allem auf den Erhalt der Gymnasien ab Klasse fünf und das freie Elternwahlrecht nach Klasse vier, also gegen die sechsjährige Primarschule als Zwangsmodell für alle. Im November vergangenen Jahres hat »Wir wollen lernen« 184.500 Unterschriften gesammelt. Damit war der Weg frei für den Volksentscheid.
Zwei Vorlagen stehen nun zur Abstimmung: Rund 250.000 Stimmen benötigt jede Seite, um den Volksentscheid zu gewinnen. Stimmen weniger Hamburger ab, gilt automatisch die Entscheidung der Bürgerschaft. Die Schulreform findet dann wie geplant statt. Aber der Streit darum wird noch lange toben. Jeannette Otto
- Datum 18.07.2010 - 13:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.06.2010 Nr. 25
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Man möchte man den Hamburgern empfehlen, sich vor ihrer Entscheidung mit den realen Berliner Erfahrungen der Einführung des individualisierten Lernens vertraut zu machen. Könnte den Blick durch die je nach Standpunkt ideologische oder idealistische Brille schärfen helfen:
http://www.tagesspiegel.d...
Danke Nico,
das wollte ich auch gerade schreiben.
Es werden u.a. auch das Vorziehen der Schulpflicht und der Wegfall der Anfangsklassen für Lernbehinderte als Gründe genannt.
Danke Nico,
das wollte ich auch gerade schreiben.
Es werden u.a. auch das Vorziehen der Schulpflicht und der Wegfall der Anfangsklassen für Lernbehinderte als Gründe genannt.
Sehr geehrte Frau Redlich,
ich finde es gut, dass Sie versuchen, sich selbst und die anderen Leser zu informieren. Der von Ihnen zitierte Artikel im Berliner Tagesspiegel sagt aber nichts davon, dass "individualisiertes Lernen" Überforderung schaffe. An keiner Stelle. Darin werden vielmehr die Eltern kritisiert als das Schulsystem.
"In Berlin wird es offenbar immer schwieriger, den Kindern in den ersten beiden Schuljahren die Grundlagen im Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Etliche Bezirke rechnen damit, dass in diesem Jahr noch mehr Zweitklässlern die Versetzung in die dritte Klasse verwehrt wird als im letzten Jahr, als jeder sechste Schüler betroffen war. Besonders alarmierend ist die Lage in den sozialen Brennpunkten Marzahns und Neuköllns, wo an einzelnen Schulen 40 bis 50 Prozent der Zweitklässler verbleiben müssen."
Um die Brisanz der Lage zu verstehen, habe ich - Entschuldigung - mehr Vorwissen der Berliner Situation vorausgesetzt als erwartet werden kann.
Das jahrgangsübergreifende Lernen war eingeführt worden, weil man mit dieser strukturellen Maßnahme individualisierte Vermittlungsformen auf schnellstem Wege in den Schulen einführen wollte.
Die Einführung war verbunden mit der Aussage, dass gerade bei Kindern, die Lernschwierigkeiten haben oder deren Eltern nicht in ausreichendem Maße auf die Schule vorzubereiten imstande sind, eine Verbesserung erreicht werden könne. Nun ist die Veränderung fast flächendeckend eingeführt worden. Das Ergebnis ist eine dramatische Verschlechterung.
Und - das haben Sie und ich genau richtig gelesen - als Schuldige werden nun just die bildungsfernen Elternhäuser ausgemacht, deren Kindern mit der Einführung individualisierten Lernens besonders geholfen werden sollte.
"In Berlin wird es offenbar immer schwieriger, den Kindern in den ersten beiden Schuljahren die Grundlagen im Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Etliche Bezirke rechnen damit, dass in diesem Jahr noch mehr Zweitklässlern die Versetzung in die dritte Klasse verwehrt wird als im letzten Jahr, als jeder sechste Schüler betroffen war. Besonders alarmierend ist die Lage in den sozialen Brennpunkten Marzahns und Neuköllns, wo an einzelnen Schulen 40 bis 50 Prozent der Zweitklässler verbleiben müssen."
Um die Brisanz der Lage zu verstehen, habe ich - Entschuldigung - mehr Vorwissen der Berliner Situation vorausgesetzt als erwartet werden kann.
Das jahrgangsübergreifende Lernen war eingeführt worden, weil man mit dieser strukturellen Maßnahme individualisierte Vermittlungsformen auf schnellstem Wege in den Schulen einführen wollte.
Die Einführung war verbunden mit der Aussage, dass gerade bei Kindern, die Lernschwierigkeiten haben oder deren Eltern nicht in ausreichendem Maße auf die Schule vorzubereiten imstande sind, eine Verbesserung erreicht werden könne. Nun ist die Veränderung fast flächendeckend eingeführt worden. Das Ergebnis ist eine dramatische Verschlechterung.
Und - das haben Sie und ich genau richtig gelesen - als Schuldige werden nun just die bildungsfernen Elternhäuser ausgemacht, deren Kindern mit der Einführung individualisierten Lernens besonders geholfen werden sollte.
Danke Nico,
das wollte ich auch gerade schreiben.
Es werden u.a. auch das Vorziehen der Schulpflicht und der Wegfall der Anfangsklassen für Lernbehinderte als Gründe genannt.
"In Berlin wird es offenbar immer schwieriger, den Kindern in den ersten beiden Schuljahren die Grundlagen im Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Etliche Bezirke rechnen damit, dass in diesem Jahr noch mehr Zweitklässlern die Versetzung in die dritte Klasse verwehrt wird als im letzten Jahr, als jeder sechste Schüler betroffen war. Besonders alarmierend ist die Lage in den sozialen Brennpunkten Marzahns und Neuköllns, wo an einzelnen Schulen 40 bis 50 Prozent der Zweitklässler verbleiben müssen."
Um die Brisanz der Lage zu verstehen, habe ich - Entschuldigung - mehr Vorwissen der Berliner Situation vorausgesetzt als erwartet werden kann.
Das jahrgangsübergreifende Lernen war eingeführt worden, weil man mit dieser strukturellen Maßnahme individualisierte Vermittlungsformen auf schnellstem Wege in den Schulen einführen wollte.
Die Einführung war verbunden mit der Aussage, dass gerade bei Kindern, die Lernschwierigkeiten haben oder deren Eltern nicht in ausreichendem Maße auf die Schule vorzubereiten imstande sind, eine Verbesserung erreicht werden könne. Nun ist die Veränderung fast flächendeckend eingeführt worden. Das Ergebnis ist eine dramatische Verschlechterung.
Und - das haben Sie und ich genau richtig gelesen - als Schuldige werden nun just die bildungsfernen Elternhäuser ausgemacht, deren Kindern mit der Einführung individualisierten Lernens besonders geholfen werden sollte.
Die Wahl zwischen Schablonen macht den Menschen am Ende wieder nur zum Füllmaterial. Als Ich-kann-Schule-Lehrer träume ich davon, dass wir statt Schablonen wählen einmal Schule verstehen und gestalten, nutzen und lenken lernen werden. Ja, wenigstens wissen, was LERNEN bedeutet, das wäre schon mal ein Anfang. Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe
Die Hamburger Schulreform ist mangelhaft:
1. Sie wird das eigentliche Ziel - Verbesserung der Chancengerechtigkeit - nicht erreichen. Sowohl in Brandenburg als auch in Berlin, wo bereits 6jährige Grundschulklassen eingerichtet wurden, gab es sogar gegenteilige Effekte: Der Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und Bildungserfolg/Lesekompetenz stieg statt wie erwartet zu sinken. [1] Für Berlin wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die ebenfalls keine positive Effekte nachweisen konnte. Der Autor der Studie, Prof. Rainer Lehmann, geht inzwischen ebenfalls von einem Negativeffekt aus. Zudem betont er, dass für starke Schüler die Lernerfolge größer seien, wenn sie auf ein Gymnasien wechseln, als wenn sie in Grundschulen bleiben, die sechs Jahre dauern. [2] Selbst der Leiter der ersten PISA-Studie, auf die sich sehr oft berufen wird, kritisiert die Hamburger Schulreform. So moniert er, dass es "keine belastbare empirische Evidenz" für die Verlängerung der Grundschulzeit gäbe, und die Beschneidung der humanistischen Gymnasien fraglich sei. [3] Mehrere hochrangige Bildungsforscher bescheinigen dem Kern der Reform also Nutzlosigkeit oder eine Schadenswirkung.
2. Kleinere Klassen werden nur für die Primarschulen garantiert, so dass die um zwei Jahre zwangskastrierten Gymnasien in Hamburg doppelt benachteiligt werden. Die bisherige Profilbildung von Gymnasien wird erschwert. Obwohl Studien für Hamburg selbst Schülern mit Lernrückstand mehr Lernerfolge auf Gymn. bescheinigten. [4]
3. Angesichts ihrer Nutzlosigkeit sind die geschätzten Kosten von zunächst 190-380 Millionen Euro [5] bishin zu intern genannten 1,2 Milliarden Euro [6], vor allem durch viele Umbauten, für einen Stadtstaat wie Hamburg immens und unvertretbar.
4. Die zwangsweise Verlängerung der Grundschulzeit ist der Einstieg in die Einheitsschule/Gemeinschaftsschule, welche u.a. die Grünen anstreben. Diese Schulform ist nichts anderes als ein Wiederauflage der katastrophal gescheiterten Gesamtschulen. Die Gesamtschulen haben nach Studien nicht nur zu dramatischen Einbrüchen bei den Lernleistungen von Abiturienten geführt [7], sondern waren bei PISA auch die Schulform mit dem größten Auseinanderdriften bei der Abhängigkeit der Schülerleistungen von der sozialen Stellung der Eltern.
[1] http://www.teachersnews.n...
[2] http://www.sueddeutsche.d...
[3] http://www.abendblatt.de/...
[4] http://www.hamburger-bild... (Punkt 2)
[5] http://www.abendblatt.de/...
[6] http://www.hh-heute.de/12...
[7] http://www.lehrerverband...., http://www.lehrerverband....
sind Sie ein Hellseher um diese als mangelhaft zu benoten?
sind Sie ein Hellseher um diese als mangelhaft zu benoten?
sind Sie ein Hellseher um diese als mangelhaft zu benoten?
Muss man eine Suppe bis zum letzten Tropfen auslöffeln, um festzustellen, dass sie versalzen ist?
Der Forist hat nur anschaulich die Nutzlosigkeit und den
Mangel dieser sog. Reform dargestellt. Ich schließe mich diesem Beitrag an und hoffe, dass die Ideologen nicht durchkommen mit Ihrer Ahnungslosigkeit.Es ist schon erstaunlich, was in diesen 2 Jahre alles hineninterpretiert wird. Alle Wünsche und Visionen ..und keine Ahnung von der Praxis und kein Realitätsbezug.
Muss man eine Suppe bis zum letzten Tropfen auslöffeln, um festzustellen, dass sie versalzen ist?
Der Forist hat nur anschaulich die Nutzlosigkeit und den
Mangel dieser sog. Reform dargestellt. Ich schließe mich diesem Beitrag an und hoffe, dass die Ideologen nicht durchkommen mit Ihrer Ahnungslosigkeit.Es ist schon erstaunlich, was in diesen 2 Jahre alles hineninterpretiert wird. Alle Wünsche und Visionen ..und keine Ahnung von der Praxis und kein Realitätsbezug.
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