DIE ZEIT: Warum streiten die Deutschen immer wieder so leidenschaftlich über die Schule?

Elmar Tenorth: Die Schule ist der einzige Ort, an dem der Staat auf alle Heranwachsenden zugreifen kann. Wer zukünftige Generationen beeinflussen will, erreicht das nicht über die Familie, die Kirche oder die Medien, sondern nur im Klassenzimmer.

ZEIT: Das gilt für jede moderne Gesellschaft.

Tenorth: In Deutschland kommt ein historischer Grund hinzu. Schule ist hierzulande immer ein Ort gewesen, an dem die Klassentrennung und Klassenversöhnung ausgefochten wurde.

ZEIT: Ein Ort des Klassenkampfes also?

Tenorth: Zugespitzt könnte man das so formulieren. Bis 1918 schickte das Bürgertum seine Kinder erst auf private Vorschulen und dann aufs Gymnasium, mit dem Ziel einer akademischen Profession. Der Rest der Bevölkerung ging auf die Volksschule und ergriff einen praktischen Beruf. Erst die Weimarer Republik führte dieses Zweiklassensystem zusammen. Sie schaffte die Vorschulen ab, führte das gemeinsame verpflichtende Lernen ein und das Sprengelprinzip…

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ZEIT: …die Pflicht, alle Kinder in dem Schulbezirk anzumelden, in dem sie wohnen.

Tenorth: Richtig. Doch der sogenannte Weimarer Schulkompromiss löste keinesfalls den ideologischen Konflikt. Denn die Einheitsschule ließ sich nur bis zur vierten Klasse durchsetzen. Danach trat die alte Trennung wieder ein: Es gab fortan das Gymnasium und – jetzt zwei – minderwertige Wege, die Realschule und die Volksschuloberstufe. Das sahen Sozialdemokraten, Kommunisten und progressive Lehrer als Niederlage.

ZEIT: Und das Bürgertum?

Tenorth: Das Bürgertum wiederum empfand bereits die vier Jahre gemeinsamen Lernens als Zumutung. Sie müssen einmal die Beschwerden der Professoren, Oberstudienräte oder Ärzte bei den Behörden lesen, dass ihre Sprösslinge nun mit dem Pöbel zusammen die Schulbank drücken müssten, der dumm, roh und voller ansteckender Krankheiten sei. Selbst die Alliierten konnten an dieser Haltung nichts ändern.