Und dann platzt dem Vorsitzenden der Kragen: "Der Herr Verteidiger weiß offenbar, welches die richtigen Fragen sind, die das Gericht stellen muss. Ich sage Ihnen: Wir können das selbst gut genug!"

Wieder hat einer vor Lorenz Erni kapituliert. Wieder hat ihm einer die Reverenz erwiesen, indem er wütend auf ihn geworden ist. Erni nimmt den Ausbruch mit diesem klitzekleinen Lächeln im linken Mundwinkel, das ihm eigen ist. So muss es sein. So will er es. Später wird der 60-Jährige sagen: "Ja, es kann schon mal passieren, dass ein Richter seinen Unmut über meine Argumente äußert. Ich verstehe das nicht." Letzteres ist natürlich Understatement.

An einem sonnigen Februartag kommt am Obergericht in Zürich ein Fall zur Verhandlung, der ziemlich delikat ist. Ein Kadermitglied der Zürcher Stadtpolizei soll eine Prostituierte sexuell belästigt und ihr auch körperliche Gewalt angetan haben. Die Vorinstanz, das Bezirksgericht Zürich, hatte den Mann zu einer Geldstrafe von 2500 Franken verurteilt. Das ist nicht viel. Aber es geht um die berufliche Existenz des Mannes. Wer vorbestraft ist, kann schlecht als Polizist arbeiten. So etwas ist ein Fall für Lorenz Erni. Er übernahm die Sache nach der erstinstanzlichen Verurteilung. Und er wird gewinnen.

Es war einmal ein Junge, der wuchs in Zürich-Wiedikon auf, die Mutter war Pianistin, der Vater arbeitete als Bibliothekar am Obergericht. Der Vater starb, als sein Sohn 20 Jahre alt war. Und der Sohn wusste nur, was er nicht wollte: Lehrer werden. Er studierte Jurisprudenz, ohne sich sicher zu sein, ob er das auch wirklich wollte. Aber etwas gefiel ihm: das Strafrecht, das ihm der berühmte Jurist Peter Noll beibrachte. "Er behandelte in seinen Vorlesungen das ganze Leben, auch seine Selbstzerstörungskraft. Das prägte mich", sagt Erni.

Wenn’s brenzlig wird, ruft man ihn, den Strafverteidiger, der seit bald 30 Jahren in einem kleinen Büro in der Ankerstraße in Zürich seiner Arbeit nachgeht. Seine Klientenliste ist lang. Und ziemlich prominent. Sei es Corine Mauch, Stadtpräsidentin von Zürich, die wegen einer verschlampten Betriebsbewilligung eines Lokals juristisch belangt wird und öffentlich unter großem Druck steht. Sei es Oskar Holenweger, Privatbankier, der seit Jahren wegen seiner angeblichen Schwarzgeldgeschäfte von der Bundesanwaltschaft malträtiert wird. Oder sei es eben Roman Polanski, Filmregisseur, der wegen eines Ereignisses in den USA aus dem Jahre 1977 in Auslieferungshaft in seinem Gstaader Chalet "Milky Way" sitzt und wartet. Und neben all den schillernden Namen sind es mittlerweile Hunderte von Kleinkriminellen, Wirtschaftsdelinquenten und Kapitalverbrechern, denen Erni meist erfolgreich beistehen konnte. Warum haben sie alle in ihrer Not seine Hilfe in Anspruch genommen? Weil keiner so hartnäckig ist wie Lorenz Erni. Weil wohl niemand so konsequent und auch sorgsam den Erfolg sucht.

Es war einmal ein junger Mann, der schrieb 1978 in Hamburg eine Dissertation zum Thema "Die Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes als Straftat im deutschen und schweizerischen Strafrecht". Schon damals kam zutage, was die Triebfeder von Lorenz Erni ist. Er will den Einzelnen gegenüber den Anmaßungen eines omnipotenten Staates schützen. Damals, mitten im deutschen Heißen Herbst, schrieb er: "Es hat sich ergeben, dass innerhalb der Privatsphäre die Unbefangenheit der mündlichen Äußerung gewährleistet werden muss, indem einerseits der Gefahr einer Totalverantwortung begegnet und andererseits eine Sphäre der Zurückgezogenheit sichergestellt wird." Noch heute sei es so, sagt Erni, dass er automatisch Partei nehme für einen, dem der Staat den Prozess macht. "Ich zweifle sofort an den offiziellen Begründungen. Der Zweifel ist der beste Boden für eine erfolgreiche Verteidigung. Ja, der Zweifel treibt mich an."

Am 26. September 2009, einem Samstag, wird Roman Polanski bei seiner Einreise in die Schweiz verhaftet. Eine Verkettung unglücklicher Umstände führte dazu, dass die Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf meinte, sie könne nicht mehr anders handeln, als den weltberühmten Mann auf Antrag der Amerikaner verhaften zu lassen. Die Leitung des Zürcher Filmfestivals, die Polanski eine Auszeichnung für sein Lebenswerk verleihen wollte, ruft sofort, als sie von der Verhaftung erfährt, den Mann von der Ankerstraße an.