Das große Ereignis beginnt pünktlich, wie es sich in Deutschland gehört. Montagmorgen, elf Uhr, nicht eine Wolke trübt den Himmel über Hamburg-Altona. Die meisten der 64 Frauen, um die es geht, sitzen bereits in einer der Stuhlreihen. RTL richtet seine Kamera aus, Fotografen postieren sich, Absätze klackern über PVC-Boden. Ein junger Reporter des NDR-Fernsehens befragt eine Türkin mit schwarzem Kopftuch: »War es eine besondere Motivation für Sie, Deutsch zu lernen?« Schüchtern hält die Frau ihre Hände vor den Bauch. »Was hat sich jetzt für Sie verändert?«, setzt der Reporter nach. Die Frau sieht auf den Boden und antwortet viel zu leise fürs Fernsehen. Zu hören ist aber das Wort »Stolz«.

Es scheint, als gehe es um nicht weniger als die Zukunft Deutschlands an diesem Morgen, um das Werden und Wirken eines noch jungen Einwanderungslandes – denn ein Sprachkurs geht zu Ende. Das Land ist auf seine Einwanderer zugekommen, und die Einwanderer haben sich auf das Land eingelassen. 64 Frauen haben Deutsch gelernt, wie Politik und Medien es immer fordern, deshalb ist RTL gekommen, und deshalb betritt nun auch Hamburgs Senator für Soziales, Familie und Verbraucherschutz den Raum. Er schüttelt Hände und schreitet durch den Saal nach vorn, erste Reihe rechts, dann biegt er das Mikrofon hinab und lächelt den Frauen zu. »Es gehört Mut dazu«, sagt Dietrich Wersich, »in einem Land zu leben, in dem man sich fremd fühlt, in dem eine Sprache gesprochen wird, die man nicht versteht, einem Land mit unbekannten Regeln und Bräuchen, in dem man nicht weiß, wen man um Hilfe bitten kann. Und es braucht noch viel mehr Mut, den Entschluss zu fassen, die Sprache dieses Landes zu lernen und mit den Menschen zu sprechen.«

An diesem Morgen wird im Sitzungssaal der Türkischen Gemeinde Hamburg das Hochamt gelungener Integration begangen: die Zertifikatsfeier. Und natürlich ist dieser Tag ein Erfolg für die Teilnehmerinnen, für die Lehrerinnen, für die Türkische Gemeinde, für die Sozialbehörde, für die »schöne Stadt Hamburg«, ja für Deutschland. Nach eineinhalb Jahren Deutschunterricht erhalten die Frauen aus den Händen des Senators je vier Urkunden in einer Hartplastikmappe. Damit ist es amtlich, wie es sich für Deutschland gehört: Diese Ausländerinnen haben den Integrationskurs bestanden. Diese Frauen sind einbürgerungsfähig. Es wird geklatscht und umarmt, Tränen fließen. Für Deutschland ist dies der Beginn einer verheißungsvollen Zukunft, für die Frauen das Ende eines langen, für manche harten Kampfes.

Was verlangt ein Land von seinen Einwanderern? Was versprechen sich Einwanderer von ihrem Land? Jahrzehntelang haben beide Seiten kaum darüber gesprochen, jedenfalls nicht miteinander. Doch seit Einführung des neuen Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005 gibt es staatlich verordnete Sprachkurse, in denen geredet werden muss – nicht nur über Nomen und Verben, sondern auch über Wünsche und Biografien, über Scheitern und Chancen. Im Auftrag des Bundes und auf Kosten des Staates sollen Migranten hier Deutsch lernen, als Grundvoraussetzung für ihre Integration.

Montagmorgen im Integrationskurs 14332-HH-36-2009 bei der »Bürgerinitiative ausländische Arbeitnehmer e.V.« in Wilhelmsburg, einem Stadtteil im Süden Hamburgs, den viele als »sozialen Brennpunkt« bezeichnen. Von den etwa 50.000 Einwohnern sind mehr als ein Drittel zugewandert, die Arbeitslosenquote liegt bei über 13 Prozent.

»Ich bin stinkend faul« – heißt das, der riecht schlecht?

Im Parterre eines alten Gründerzeitgebäudes hat gerade die Deutschstunde begonnen, die Prüfung ist noch fern, die Zertifikatsfeier nicht mehr als ein vager Traum, denn dies ist ein Frauenkurs mit »langsamer Progression«. Das heißt: Lehrer wie Schüler brauchen Geduld, viel Geduld. Hier sind jene versammelt, denen Integration am schwersten fällt: Frauen ohne Arbeit und Kontakte, oft ohne Ausbildung oder sogar ohne Schulabschluss, ans Haus gebunden – und verantwortlich für Kinder, die sich wiederum leichtertäten im Land, wenn bei ihnen zu Hause Deutsch gesprochen würde.

Im Klassenzimmer von Wilhelmsburg hat ein Whiteboard die Tafel ersetzt, die Tische sind in U-Form gestellt, etwas abseits stehen eine Couch und eine große Zimmerpflanze – damit nicht zu viel an Schule erinnert.

20 Frauen, die Hälfte von ihnen mit Kopftuch, haben einen Kreis gebildet. Im Hintergrund läuft das Lied Ich wär’ so gerne Millionär der Popgruppe Die Prinzen: »Ich wär’ so gerne Millionär / dann wär’ mein Konto niemals leer / ich wär’ so gerne Millionär / millionenschwer...«

Es geht um Wünsche und Wohlstand – und um ziemlich viele Konjunktive. Die Frauen schauen konzentriert auf kleine Zettel, die Kursleiterin Nicole Krauß verteilt hat. Auf den Blättern stehen Sätze aus dem Lied der Prinzen: »Ich hab ein großes Maul« oder »Ich bin stinkend faul«. Stinkend faul – heißt das, der riecht schlecht?

Die Frauen im Kurs nehmen die Sprache beim Wort. Jedes Mal, wenn einer der Sätze auf ihren Zetteln im Lied auftaucht, sollen sie einen Schritt in den Kreis hineingehen. Am »Hörverständnis« arbeiten heißt das auf Kursdeutsch. Viele fühlen sich unwohl, im Mittelpunkt zu stehen, erst nach einigen Minuten entwickeln sie Spaß an der Bewegung, durch die eine Art Tanz entsteht. Sie erkennen deutsche Sätze wieder – ein erster Erfolg. Die Aufgabe klingt einfach, ist sie aber nicht. Nicht das Sprechen, nicht das Hören. Nicht einmal das Wünschen, das die Frauen dann selbstständig formulieren sollen, beginnend mit »Ich würde gern... / Ich möchte gern...«.

Die Lehrerin fragt in die Runde: »Was wünschst du dir?«

»Ich möchte gern eine Weltreise machen!«, sagt die erste Frau. »Ich würde gern Auto fahren«, sagt die zweite. Und die dritte: »Ich würde gern ein Konto eröffnen.«