EZB-Chefvolkswirt Stark : "Es gibt keine Inflationsgefahren"

Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, über die Rettung kriselnder Staaten, die Grenzen des Lehrbuchwissens und Merkels Sparpaket
Die Europäische Zentralbank hat sich in der Euro-Krise bereit erklärt, Staatsanleihen hochverschuldeter Mitgliedsländer aufzukaufen © PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Stark, es heißt, Sie würden sich im Ausland gerne mit dem Satz "Stark wie die Mark" vorstellen.

Jürgen Stark: Das stammt nicht von mir. "Stark wie die Mark" lautete in den neunziger Jahren der Titel einer Broschüre des Bundesfinanzministeriums, für das ich tätig war. Der damalige australische Botschafter hat das mit meinem Namen in Verbindung gebracht.

ZEIT: Heute wäre "Schwach wie der Euro" ohnehin angemessener.

Stark: Was wir im Augenblick erleben, ist keine Währungskrise, sondern eine Krise der öffentlichen Finanzen.

ZEIT: Wo ist da der Unterschied?

Jürgen Stark

ist ein deutscher Ökonom. Der 62-Jährige ist seit 2006 Chefvolkswirt und Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB).

Stark: Die globale Rezession und der Versuch, sie durch Konjunkturprogramme zu dämpfen, führten zu einer Explosion der Staatsdefizite. Das gilt nicht nur in Ländern des Euro-Gebiets, sondern auch für die anderen entwickelten Volkswirtschaften.

ZEIT: Sie haben die vertraglichen Grundlagen der Euro-Zone mit ausgehandelt. Sie haben dafür gesorgt, dass strenge Haushaltsregeln verankert wurden. Wieso verteidigen Sie eine Währungsunion, in der diese Prinzipien nicht mehr gelten?

Stark: Sie gelten immer noch.

ZEIT: Das müssen Sie erklären!

Stark: Die Währungsunion ist und bleibt eine Stabilitätsgemeinschaft. Sie wird keine Transferunion werden. Es gibt keine fundamentale Veränderung in der Konzeption der Währungsunion. Die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) und ihr Mandat für Preisstabilität zu sorgen, sind entscheidende Pfeiler.

ZEIT: Der EU-Vertrag verbietet, dass starke Länder die Schulden der schwachen übernehmen. Jetzt gibt es einen Notfallfonds für Krisenstaaten .

Stark: Gemäß Artikel 125 des EU-Vertrags darf ein Euro-Land nicht für die Verbindlichkeiten eines anderen Mitgliedstaates haften. Das Prinzip des Vertrags wird eingehalten. Es geht hier um Kredite, nicht um einen Finanztransfer. Jedes betroffene Land muss selbst seinen Haushalt in Ordnung bringen und seine Wirtschaft durch Strukturreformen stärken.

ZEIT: Trotzdem haben gleich zwei frühere Bundesbankpräsidenten die Rettung kritisiert. Das muss Sie als Ex-Bundesbanker doch schmerzen.

Stark: Ich möchte unterscheiden zwischen denjenigen, die jetzt Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen, und denjenigen, die diese Entwicklung von außen kommentieren. Wir haben es mit einer Krise zu tun, die kein Politiker oder Zentralbanker in Europa in den letzten 60 Jahren erlebt hat. Die Anwendung von purem Lehrbuchwissen ist in einem solchen Fall nicht anzuraten. Wir mussten auf gravierende Risiken für das Finanzsystem und die Wirtschaft reagieren.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Der letzte Punkt ist interessant

Herr Schieritz fordert ja gerne eine Reduzierung der deutschen Exporte und eine Rückführung der Leistungsbilanzdefizite.
Nur wie soll das bewerkstelligt werden?
Da Unternehmen kaum freiwillig ihren Export reduzieren werden, muss wohl mehr importiert, oder das eingenommene Geld öfter in Deutschland investiert werden. Aber anscheinend ist der deutsche Standort aktuell nicht attraktiv genug dafür.
Bleibt als letzter Investor noch der Staat. Doch angesichts der hohen Verschuldungen im Euroraum wird das kaum politisch durchzusetzen sein,. Es mag sein, dass die BRD höhere Defizite vertrüge. Aber das Signal an die anderen Länder im Euroraum wäre fatal. Damit wären alle Sparanstrengungen unterminiert.
Wie also dieses Dilemma, das zugegebenermaßen eins ist, lösen?
Eine Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der PIGS würde Jahr dauern und der Erfolg ist ungewiss. das dürfte auch err Stark wissen.
DAs wird, wenn man an der bisherigen Struktur im Euroraum festhält, unweigerlich zu neuen Problemen führen.

Re: Der letzte Punkt ist interessant

@Cle.mens

> Herr Schieritz fordert ja gerne eine Reduzierung der
> deutschen Exporte und eine Rückführung der
> Leistungsbilanzdefizite. ...

Hat er ? - Die Behauptung finde ich oft, nur nie mit Quelle. Tatsächlich kann davon doch auch keine Rede sein, sondern es geht um tlws. im Inland mehr "konsumieren" (im ökon. Sinne), teilweise antagonistisch schlicht mehr importieren oder mehr Dienste unserer "Kunden" in Anspruch nehmen, z.B. deutlich mehr Urlaub auf Kreta, Mallorca und z.B. Guernsey zu machen.

> Aber anscheinend ist der deutsche Standort aktuell nicht attraktiv genug dafür.

Man muss es auch vom anderen Ende her denken. Jeder sinnvollen Investition muss eine plausible Absatzerwartung vorangehen - und da sind wir (bei Unterauslastung der Ressourcen; hört mir mit dem Quatsch "Potentialwachstum" auf) immer bei der Nachfrage (und dann zwingend vorwiegend aus Lohneinkommen = Massennachfrage).

> Bleibt als letzter Investor noch der Staat. Doch angesichts der hohen Verschuldungen ...

Hier liegen wir wirklich mal gezwungenermaßen mit TINA im Bett und ausgerechnet jetzt wird das abgestritten ?

Die Wahl ist einfach: Die zwischen höherer Staatsverschuldung und höherer Staatsverschuldung. Die Schuldenbremser mit den Stressflecken im Gesicht reißen aber die Realwirtschaft zusätzlich mit runter, also die reale Deckung der Schulden - und damit sind gerade dann ... große Ironie ... doch die Rentiers am Ende platt.

Gruß
Andreas

Der metaphysische Umweg?

Lieber Herr Heil,

wenn Sie sich schon für die metaphysische Argumentationsschiene entscheiden, so sollten Sie beachten, dass es verdammt schwierig ist Begriffsmodelle zu entwerfen, die zumindest teilweise dem nahekommen, was Hegel und Co. bereits vor langer Zeit erschaffen haben. Der für diese Argumentationsmuster relevante Maßstab ist nicht die Verifizierbarkeit der aufgestellten Thesen und auch nicht die Anwendbarkeit der erzielten Ergebnisse. Es ist die Originalität. Mit einer reflexiven Relation gefragt: Wie original ist Ihre Originalität?

Re: Metaphysik

@Quanten-haft

Wir können gerne ins Detail gehen, statt über den Umweg Hegel noch mehr Wolkenschleier um Begriffsgebäude zu legen. Im 1.500 Zeichen Schema dieses Diskursformates sind aber eben geschlossene Abhandlungen im Exzess bis zum Detail weder erwünscht, noch möglich. Folglich muss man alles um den Kern des Beitrags herum relativ hoch aufhängen oder Fortsetzungromane schreiben. Das erscheint mir jedoch alles reichlich ineffektiv.

Ich fand Ihren Beitrag #6 nicht uninteressant. Aber ist es nicht so, dass die "unabhängige" (= unkontrollierte) Notenbank nicht vor allem die Interessen der privaten Kapitalmärkte bedient ? - Und soll das etwa so sein ?

Und eine "Transferunion" auf der (vorgeblichen, denn ich weiß nicht, ob die Herren wirklich so "dumm" sind) Idee, möglichst viel privaten Wettbewerb zu organisieren, ist doch auch im Austauschverhältnis Ex-BRD und Neufünfland auf Basis der gleichen Ideen "erfolgreich" etabliert worden: Kapital West wurde massiv subventioniert aufgebaut, Arbeitnehmer West refinanzieren den Absatz des Kapitals West in Ost über einen Sozialtransfer der das gigantische Leistungsbilanzsaldo Ost (deutlich größer als 10 Prozentpunkte BIP-Ost) dauerhaft alimentiert, was im Westen nur wegen der relativen Größenunterschiede einigermaßen tragbar ist.

Gruß
Andreas

Transferunion

Das Eurowährungsgebiet ist schon lange (seit 2007) eine Transferunion. Nur hat es keiner lauthals verkündet. Wie sonst käme die Bundesbank dazu, den anderen Euroländern 200Mrd. zu 1% an Liquidität zur Verfügung zu stellen? Dieses kann nur den Grund haben, den Euro mit deutschem Kapital zu retten. Herr Stark weiß es besser. Schade, dass auch er versucht uns hinters Licht zu führen. Dieses hebt nicht das Vertrauen. Herr Stark wird den Auslandsposten der Bundesbank aus dem FF kennen.

"Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten!"

"Es gibt derzeit keine Anfrage nach Finanzhilfen, aus Griechenland."
(EU-Währungskommissar Olli Rehn, Anfang 2010)

"Es gibt derzeit keine Anfrage aus Spanien. (...) Es gibt keinen Plan für irgendein Mitgliedsland", sagte der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn..."
(Meldung von heute, 16.06.10)

und schließlich, ebenfalls von heute:

"Es gibt keine Inflationsgefahren."
(Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, 16.06.10)

niemand...

hehe, ja das klingt sehr ähnlich...

Haben wir nicht schon die ganze Zeit eine Inflation? Ich meine, Inflation heißt die Preise steigen und somit ist das Geld weniger wert. Also seit Einführung des Euros sind die Preise sehr gestiegen, um das doppelte...also ist das doch schon eine Inflation oder nicht?

Ach, hin oder her, es funktioniert halt nicht wenn jeder über seine Verhältnisse lebt und dann denkt er könnte es mit Sparmaßnahmen wieder reinholen. Sparen bringt nur was, wenn ich Geld dabei rauskriege, wenn ich nur "spare" weil ich meine Schuldenaufnahme verkleinere, dann ist das kein sparen, sondern Beschiss.

Inflation

..gibt es immer, zumindest auf einzelnen Sektoren. In den 1970ern, hierzulande in der Regel als "gute alte Zeit" verklärt, gab es sehr hohe Inflationsraten. Die letzten Jahre hatten wir aber real eine Deflation in der Bundesrepublik, Währungsraumintern durch die inflationstreibenden Vorgänge in Südeuropa kaschiert. Wir hatten sinkende Preise auf breiter Front, einen Vormarsch der "Discounter" vom Lebensmittelhandel bis zum Elektronikmarkt, sinkende Einkommen. Eine Lohn-Preis-Spirale abwärts, Deflation. Daran ändert auch ein gefühlt doppelt so teurer Espresso im Eiscafe nichts. Das sind Einzelposten die für's Preisgefühl prägend sind, nicht aber für die tatsächliche Kaufkraft und Preisentwicklung. "Peanuts". Lediglich die Energiepreise sind massiv in die Höhe gegangen. Davon haben wir im Inland ja aber nichts.