DIE ZEIT: Herr Stark, es heißt, Sie würden sich im Ausland gerne mit dem Satz "Stark wie die Mark" vorstellen.

Jürgen Stark: Das stammt nicht von mir. "Stark wie die Mark" lautete in den neunziger Jahren der Titel einer Broschüre des Bundesfinanzministeriums, für das ich tätig war. Der damalige australische Botschafter hat das mit meinem Namen in Verbindung gebracht.

ZEIT: Heute wäre "Schwach wie der Euro" ohnehin angemessener.

Stark: Was wir im Augenblick erleben, ist keine Währungskrise, sondern eine Krise der öffentlichen Finanzen.

ZEIT: Wo ist da der Unterschied?

Stark: Die globale Rezession und der Versuch, sie durch Konjunkturprogramme zu dämpfen, führten zu einer Explosion der Staatsdefizite. Das gilt nicht nur in Ländern des Euro-Gebiets, sondern auch für die anderen entwickelten Volkswirtschaften.

ZEIT: Sie haben die vertraglichen Grundlagen der Euro-Zone mit ausgehandelt. Sie haben dafür gesorgt, dass strenge Haushaltsregeln verankert wurden. Wieso verteidigen Sie eine Währungsunion, in der diese Prinzipien nicht mehr gelten?

Stark: Sie gelten immer noch.

ZEIT: Das müssen Sie erklären!

Stark: Die Währungsunion ist und bleibt eine Stabilitätsgemeinschaft. Sie wird keine Transferunion werden. Es gibt keine fundamentale Veränderung in der Konzeption der Währungsunion. Die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) und ihr Mandat für Preisstabilität zu sorgen, sind entscheidende Pfeiler.

ZEIT: Der EU-Vertrag verbietet, dass starke Länder die Schulden der schwachen übernehmen. Jetzt gibt es einen Notfallfonds für Krisenstaaten .

Stark: Gemäß Artikel 125 des EU-Vertrags darf ein Euro-Land nicht für die Verbindlichkeiten eines anderen Mitgliedstaates haften. Das Prinzip des Vertrags wird eingehalten. Es geht hier um Kredite, nicht um einen Finanztransfer. Jedes betroffene Land muss selbst seinen Haushalt in Ordnung bringen und seine Wirtschaft durch Strukturreformen stärken.

ZEIT: Trotzdem haben gleich zwei frühere Bundesbankpräsidenten die Rettung kritisiert. Das muss Sie als Ex-Bundesbanker doch schmerzen.

Stark: Ich möchte unterscheiden zwischen denjenigen, die jetzt Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen, und denjenigen, die diese Entwicklung von außen kommentieren. Wir haben es mit einer Krise zu tun, die kein Politiker oder Zentralbanker in Europa in den letzten 60 Jahren erlebt hat. Die Anwendung von purem Lehrbuchwissen ist in einem solchen Fall nicht anzuraten. Wir mussten auf gravierende Risiken für das Finanzsystem und die Wirtschaft reagieren.