Homosexualität"Wir sind die Säue"

Anders zu sein kann so schön sein – Fragen an den Sexualwissenschaftler Martin Dannecker zur Veränderung des schwulen Selbstbewusstseins von Ariane Verena Breyer

Christopher Street Day

Alle Jahre wieder schön. Der Christopher Street Day  |  © Miguel Villagran/Getty Images

Der 67-jährige Martin Dannecker erhält diesen Samstag in Berlin den 10. Zivilcouragepreis des Christopher Street Day. Der Sexualwissenschaftler schrieb 1970/71 mit Rosa von Praunheim das Drehbuch zu dem Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt«, der den Schwulen ihre Angepasstheit vorhielt.

DIE ZEIT: Am Wochenende feiert sich die Schwulenszene wieder selbst mit dem CSD, diesem großen Fest der sexuellen Abweichung. Gibt es sie eigentlich noch, die schwulen Spießer?

Martin Dannecker: Meine Kritik damals richtete sich gegen homosexuelle Gruppierungen der fünfziger und sechziger Jahre. Deren starker Wunsch nach sozialer Anerkennung hatte mit der Erfahrung des Nationalsozialismus zu tun und der späteren strafrechtlichen Diskriminierung. Wir hingegen waren gegen die Anpassung und traten der Mehrheitsgesellschaft entgegen mit der Parole: Wir sind genau die Säue, die ihr meint. Und als solche wollten wir integriert werden. Dazu aber mussten die Vorstellungen von Normalität aufgebrochen werden. Wie viel sich da mittlerweile verändert hat, hätte ich mir niemals träumen lassen. Trotzdem gibt es auch heute immer noch genug Schwule, die den CSD zu schrill finden. Ich hingegen sehe eher die Gefahr, dass das Andere mehr und mehr normalisiert wird.

ZEIT: Sie bevorzugen es also, anders zu sein?

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Dannecker: Aber natürlich, das ist doch auch schön! Wenn man in der Pubertät merkt, dass man schwul ist, muss man sich irgendwie dazu verhalten. Man muss sich Gedanken machen über ein möglicherweise normatives Gefüge, in dem man lebt. Das kann ein schmerzhafter Prozess sein. Aber wenn man den überwunden hat, verleiht das ein Gefühl von Souveränität – solange es keine Repression gibt. Randständig zu sein ist eine wunderbare Position.

ZEIT: Heute gibt es schwule Bundesminister, Bürgermeister und Talkmaster. Sie sind akzeptiert.

Dannecker: Die rigide Sexualmoral hat sich fast vollständig aufgelöst. An ihre Stelle ist eine Verhandlungsmoral getreten, in der man miteinander ausmacht, wie Sexualität sein soll. Früher ging es um angemessene sexuelle Verhaltensweisen, heute um die gegenseitige Aushandlung von Lust.

ZEIT: Schwule gelten vielen als die besseren Männer. Es heißt, sie hätten mehr Geschmack, seien besser angezogen und würden besser riechen.

Dannecker: Das liegt an der Wahrnehmung der heterosexuellen Frauen. Die klagen seit Jahrzehnten: »Ach Gott, alle schönen Männer sind schwul.« Das ist natürlich Unsinn. Die Schwulen sind nicht schöner, aber sie haben es aus guten Gründen verstanden, sich schöner zu machen: weil sie sowohl Subjekt als auch Objekt der Sexualität sind. Die Frauen haben darauf sehr positiv reagiert. Und nun ziehen die Heterosexuellen nach und sind erstmals um ihren Sexualkörper besorgt, der sich dem Blick des anderen wie ein Objekt aussetzt.

ZEIT: Auch die homosexuelle Subkultur wird immer mehr integriert: In Berlin gibt es an jedem Wochenende Touristen aus ganz Europa, die vor dem Techno-Sex-Club Berghain Schlange stehen.

Dannecker: Das hängt auch mit dem alten Neid auf die etwas freizügigeren sexuellen Umgangsformen der schwulen Männer zusammen. Ihnen fällt es offensichtlich leichter, trotz einer Liebesbeziehung Sex mit anderen Partnern zu haben und das auch voneinander zu wissen. In heterosexuellen Beziehungen taucht da meist sofort ein Trennungsimpuls auf. Da gibt es eine ungeheure Idealisierung von Dauer und Exklusivität: Sexualität ist nur dann moralisch gut, wenn sie mit Liebe verschränkt wird. Diese Vorstellung ist noch nicht ganz ausgetrieben. 

Das Gespräch führte Ariane Verena Breyer

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Leserkommentare
  1. ob sich eine 'ungeheure Idealisierung von Dauer und Exklusivität' nicht auch bei all den Homosexuellen einstellen würde, die in größter Normalität Kinder aufzögen - wenn also die Adoption auch Homosexuellen endlich erlaubt wäre. Ich frage mich auch, ob nicht der CSD in all seiner Schrillheit entfiele, wenn die Situation des Homosexuellen nicht mehr pervers wäre.

    Bis dahin - feiert Euch, was das Zeug hält!

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    • otto_B
    • 19. Juni 2010 14:58 Uhr

    Ich möchte folgende Frage anschließen:
    Sind vielleicht Homosexuelle (sowohl m als auch w) die besseren Yuppies?
    Es gibt ja auch heterosexuelle Yuppies (dann auch DINK genannt...). Dort kochen dann ja schon ab und zu die Debatten hoch, über die zurückgestellte Erzeugung/Erziehung von Nachkommen, zugunsten Einkommen/Karriere/Hedonismus.
    Bei Homosexuellen des gleichen ökonomischen Typs ist die Wahrnehmung dann ganz offensichtlich anders. Ich denke hier an die bekennenden Homosexuellen des öffentlichen Lebens, oder die schwule Boheme des Feulletons. Ob in diesen Kreisen das so offensiv eingeforderte Adoptionsrecht dann überhaupt in starkem Maße nachgefragt würde? Wenn ich so die (bekannten) Lebensläufe der homosexuellen "Personen der öffentlichen Lebens" überfliege, da scheint das Thema Babypause doch eher eine sehr geringe Rolle zu spielen. Einzige mir sofort einfallende Ausnahme: Joody Forster. Immerhin hat sie dann aber eine kinderose Partnerin. Gibt's irgendwo nähere Beschreibungen dieser Lebensrealitäten?

  2. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen und achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Danke. Die Redaktion/km

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf zynische und polemische Kommentare. Bei Fragen zur Moderation wenden Sie sich direkt an community@zeit.de.
    Danke. Die Redaktion/km

    • h1
    • 19. Juni 2010 14:40 Uhr

    Jemanden als ein "Objekt der Sexualität" zu verwenden , oder als solches verwendet zu werden ist meiner Meinung nach ein Missbrauch der menschlichen Person! (egal ob hetero oder homo) In keiner Handlung sollten wir den Menschen auf ein Objekt (zB der Lust) reduzieren!
    Meiner Meinung nach kann nur eine andere Person unsere innersten menschliche Sehnsucht erfüllen! Eine menschliche Person und unsere Beziehung zu ihr!
    Wenn wir Sexualität also von Liebe trennen fallen wir einen Egoismus der Letztlich nie genug hat, nie erfüllt werden kann, sicher kurzfristig spaß haben kann, aber das für den preis unsere eigenen Menschlichkeit und Fähigkeit einer echten Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen (eine Liebe zu seinem Körper und vor allem zu seiner Innerlichkeit, seiner Geistigkeit) …
    natürlich schwierig ;-) aber bitte bitte sind wir doch nicht mit weniger zufrieden!

    • otto_B
    • 19. Juni 2010 14:58 Uhr

    Ich möchte folgende Frage anschließen:
    Sind vielleicht Homosexuelle (sowohl m als auch w) die besseren Yuppies?
    Es gibt ja auch heterosexuelle Yuppies (dann auch DINK genannt...). Dort kochen dann ja schon ab und zu die Debatten hoch, über die zurückgestellte Erzeugung/Erziehung von Nachkommen, zugunsten Einkommen/Karriere/Hedonismus.
    Bei Homosexuellen des gleichen ökonomischen Typs ist die Wahrnehmung dann ganz offensichtlich anders. Ich denke hier an die bekennenden Homosexuellen des öffentlichen Lebens, oder die schwule Boheme des Feulletons. Ob in diesen Kreisen das so offensiv eingeforderte Adoptionsrecht dann überhaupt in starkem Maße nachgefragt würde? Wenn ich so die (bekannten) Lebensläufe der homosexuellen "Personen der öffentlichen Lebens" überfliege, da scheint das Thema Babypause doch eher eine sehr geringe Rolle zu spielen. Einzige mir sofort einfallende Ausnahme: Joody Forster. Immerhin hat sie dann aber eine kinderose Partnerin. Gibt's irgendwo nähere Beschreibungen dieser Lebensrealitäten?

    Antwort auf "Ich frage mich ja,"
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    http://www.zeit.de/online...
    http://www.zeit.de/online...

    Aus meinem Freundeskreis kann ich Ihnen von zwei Familien berichten, bei denen Kinder mit zwei Müttern aufwachsen, bei der einen sind es die Kinder aus erster Ehe, bei der anderen welche aus anonymen dänischen Samenspenden. Ich kenne einige männliche homosexuelle Paare, die wirklich liebend gerne Väter wären, was sich aber sehr viel schwerer umsetzen läßt, mangels Adoptionsrecht - mit sehr viel Glück können männliche homosexuelle Paare Pflegekinder aufnehmen, was aber nicht beinhaltet, daß die auch für immer bei ihnen bleiben können. Pflegekinder kommen auch meist aus schlimmsten Situationen, sind also oft traumatisiert, krank, pflegebedürftig - das schafft nicht jedes Paar.

    Meine Freunde sind von Subkultur ziemlich weit entfernt, in den Familien werden Hausaufgaben gemacht, aufgeschlagene Knie gepustet, Nudeln mit Tomatensauce gegessen, alles höchst normal. Der einzige Unterschied zu so manchen heterosexuellen Familien - es sind alles geliebte, bestens geförderte Wunschkinder. Die übrigens auch nicht im Mütterschock sind, es gibt in der einen Familie den leiblichen Vater, der seine Rolle ausübt, in der anderen ist es ein Freund, der sich sehr oft sehen läßt und eine Quasi-Vaterrolle übernommen hat.

    • medwed
    • 20. Juni 2010 9:34 Uhr

    Ist zwar ein bisschen off topic: aber Yuppies und Dinks sind nicht dasselbe. Beides sind Abkürzungen, die im Marketing zur Zielgruppendefinition gebraucht wurden. Yuppie kommt von "young urban people" und Dink bedeutet "double incom, no kids" - und beides wurde eigentlich geschlechterlos definiert. Aber damit genug der Klugscheißerei...

  3. Worin genau besteht bitte die Unangepasstheit der Menschen auf dem Foto oben? In den roten oder doch in den gelben Federn? Aller Wahrscheinlichkeit nach spielt sich die Revolution leider nicht leicht unterhalb des bunten Hütchens ab.
    Der CSD ist inzwischen alles andere als schrill - er ist eine Werbeveranstaltung für aromatisiertes Bier und schlimme Dance Remixes von schon in den 80ern peinlichen Pop Songs. Was dann immer noch eine schöne Familienfeier sein könnte, wird gänzlich ruiniert vom mangelnden Zusammengehörigkeitsgefühl der Homosexuellen untereinander. Niemand grenzt besser aus als die vormals Ausgegrenzten, und der CSD ist die Siegerparade der flachwichsenden Fitnessstudio-Elite.
    Rosa von Praunheim hat einst gesagt, dass ihm nichts über die Sichtbarkeit ginge - und das stimmt nach wie vor. Inzwischen allerdings ist das schwullesbische Schaufenster noch ungefähr so unangepasst wie die Auslagen bei H&M und Zara. Herzlichen Glückwunsch! Wenn ich wirklich eine Debatte führen wollte, auch über die immer noch stattfindende anti-schwule Gewalt, sollte ich vielleicht nicht so tun, als sei mein Lebensziel schon immer gewesen, mir einen Federhut aufzusetzen und mir das Hirn mit ABBA-Beats zu zerbröseln. Ansonsten ist mein Protest gegen die Gewalt ungefähr so substanziell wie die Grundlage derselben - nämlich gar nicht.

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    den transgenialen CSD http://transgenialercsd.b... sofern Sie in der Hauptstadt wohnen, am 26.06., Start 14 Uhr am Rathaus Neukölln, Abschlusskundgebung am Heinrichplatz in Kreuzberg. Abba gibt's da wohl kaum, sondern
    'djs auf der strecke: karina, electrosexual, namosh
    Kundgebungsmoderation: Gloria Vigra, Stefanie Gras
    Und dann Daniela X, Spicy Tigers, Kingz of Berlin on Speed, GloriaViagra, StefanieGras, Pünktchen, Ocean, Frustella, Antipasti, Kakosonia, lulu belinda, Kaey, Scream Club, Monotekktoni, Miss Fish, Randy Twigg, Ipek und und und'

  4. ich stimme zu das es gut ist das schwule heute tun und lassen können was sie wollen, denn jeder sollte in unserem land in freiheit leben dürfen solange er sich friedlich verhält. und wenn der CSD eine kommerzparade geworden ist, dann ist das ja auch ein zeichen dafür das die schwulen in der gesellschaft angekommen sind. die schwulen die es eher alternativ mögen müssen ja nicht hingehen, ich gehe ja als hetero auch nicht zum grand prix oder zur love parade.

    ich stimme dagegen das es gut sein soll das klassische rollenverhalten zwischen männlein und weiblein dem anpassen zu wollen (nebenher in der beziehung andere geschlechtspartner z.b.). das führt bei heteros immer zu ärger denn sie streben im ernstfall nicht nur eine "partnerschaft" an sondern eine "familie". und sollten schwule kinder adoptieren ist es nunmal NICHT dasselbe da das kind höchstens von einem der beiden genetische merkmale hat. dazu kommt das bei heteros eine partnerschaft aus mann und frau besteht, da herrscht einfach eine andere chemie als zwischen 2 kerls (ist nicht abwertend gemeint).

  5. den transgenialen CSD http://transgenialercsd.b... sofern Sie in der Hauptstadt wohnen, am 26.06., Start 14 Uhr am Rathaus Neukölln, Abschlusskundgebung am Heinrichplatz in Kreuzberg. Abba gibt's da wohl kaum, sondern
    'djs auf der strecke: karina, electrosexual, namosh
    Kundgebungsmoderation: Gloria Vigra, Stefanie Gras
    Und dann Daniela X, Spicy Tigers, Kingz of Berlin on Speed, GloriaViagra, StefanieGras, Pünktchen, Ocean, Frustella, Antipasti, Kakosonia, lulu belinda, Kaey, Scream Club, Monotekktoni, Miss Fish, Randy Twigg, Ipek und und und'

    Antwort auf "Was gibt's zu Feiern?"
    • CHHN
    • 19. Juni 2010 17:21 Uhr

    Hype und Selbstdarstellung. Die ewig Gestrigen. Die Tabus haben wir doch schon in den 60iger Jahren gebrochen. Also was soll es noch?

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    http://de.wikipedia.org/wiki/§_175 , aufgehoben wann? In den 60ern? Nein, @CHHN, 1994.

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