Der 67-jährige Martin Dannecker erhält diesen Samstag in Berlin den 10. Zivilcouragepreis des Christopher Street Day. Der Sexualwissenschaftler schrieb 1970/71 mit Rosa von Praunheim das Drehbuch zu dem Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt«, der den Schwulen ihre Angepasstheit vorhielt.

DIE ZEIT: Am Wochenende feiert sich die Schwulenszene wieder selbst mit dem CSD, diesem großen Fest der sexuellen Abweichung. Gibt es sie eigentlich noch, die schwulen Spießer?

Martin Dannecker: Meine Kritik damals richtete sich gegen homosexuelle Gruppierungen der fünfziger und sechziger Jahre. Deren starker Wunsch nach sozialer Anerkennung hatte mit der Erfahrung des Nationalsozialismus zu tun und der späteren strafrechtlichen Diskriminierung. Wir hingegen waren gegen die Anpassung und traten der Mehrheitsgesellschaft entgegen mit der Parole: Wir sind genau die Säue, die ihr meint. Und als solche wollten wir integriert werden. Dazu aber mussten die Vorstellungen von Normalität aufgebrochen werden. Wie viel sich da mittlerweile verändert hat, hätte ich mir niemals träumen lassen. Trotzdem gibt es auch heute immer noch genug Schwule, die den CSD zu schrill finden. Ich hingegen sehe eher die Gefahr, dass das Andere mehr und mehr normalisiert wird.

ZEIT: Sie bevorzugen es also, anders zu sein?

Dannecker: Aber natürlich, das ist doch auch schön! Wenn man in der Pubertät merkt, dass man schwul ist, muss man sich irgendwie dazu verhalten. Man muss sich Gedanken machen über ein möglicherweise normatives Gefüge, in dem man lebt. Das kann ein schmerzhafter Prozess sein. Aber wenn man den überwunden hat, verleiht das ein Gefühl von Souveränität – solange es keine Repression gibt. Randständig zu sein ist eine wunderbare Position.

ZEIT: Heute gibt es schwule Bundesminister, Bürgermeister und Talkmaster. Sie sind akzeptiert.

Dannecker: Die rigide Sexualmoral hat sich fast vollständig aufgelöst. An ihre Stelle ist eine Verhandlungsmoral getreten, in der man miteinander ausmacht, wie Sexualität sein soll. Früher ging es um angemessene sexuelle Verhaltensweisen, heute um die gegenseitige Aushandlung von Lust.

ZEIT: Schwule gelten vielen als die besseren Männer. Es heißt, sie hätten mehr Geschmack, seien besser angezogen und würden besser riechen.

Dannecker: Das liegt an der Wahrnehmung der heterosexuellen Frauen. Die klagen seit Jahrzehnten: »Ach Gott, alle schönen Männer sind schwul.« Das ist natürlich Unsinn. Die Schwulen sind nicht schöner, aber sie haben es aus guten Gründen verstanden, sich schöner zu machen: weil sie sowohl Subjekt als auch Objekt der Sexualität sind. Die Frauen haben darauf sehr positiv reagiert. Und nun ziehen die Heterosexuellen nach und sind erstmals um ihren Sexualkörper besorgt, der sich dem Blick des anderen wie ein Objekt aussetzt.

ZEIT: Auch die homosexuelle Subkultur wird immer mehr integriert: In Berlin gibt es an jedem Wochenende Touristen aus ganz Europa, die vor dem Techno-Sex-Club Berghain Schlange stehen.

Dannecker: Das hängt auch mit dem alten Neid auf die etwas freizügigeren sexuellen Umgangsformen der schwulen Männer zusammen. Ihnen fällt es offensichtlich leichter, trotz einer Liebesbeziehung Sex mit anderen Partnern zu haben und das auch voneinander zu wissen. In heterosexuellen Beziehungen taucht da meist sofort ein Trennungsimpuls auf. Da gibt es eine ungeheure Idealisierung von Dauer und Exklusivität: Sexualität ist nur dann moralisch gut, wenn sie mit Liebe verschränkt wird. Diese Vorstellung ist noch nicht ganz ausgetrieben. 

Das Gespräch führte Ariane Verena Breyer