DIE ZEIT: Herr Deininger, mächtige Männer kriechen ungern zu Kreuze. Dass ein Papst sich öffentlich entschuldigt, wie Benedikt es jetzt bei den Missbrauchsopfern getan hat, ist eine ungeheure Seltenheit. Was sagen Sie als Analytiker dazu?

Bernd Deininger: Ich finde die Entschuldigung gut, weil es der katholischen Kirche bisher sehr schwerfiel, überhaupt zuzugeben, welch ein Problem pädophile Priester sind – und dass man sie nicht mit Buße zurück auf den Weg der Tugend bringt. Irritiert hat mich, dass der Papst die Schuld dem Teufel zuschiebt. Wenn ich Schuld eingestehe, nur um sie gleich wieder abzuwehren, ist nichts gewonnen.

ZEIT: Liegt es nicht in der Logik des Katholizismus, zum Zweck der Schuldabwehr zu behaupten, dass wir Menschen vom Teufel verführt sind?

Deininger: Theologisch richtig wäre allenfalls, dass der Teufel ebenso wie Gott in uns ist, dass es einerseits einen göttlichen Funken und andererseits das Unkontrollierbare, Triebhafte gibt. Aber das Böse lässt sich nicht bändigen, indem wir es verurteilen. Wir müssen uns der Aggression stellen, statt zu jammern. Denn sie betrifft ja nicht nur das Individuum, sondern die gesamte Gesellschaft. Man müsste dem Papst jetzt sagen: Der Teufel ist keine nebulöse Figur, sondern ein verinnerlichter Teil.

ZEIT: Ist der Mensch frei, das Gute zu wählen?

Deininger: Er hat nicht nur die Freiheit, sondern die Pflicht, sich mit seinen guten und bösen Anteilen zu beschäftigen. Wenn er sich als humanes Lebewesen empfindet, geht es nicht um Sünde, sondern darum, Freiheit im Kantschen Sinn zu ergreifen.

ZEIT: Was bedeutet die Papstrede für die Opfer?

Deininger: Gesellschaftlich wirkt ein Eingeständnis immer positiv auf diejenigen, an denen Gewalt verübt wurde. Die Opfer können nur dann Frieden finden, wenn die Täter Reue zeigen. Da ist es wichtig, wenn die Bitte um Verzeihung von einer Person kommt, die Autorität verkörpert. Aber gerade dann darf die Bitte nicht halbherzig sein.

ZEIT: Wäre es nicht besser, jeden Betroffenen persönlich anzusprechen, statt Reden zu halten?

Deininger: Nein, beides ist wichtig, weil wir in den letzten Monaten gemerkt haben, dass das Thema für die gesamte Gesellschaft eine exemplarische Bedeutung hat. Missbrauch im Sinne von Unrecht ist allgegenwärtig. Das öffentliche Schuldeingeständnis des Papstes war wichtig, damit die Betroffenen sich gesehen fühlen.