Forschungsreaktor Iter "Teurer als Kernkraftwerke"

Interview mit dem MPI-Forscher Günther Hasinger über die Frage, wie sich Deutschland angesichts der Probleme von Iter verhalten soll.

DIE ZEIT:Ist Iter noch zu retten ?

Günther Hasinger: Eine grundlegende Gefährdung sehe ich nicht. Aber Einsparungen sind notwendig, die Geldgeber wollen keine Budgetüberziehungen mehr dulden.

ZEIT: Kostensteigerungen sind bei Großforschungsprojekten leider üblich. Sind denn die jüngsten Zahlen endlich stabil?

Hasinger: Diesmal ist ein Sicherheitspuffer von 600 Millionen eingeplant, das Zahlenwerk ist solide. Keiner will das Projekt an die Wand fahren. International ruhen auf Iter große Hoffnungen. Das große Interesse in Japan, Südkorea, Indien und China belegen zum Beispiel vier in Asien parallel zu Iter neu gebaute oder entstehende Tokamaks.

Anzeige

ZEIT: Sind die nicht wesentlich kleiner?

Hasinger: Ja, klein, aber sehr fein. Man nimmt dort die Fusionstechnik sehr ernst und empfände deutliche Verzögerungen als bitter, besonders in China. Dort heißt es: »Wir haben in 20 Jahren unser ganzes Land umgebaut, warum sollen wir 40 Jahre brauchen, um eine neue Energiequelle zu entwickeln?« China könnte locker einen Iter finanzieren. 

Das Iter-Projekt

"Iter" heißt lateinisch "der Weg" und ist der Name des internationalen Gemeinschaftsprojektes zur Entwicklung eines Fusionsreaktors zur Energiegewinnung.

Der Name sagt es schon: Was da in Cadarache in Südfrankreich entstehen soll, ist nur mehr ein Wegbereiter für das Fusionsfeuer nach dem Vorbild der Sonne. Die Technik soll sich später in Kraftwerken nutzen lassen. Dazu muss es den Entwicklern gelingen, ein Wasserstoffplasma in Magnetfeldern einzuschließen und auf knapp 200 Millionen Grad Celsius aufzuheizen. Als Brennstoff dient in dem Iter-Reaktor radioaktives Tritium, das ständig neu im Reaktormantel entsteht. Es wird aus Lithium erbrütet.

Die Partner

Die technisch höchst anspruchsvolle Experimentalanlage Iter planen europäische, japanische, russische und US-amerikanische Fusionsforscher schon seit 1988. China und Südkorea schlossen sich 2003 dem Großprojekt an. Sieben Partner sind es, seit Indien 2005 dazu stieß.

Die Anlage

Der Bau der Anlage sollte bereits 2009 beginnen. Noch liegt die Baustelle brach. Nach der vollständigen Errichtung im Jahr 2026 sollen zwanzig Jahre intensiver Forschung folgen: Wie lässt sich das Sonnenfeuer optimal bändigen? Welche Materialien halten es am besten aus? Welche taugen als Brennstofflieferanten? Bis zur Inbetriebnahme kommerzieller Fusionsreaktoren werden weit mehr als 50 Jahre vergehen. Mindestens.

ZEIT: Es wäre rausgeworfenes Geld, wenn sich die Fusion nicht rechnete. Iter bringt nur Bruchteile der Leistung eines industriell nutzbaren Reaktors und kostet mehr als zwei Atommeiler. Wegen so hoher Kosten sind die Amerikaner schon einmal ausgestiegen.

Hasinger: Diesmal bleiben sie im Boot. Inzwischen haben sich die Energiepreise vervielfacht, Klimafolgekosten kommen hinzu.

ZEIT: Wie will man Kohle- oder Kernkraftwerke ersetzen, wenn sich bereits abzeichnet, dass Fusionsreaktoren zigfach teurer werden?

Hasinger: Vorsicht, man darf die Kosten von Iter nicht hochrechnen auf kommerzielle Kraftwerke. Der Prototyp eines Autos mit neuester Technik kostet auch sehr viel mehr als das Endprodukt. Ein Versuchsreaktor ist komplexer und teurer als ein wirtschaftlich optimierter Reaktor. Allerdings werden Fusionskraftwerke technisch aufwendiger und teurer sein als Kernkraftwerke.

Wie soll die Kernfusion im Forschungsreaktor Iter funktionieren? Klicken Sie hier für eine Infografik

ZEIT: Um wie viel teurer?

Hasinger: Ganz grob etwa doppelt so teuer.

ZEIT: Strom zum doppelten Preis wäre kaum konkurrenzfähig.

Hasinger: So einfach sind Langzeitprognosen nicht. Atomstrom dürfte sich wegen der Endlager- und Proliferationsrisiken verteuern, das CO₂ aus Kohle- und Gaskraftwerken müsste endgelagert werden, das treibt die Kosten.

Leser-Kommentare
    • Fifty4
    • 18.06.2010 um 8:03 Uhr

    Wenn dann in fünfzig Jahren vielleicht, vielleicht mal ein Kilowatt Strom erzeugt wird, dann sind bereits seit hundert Jahren hunderte von Milliarden Dollars ausgegeben worden. Für die Forschung und die Forscher. Das ist nobel aber für die Energiegewinnung unsinnig.

    Besser würde man den Geldfluss jetzt komplett stoppen und ihn dann in die Entwicklung der Photovoltaik und der Batterietechnik stecken. Da hätten wir alle kostenlose Kraftwerke auf dem Dach und darunter entsprechende Speicher.

    Statt dessen wird hier unser Geld verplempert von Politikern, die auf das Wohl unseres Landes vereidigt sind. Man sollte sie wegen Meineids aburteilen und einsperren. Und wegen Dummheit und Geldgier dazu.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Afa81
    • 18.06.2010 um 17:01 Uhr

    Sie wollen die Grundlast unseres Strombedarfs mit Photovoltaik decken? Und die Politiker wegen Meineids aburteilen und einsperren, weil diese die Erforschung der Kernfusion unterstützen? Haben Sie Ahnung von Energietechnik?

    • Fifty4
    • 19.06.2010 um 19:15 Uhr

    Eine Ahnung reicht da nicht. Man sollte schon etwas wissen.

    Kennen Sie sich mit Geld aus? - Dann rechnen Sie mal.

    Sie möchten die Grundlast mit Kernfusion decken? Na dann warten sie mal 50 Jahre und heizen solange mit Brikett und lesen mit der Taschenlampe.

    • Afa81
    • 18.06.2010 um 17:01 Uhr

    Sie wollen die Grundlast unseres Strombedarfs mit Photovoltaik decken? Und die Politiker wegen Meineids aburteilen und einsperren, weil diese die Erforschung der Kernfusion unterstützen? Haben Sie Ahnung von Energietechnik?

    • Fifty4
    • 19.06.2010 um 19:15 Uhr

    Eine Ahnung reicht da nicht. Man sollte schon etwas wissen.

    Kennen Sie sich mit Geld aus? - Dann rechnen Sie mal.

    Sie möchten die Grundlast mit Kernfusion decken? Na dann warten sie mal 50 Jahre und heizen solange mit Brikett und lesen mit der Taschenlampe.

    • k2
    • 18.06.2010 um 8:34 Uhr

    Beispielsweise die

    ITER-Hotellerie von Japanern in Italien

    ist mir bekannt einschliesslich

    des Pizza-"Porte Via"-Programms

    des internen dortigen ITER-Rechners.

    Garching machte meistens genau das Gegenteil,
    was ich wollte: Am Garchinger Forschungsreaktor FRM II
    hatte ich mit Wissenschaftskommissarin Edith Cresson
    alle nuklearen Auflagen der Alliierten beseitigt. Und?
    Weiter vermisse ich nun bei Günter Hasinger Hinweise
    auf SANDIA oder konkurrierende nukleare Modelltheorien,
    als da sind:

    http://www.veoh.com/brows...

  1. Erinnert sich noch wer an das Licht-Phänomen am
    norwegischen Himmel in der Nacht vor der Nobel-
    Preisverleihung?

    Das war KEIN missglückter Raketenstart.

    NEIN - das wurde inzwischen vom EISCAT bestätigt:

    Es war ein Militärisches Experiment, bei dem die
    Ionosphäre manipuliert wurde, um Strahlung sichtbar
    zu machen.

    Diese Strahlung breitet sich spiralförmig aus.

    Einfach mal googlern:

    EISCAT und HAARP

    In sofern glaube ich NICHST, was uns über den ach
    so bedeutenden Teilchenbeschleuniger erzählt wird!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Verschwörungstheorien werden noch unglaubwürdiger, wenn sie nichtmal die richtige Grundlage haben.

    Bei ITER handelt es sich nicht um den "bedeutenden Teilchenbeschleuniger" (ich vermute Sie meinen den LHC), sondern um einen Fusionsforschungsreaktor.

    Verschwörungstheorien werden noch unglaubwürdiger, wenn sie nichtmal die richtige Grundlage haben.

    Bei ITER handelt es sich nicht um den "bedeutenden Teilchenbeschleuniger" (ich vermute Sie meinen den LHC), sondern um einen Fusionsforschungsreaktor.

  2. Der Sprecher klingt fast wie Carl Sagan.
    RIP Carl.

  3. Solange ich die Berichterstattung verfolge, lese ich immer wieder eine Zahl: 50 Jahre. Und das, seit ich 1990 mit dem Studium der Physik begonnen habe.
    Während die Kosten immer weiter steigen, bleibt diese Zahl über all die Jahre konstant.
    Bringen wir also etwas Geduld auf, und blicken in die Zukunft: 2060 haben die Erschöpfung der fossilen Ressourcen (und auch der Uranvorräte) und der Umbau auf preiswertere erneuerbare Energien unsere Energiewirtschaf völlig verändert. Die Versorgungsnetze wurden umgebaut, weg von den großen Mega-Kraftwerken zur dezentralen Versorgung.
    Die Fusionskraftwerke werden dann nicht in die Versorgungslandschaft passen. Die bis dahin rückgebauten Netze müssten wieder aufgebaut werden.
    Eine Kosten/Nutzenanalyse der neuen Technologie darf daher nicht am IST-Zustand unserer Energieversorgung beurteilt werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hauptsache ist erst einmal, die Netze auszubauen, um Offshore-Windstrom aus der Nordsee (möglichst im Verbund mit Pumpspeichern in Skandinavien) und Desertec-Strom aus Nordafrika zum Verbraucher zu bringen. Für die Grundlast kann man auch in 50 Jahren noch ein paar Großkraftwerke brauchen. Und da wäre Fusion allemal ungefährlicher als Spaltung.
    Wie die Infrastruktur sich wirklich entwickeln wird, ist aber nicht seriös abschätzbar. Viele Stadtwerke setzen zwar auf dezentrale Energieversorgung, aber die Marktmacht - und den politischen Einfluss - von RWE, Eon, Vattenfall, EdF & Co. darf man nicht unterschätzen. Die haben etwas zu verlieren.

    • Fifty4
    • 19.06.2010 um 19:28 Uhr

    Schon Ende der 60 Jahre geisterte die Zahl Fünfzig in Verbindung mit dem Kernfusionsreaktor durch die Medien. In der heutigen Zeit ist es aber eine völlig unsinnige Technologie und es wird wahrscheinlich niemals funktionieren. Es muss es ja auch gar nicht.

    Es ist nur eine gemütliche Geldquelle für ein paar kluge Physiker und ihre politischen Freunde. Was heute wirklich Sinn macht, wird heutzutage nicht intensiv gefördert. Es wird sich aber trotzdem durchsetzen.

    Hauptsache ist erst einmal, die Netze auszubauen, um Offshore-Windstrom aus der Nordsee (möglichst im Verbund mit Pumpspeichern in Skandinavien) und Desertec-Strom aus Nordafrika zum Verbraucher zu bringen. Für die Grundlast kann man auch in 50 Jahren noch ein paar Großkraftwerke brauchen. Und da wäre Fusion allemal ungefährlicher als Spaltung.
    Wie die Infrastruktur sich wirklich entwickeln wird, ist aber nicht seriös abschätzbar. Viele Stadtwerke setzen zwar auf dezentrale Energieversorgung, aber die Marktmacht - und den politischen Einfluss - von RWE, Eon, Vattenfall, EdF & Co. darf man nicht unterschätzen. Die haben etwas zu verlieren.

    • Fifty4
    • 19.06.2010 um 19:28 Uhr

    Schon Ende der 60 Jahre geisterte die Zahl Fünfzig in Verbindung mit dem Kernfusionsreaktor durch die Medien. In der heutigen Zeit ist es aber eine völlig unsinnige Technologie und es wird wahrscheinlich niemals funktionieren. Es muss es ja auch gar nicht.

    Es ist nur eine gemütliche Geldquelle für ein paar kluge Physiker und ihre politischen Freunde. Was heute wirklich Sinn macht, wird heutzutage nicht intensiv gefördert. Es wird sich aber trotzdem durchsetzen.

    • tasat
    • 18.06.2010 um 9:24 Uhr

    ...es das Video evtl. auch auf englisch? Ich spreche leider kein Franzoesisch aber es sieht zumindest interessant aus.
    Ubrigens hat die Photovoltaik von der ersten Solar Zelle bis zu dem Stand heute auch ueber 50 Jahre gebraucht. Und es wird auch weiterhin in die Richtung geforscht und das nicht nur aus Liebe zur Natur. Bei der Entwicklung organischer Solarzellen zum Beispiel erhofft man sich auch satte Gewinne. Nur dass es den Buergern eben besser verkauft wird.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • k2
    • 18.06.2010 um 10:26 Uhr

    "My research at Sandia focused on modeling a plasma in finite element electromagnetic code for electromagnetic analysis of plasma facing components in the ITER tokomak reactor. I also investigated the effects of using ferritic materials in the plasma facing components of ITER"(

    http://www.sandia.gov/pul...

    ).

    "Magnetic confinement, used by tokamaks and in particular by the upcoming ITER machine, creates a standing plasma confined by magnetic fields over relatively long periods of time – perhaps as much as 15 minutes"(

    http://www.sandia.gov/Lab...

    ).

    "ITER, expected online in 2019, will provide a different path to nuclear fusion from the nanosecond compression of tiny capsules of hydrogen isotopes caused by the megagauss magnetic fields generated by Sandia’s Z machine"(

    http://www.sandia.gov/Lab...

    ).

    • k2
    • 18.06.2010 um 10:26 Uhr

    "My research at Sandia focused on modeling a plasma in finite element electromagnetic code for electromagnetic analysis of plasma facing components in the ITER tokomak reactor. I also investigated the effects of using ferritic materials in the plasma facing components of ITER"(

    http://www.sandia.gov/pul...

    ).

    "Magnetic confinement, used by tokamaks and in particular by the upcoming ITER machine, creates a standing plasma confined by magnetic fields over relatively long periods of time – perhaps as much as 15 minutes"(

    http://www.sandia.gov/Lab...

    ).

    "ITER, expected online in 2019, will provide a different path to nuclear fusion from the nanosecond compression of tiny capsules of hydrogen isotopes caused by the megagauss magnetic fields generated by Sandia’s Z machine"(

    http://www.sandia.gov/Lab...

    ).

  4. Verschwörungstheorien werden noch unglaubwürdiger, wenn sie nichtmal die richtige Grundlage haben.

    Bei ITER handelt es sich nicht um den "bedeutenden Teilchenbeschleuniger" (ich vermute Sie meinen den LHC), sondern um einen Fusionsforschungsreaktor.

    Antwort auf "à propos Forschung"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...ich habe nur den Artikel gesucht, wo diese
    nachricht am besten reinpasst. Da hab ich mir
    einen absichtlichen Fehler erlaubt.

    Aber ist ja auch egal.

    Sie wissen, welches Phänomen ich meine und es
    ist in diesem Fall eben KEINE Theorie, sondern
    die Wahrheit - kann man auf der homepage von
    EISCAT nachlesen.

    Also läuft der VT-Vorwurf ins Leere : )

    Es war ein militärisches Ionosphären-Experiment.

    W Z B W

    ...ich habe nur den Artikel gesucht, wo diese
    nachricht am besten reinpasst. Da hab ich mir
    einen absichtlichen Fehler erlaubt.

    Aber ist ja auch egal.

    Sie wissen, welches Phänomen ich meine und es
    ist in diesem Fall eben KEINE Theorie, sondern
    die Wahrheit - kann man auf der homepage von
    EISCAT nachlesen.

    Also läuft der VT-Vorwurf ins Leere : )

    Es war ein militärisches Ionosphären-Experiment.

    W Z B W

  5. Solarkollektoren auf ihrem dem Dach, oder eine eigene Sonne im Keller? Ich würde mich ganz klar für die eigene Sonne entscheiden, da man dadurch immer zuverlässig Energie hat.
    Was würden sie tun wenn die Sonne mal 1. Woche lang nicht scheint? Dann sind ihre Energiespeicher leer und kein Strom mehr da. Ich frage mich sowieso weshalb man etwas verwerten sollte wenn es doch im prinzip einfacher wäre sich an die Quelle zu setzen. Was den Preis angeht, wie oben schon erwähnt ist der Prototyp scheer zu bauen, insbesondere wenn es sich um etwas hochkomplexes wie ein Fusionsreaktor handelt, da war der vergleich mit dem Auto doch eher unglücklich. Außerdem würde so ein Fusionsreaktor einen Gewaltigen sprung für die Raumfahrt bedeuten, da man endlich eine zuverlässige Energiequelle hätte die unabhängig von Sonneneinstrahlung funktioniert und zugleich große Mengen energie liefert. Bevor hier wieder das Argument kommt mit: "Er ist doch viel zu groß" sage ich lieber gleich das sobald dieser Reaktor ersteinmal einsatzbereit ist, man ihn innerhalb von wenigen Jahrzehnten auf die Hälfte bzw. ein Viertel seiner jetzigen Größe bringt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service