Italien auf Zeit Meine Provinz
In Varese Ligure ist die Welt wieder in Ordnung. Die italienische Kleinstadt hat auf grüne Ökonomie umgestellt. Andreas Weber ist gleich hingezogen
Gestern Nacht sind die ligurischen Berge mein Zuhause geworden. Wie so oft in den letzten Monaten trat ich aus meiner Wohnung in die enge Gasse, die ausgestorben im Laternenlicht lag. Ich folgte dem Hund auf seinem Weg in die Wiesen. Ich stieg zwischen der Kirche und Lucianos Internetladen die Stufen hinauf, schritt an den Feldsteinen des eingerüsteten Pfarrhauses vorbei, an den Eisenrohren, die vor der Schmiede rosten, vorbei an Chica, der lahmen Zottelhündin, die auf der Straße schläft. Ich ging bis zum Friedhof hinauf. In den Wandnischen glühten die Lebenslichter, die Nacht schwieg unter einem runden Mond.
Hierher war ich nach meiner Ankunft im frühen März in den Fahrspuren der Autos gestapft, als zwanzig Zentimeter Schnee das ligurische Städtchen zudeckten, als die Straßenlaternen zu flackern begannen und schließlich der Strom wegblieb. Allein und stumm hatte ich manchmal auf dem düsteren Berg gestanden und versucht, kein Heimweh nach Berlin zu empfinden. Hier hatte ich über die Höhenzüge des Apennin wieder und wieder dem Vara-Fluss in seinem Kieselbett nachgeblickt.
Gestern Nacht hat sich die Leere der letzten Monate endlich gefüllt. Im Mondlicht lagen die Bergketten hintereinander, aufgelöst in Schleier von durchsichtigem Blau. Eine Nachtigall sang unten am Fluss, eine andere antwortete ihr ein Stück weiter. Das Tal bis zu den Bergen von Carrodano, hinter denen die Riviera beginnt, hatte sich mit Klang gefüllt. Ich stellte mir vor, dass die Erde in dieser Nacht so aus dem All wahrnehmbar wäre, als ein Teppich von Tönen. Und ich könnte von Nachtigall zu Nachtigall wandern, bis ich das Mittelmeer erreichte.
Noch vor einem halben Jahr hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich – wenn auch auf Zeit – Bürger von Varese Ligure sein würde. Mir wäre im Leben nicht eingefallen, dass ich bei Mauro, dem stets Mozartarien pfeifenden Postboten, Kirschholzscheite für meinen Bullerofen holen würde. Ich hätte nie geahnt, dass ich beim Schreiben einmal vom Schwatzen und Lachen der Frauen umgeben wäre, die im Wollladen unter den dünnen Holzdielen meines Wohnzimmers ihren Tratsch-Stützpunkt haben. Und welch unverhofftes Geschenk: Das Fleisch, das ich einmal pro Woche kaufe, stammt von biologisch gehaltenen Rindern, die sich an Wiesenblumen mästen.
Erst recht hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal den Klassenlehrer und die Pedellin der Scuola Media kennenlernen würde. Dort habe ich meinen Sohn eingeschult, der im Übrigen für unseren Umzug verantwortlich ist. Er stellte die Weichen bei unserem jüngsten und seinem ersten Italienurlaub, als wir im Auto über eine Gasse des nahen Riviera-Örtchens Bonassola krochen, von plaudernden Fußgängern zum Schritttempo genötigt. »Papa, warum gehen die Menschen auf der Straße?«, fragte er. »Haben die Vorfahrt?« – »Nein.« – »Warum machen sie es dann?« – »Sie machen es eben einfach.« – »Papa?« – »Ja?« – »Ich möchte in Italien leben.«
Wir haben uns auf die Idee eingelassen. Zuerst spaßeshalber, später vielleicht aus Ehrgeiz. Dann fügte sich eins ins andere. Die Berliner Schulrektorin gab den Zehnjährigen großherzig für ein halbes Jahr frei. Die Vice-Dirigente der neuen Schule drückte mir Anmeldeformulare in die Hand, ohne zu fragen, ob mein Sohn auch nur ein Wort Italienisch könne (er konnte ungefähr eins). Und plötzlich war da, über drei Ecken und mithilfe einer Freundin, eine bescheidene, aber trockene Wohnung, eine Art Reihenhaus, eng, hoch, eingezwängt in die Via Cristoforo Colombo, mitten in der Fremde, mitten im Leben. Nachts um drei stand ich mit meinem Auto und einem Kofferraum voller Umzugskartons im Carruggio, der engen Altstadt Genueser Stils, sog den Rauch der Kaminfeuer ein, den ich als Begrüßung immer im Gedächtnis behalten werde. Dann ging ich los, um meinen Hund zu suchen. Er hatte eine Katze unter einen dicht an der Wand geparkten Fiat gejagt.
Wir hatten Varese Ligure für dieses Experiment gewählt, weil dem Städtchen in aller Stille das gelungen ist, was unsere Industriegesellschaft derzeit verzweifelt sucht: moderner und gleichzeitig altmodischer zu werden, ökonomisches Gedeihen, intakte Natur und Gemeinschaftsdenken zu vereinbaren. Dabei litt die Stadt am Ende des Vara-Tals bis in die 1990er Jahre bittere Armut, obwohl sie nur gut dreißig Kilometer vom betriebsamen Erholungsgebiet Cinque Terre entfernt ist. In den Bergen, auf deren Gipfeln auch im Mai noch Neuschnee schimmern kann, bestellten die contadini , die Kleinbauern, ihre Weideterrassen wie im 19.Jahrhundert. Heute noch kann man sehen, wie die Alten ein paar Quadratmeter absensen, um ihren Kühen das Gras in den Stall zu streuen. Diese Berge sind das Gegen-Italien. Die meisten Urlauber sind bei seinem Anblick überrascht. Denn sie bedenken nicht, dass »das Land, wo die Zitronen blühn«, auch ein zerklüftetes Gebirge sein kann. Eine oftmals unwirtliche Gegend, der nach wie vor die jungen Leute abhanden kommen. In Varese, das mit knapp 25 verstreuten und teils verlassenen Weilern so groß wie die Metropole Mailand ist, kommt ein Kind auf 15 Alte. Heute leben hier nicht einmal mehr 2500 Menschen, während es vor 50 Jahren noch 6000 waren.
Im Winter erscheinen die schroffen Berge so leer und fern wie die Rocky Mountains. Doch jetzt, da der Sommer endlich einzieht, treibt das frische Grün der Eichen- und Maronenwälder schneller, als ich hinsehen kann, wachsen die Wiesen jede Nacht eine Handbreit höher. In der frühen Morgensonne wölben sich die Weideterrassen, aus denen Lungenkraut und Miere, Lichtnelken und Salbei streben. Ich dürfte kaum mehr schlafen, um dieses Freudenfest nicht zu verpassen.
Der Mann, der den Standortvorteil dieses Fleckens in den 1990er Jahren erkannte, war der Bürgermeister Maurizio Caranza. Er verwandelte, was damals als rückständig galt, zum Alleinstellungsmerkmal: Hier haben 95 Prozent der Bauern immer nachhaltig gewirtschaftet, auch wenn es aus purer Armut geschah. Caranza begriff, dass die Natur der Trumpf des Städtchens ist. Der Respekt vor dem Ursprünglichen und der Tradition würde auch die Gemeinschaft beleben. Und Caranza gelang es, die Anwohner zu überzeugen. Zusammen begannen sie, viele Bausünden zu beseitigen und die Vergangenheit von Varese Ligure freizulegen, dem schmucken mittelalterlichen Handelszentrum am Fuße des Cento-Croci-Passes, der jahrhundertelang wichtigster Transitweg zwischen Küste und Po-Ebene gewesen war. Sie pflasterten die Dorfstraße mit handbehauenem Schiefer, die Tankstelle mitten im Dorf rissen sie ab. Sie tünchten die verschachtelten Mauern in frischem Pastell, orange, ocker, rosé, gelb. Sie gründeten eine Ökomolkerei und eine Biofleischkooperative. Sie bauten eine Kläranlage und einen Recyclinghof. Der unlängst verstorbene Caranza hat es geschafft, zu jedem investierten Euro vier weitere aus den Europa-Töpfen für Regionalentwicklung loszueisen und damit Varese die verlorene Identität wiederzugeben: eine Miniatur-Civitas inmitten berauschender Landschaft.

Heute ist das ökologische Wirtschaften zum Schlüssel des ökonomischen Erfolges geworden. Die Molkerei beliefert Großhandelsketten mit Joghurt aus dem »Valle del Biologico«. Oben auf den sturmgezausten Hängen des Cento Croci drehen sich vier, bald acht kommunale Windkrafträder. Die Subventionen für die alternative Energie bessern die Gemeindekasse auf. Bisher stören die Turbinen das Landschaftsbild nicht, denn sie sind geschickt zwischen den Kuppen versteckt. Varese ist kein sterbendes Dorf mehr, aber auch kein Postkartenkleinod wie die Cinque-Terre-Dörfer an der Küste. Die grüne Ökonomie hat zaghaften Wandel gebracht und – anders als jedes Rezept für Wachstum, das mit »Industrieansiedlungen« winkt – vor allem neue Autonomie. Es ist ein Kosmos, der sich selbst genügt – manchmal verschlafen, manchmal engstirnig, aber stets heimelig. Jeder duzt jeden im Ort. Ich bin mit der Bäckerin auf Du, wenn ich mittags Focaccia con Cipolle kaufe, das ligurische Fladenbrot mit Zwiebeln. Ich gehe nicht zum Friseur, sondern zu Adriano. An der Spitze der Fronleichnamsprozession schreitet nicht die Bürgermeisterin, sondern Michela mit grün-weiß-roter Schärpe. Ich winke der (einzigen) Polizistin, die immer erst fünf Minuten auf der Pfeife trillert, bevor sie einem Falschparker den Strafzettel ausstellt, Anders als in Berlin bin ich in der winzigen Republik Varese stets zu Fuß unterwegs. Alles liegt um die Ecke: der Kaufladen, der Klempner, die Werkstatt des Schreiners, die Post. Ebenso wie die Orchideenwiese, der Molchtümpel, der Bergbach mit seinen Wasseramseln und Flussuferläufern.
Mein Sohn kehrt mittags heiter aus der hundertfünfzig Meter entfernten Schule heim. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sich mal prügeln«, sagt er. Wie die anderen Kinder bewegt er sich nach Lust und Laune durch die Gassen. Zu seinen Fixpunkten gehören der Brunnen vor der alten Burg, auf dessen Grund immer Zehn-Cent-Münzen liegen, und die Bar dello Sport, wo das Herausgefischte in Naschereien umgetauscht wird. Manchmal rückt der Besitzer ein Weingummi gratis heraus. Nachmittags lassen mein Sohn und seine Mitschüler Michele und Ricardo Steine über den Vara ditschen, kleiden ihr Versteck unter einer Steinbrücke mit Treibholz aus oder spendieren einander Eis in der Bar des Freibades.
Varese Ligure ist provinziell. Und doch verläuft das Leben leicht und ungezwungen. Obwohl die Menschen auch hier nicht immer freundlich miteinander umgehen, eint sie doch ein spürbares Zusammengehörigkeitsgefühl. Möglicherweise trägt diese Einbindung in Dörfern und Kleinstädten dazu bei, dass viele ein hohes Alter erreichen. Hinsichtlich der Lebenserwartung liegt Italien an fünfter Stelle der OECD-Liste, Deutschland nur an vierzehnter. Der Varesiner Republik jedenfalls gelingt auf alteuropäisch-elegante Weise, was die modernen »Communities«, von Ökodörfern bis Mehrgenerationenhäusern, mühsam umzusetzen versuchen: persönliche Freiheit und Heimatgefühl zu vereinbaren.
Immer noch gibt es allerdings auch in Varese einige, denen das ökologische Engagement auf die Nerven geht. Viele hätten gern die Schnellstraße ins Tal, von der seit vierzig Jahren die Rede ist. Nicht allen ist bewusst, dass der Ort anderen italienischen und europäischen Gemeinden als Vorbild auf dem Weg in eine grüne Zukunft dienen könnte. Und überhaupt wundern sich manche über die Reisenden, die glauben, hier ihr Ziel gefunden zu haben: die Nähe der verwunschenen Berge und keine vierzig Minuten entfernt die liebliche Riviera. Selbst das Hotel Albergo Amici, das seit Jahrhunderten der Familie der Bürgermeisterin gehört, empfinden sie als eine Attraktion für sich. Wenn die Dorfbewohner mit ihren Kindern und Enkelkindern sonntags an den grazilen Tischen des Speisesaals tafeln, scheint es, als sei die Zeit an einem Frühsommertag in den fünfziger Jahren stehen geblieben.
In Varese Ligure halten sich Vergangenheit und Zukunft die Waage. Ich habe nichts dagegen. Ich wandere mit meinem Hund die Wiesen hinter der Gasse hinauf, begrüße die Eidechsen, die auf Steinen in der Sonne liegen. Und ich schaue über die Berge, die es vor mir gab und nach mir geben wird.
- Datum 22.06.2010 - 13:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.06.2010 Nr. 25
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... von was lebt man da als Einwanderer?
Hat die nachhaltige Landwirtschaft noch Jobs zu vergeben? Verschlafene Dörfchen hinter den sieben Bergen sind doch auch nicht bekannt dafür, ein einträgliches Leben als Journalist zu ermöglichen?
Gibt's da DSL?
Alle Anhänger der Ökoreligion sollten sich in solchen Gemeinwesen organisieren. Eine phantastische Zukunftsidee!
Ich bin wirklich begeistert. Wenn sie dann auch alle Kosten
ihrer Traumwelt seber tragen, ohne diese dann wieder dem
schnöden Normalbürger aufzuhalsen, würde ich mich mit aller Kraft einsetzen! Währe für die Ökologisten vielleicht ein bischen eintönig! denn an wem sollten sie denn dann ihr Sendungsbewußtsein abarbeiten? Insofern ein schöner Traum! Wir werden wohl auch zukünftig die exorbitanten Kosten dieser Ökosekte finanzieren müssen. Wenn wir pech haben kommen wir noch alle in Umerziehungslager!
Schönen Gruß auch aus Absurdistan!
wenn ich auf jeden Euro, den ich selbst in die Hand nehme, 4 EU-Euro dazubekomme, dann mach ich auch ein hübsches verkitschtes Zukunftsmodell für die wohlsituierte Erbengeneration, die sich mit schnödem Unterhaltserwerb nicht mehr plagen muss, auf.
Blöd nur, wenn dann in der Zukunft keiner mehr die Stütze zahlt und die Illusion nachhaltig auf eigenen Füßen stehen sollte. Das würde ja den ganzen Spass vermiesen, aber so ein bisschen projektmäßig am Tropf der Allgemeinheit ein guter Mensch sein, das wär schon was....
Ähnlich wie der Autor kam auch ich vor neun Jahren nach Ligurien zum Probewohnen. Bin dann gleich geblieben (dank Internetbasiertem Beruf geht das) und kann bestätigen, dass Varese Ligurie wirklich ein Vorzeigeort ist. Natürlich verflacht die erste Euphorie für Land und Leute im Laufe der Jahre, alles hat seine Schattenseiten, aber es ist wie bei der Liebe: Erst das grosse Feuer, dann erste Enttäuschungen und später - im Bestfall - eine stille Glut. Allerdings steht Italien vor grossen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Hürden und ich zweifle, dass es alle nehmen wird.
Immer haben noch nicht alle bemerkt, dass das Geld, für das die Landschaften in Deutschland leergeräumt wurden und werden, ebenfalls aus Brüssel stammt. Die Flächenpauschalen etwa. Die Subventionen für den "Agrardiesel".
Aber anders als das EU-Geld, das in Varese L. verwendet wurde, um ein System zu stützen, das aus sich selbst heraus sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Stabilität produziert, fließt unser Steuergeld für die Industrielandschaft in eine ökonomische Sackgasse. Denn diese produziert laufend unsichtbare Folgekosten.
So kommt die Allgemeinheit für steigende und in ihrer Höhe kaum abschätzbare weitere Summen auf. Eine Zahl sind etwa jene 5 Milliarden Euro jährlich, die allein in Deutschland durch agrarbedingte Wasserschäden fällig werden (Bundesamt für Naturschutz).
Der Geldwert der "Lebensleistungen", die ungestörte natürliche Systeme für uns alle erbringen (auch für jene Menschen, die meinen, "Öko" wäre rückständig, und sie würden ihren (biologischen) Körper schon in einer ressourcenentleerten Maschinenenwelt gesund halten), betrug bereits 1997 geschätzte 33-64 Billionen USD und heute viel mehr; jedes Jahr verschwinden global Ökosystemdienstleistungen im Werte von 250 Milliarden USD; allein die Entwaldung kostete im Jahr des Bankencrashs 6 Billionen.
Für die Kosten kommen vornehmlich Menschen auf, die wir nicht sehen, nämlich Subsistenzbauern in südlichen Ländern; und auch solche hier in Italien.
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