Italien auf Zeit Meine ProvinzSeite 3/3

Heute ist das ökologische Wirtschaften zum Schlüssel des ökonomischen Erfolges geworden. Die Molkerei beliefert Großhandelsketten mit Joghurt aus dem »Valle del Biologico«. Oben auf den sturmgezausten Hängen des Cento Croci drehen sich vier, bald acht kommunale Windkrafträder. Die Subventionen für die alternative Energie bessern die Gemeindekasse auf. Bisher stören die Turbinen das Landschaftsbild nicht, denn sie sind geschickt zwischen den Kuppen versteckt. Varese ist kein sterbendes Dorf mehr, aber auch kein Postkartenkleinod wie die Cinque-Terre-Dörfer an der Küste. Die grüne Ökonomie hat zaghaften Wandel gebracht und – anders als jedes Rezept für Wachstum, das mit »Industrieansiedlungen« winkt – vor allem neue Autonomie. Es ist ein Kosmos, der sich selbst genügt – manchmal verschlafen, manchmal engstirnig, aber stets heimelig. Jeder duzt jeden im Ort. Ich bin mit der Bäckerin auf Du, wenn ich mittags Focaccia con Cipolle kaufe, das ligurische Fladenbrot mit Zwiebeln. Ich gehe nicht zum Friseur, sondern zu Adriano. An der Spitze der Fronleichnamsprozession schreitet nicht die Bürgermeisterin, sondern Michela mit grün-weiß-roter Schärpe. Ich winke der (einzigen) Polizistin, die immer erst fünf Minuten auf der Pfeife trillert, bevor sie einem Falschparker den Strafzettel ausstellt, Anders als in Berlin bin ich in der winzigen Republik Varese stets zu Fuß unterwegs. Alles liegt um die Ecke: der Kaufladen, der Klempner, die Werkstatt des Schreiners, die Post. Ebenso wie die Orchideenwiese, der Molchtümpel, der Bergbach mit seinen Wasseramseln und Flussuferläufern.

Mein Sohn kehrt mittags heiter aus der hundertfünfzig Meter entfernten Schule heim. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sich mal prügeln«, sagt er. Wie die anderen Kinder bewegt er sich nach Lust und Laune durch die Gassen. Zu seinen Fixpunkten gehören der Brunnen vor der alten Burg, auf dessen Grund immer Zehn-Cent-Münzen liegen, und die Bar dello Sport, wo das Herausgefischte in Naschereien umgetauscht wird. Manchmal rückt der Besitzer ein Weingummi gratis heraus. Nachmittags lassen mein Sohn und seine Mitschüler Michele und Ricardo Steine über den Vara ditschen, kleiden ihr Versteck unter einer Steinbrücke mit Treibholz aus oder spendieren einander Eis in der Bar des Freibades.

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Varese Ligure ist provinziell. Und doch verläuft das Leben leicht und ungezwungen. Obwohl die Menschen auch hier nicht immer freundlich miteinander umgehen, eint sie doch ein spürbares Zusammengehörigkeitsgefühl. Möglicherweise trägt diese Einbindung in Dörfern und Kleinstädten dazu bei, dass viele ein hohes Alter erreichen. Hinsichtlich der Lebenserwartung liegt Italien an fünfter Stelle der OECD-Liste, Deutschland nur an vierzehnter. Der Varesiner Republik jedenfalls gelingt auf alteuropäisch-elegante Weise, was die modernen »Communities«, von Ökodörfern bis Mehrgenerationenhäusern, mühsam umzusetzen versuchen: persönliche Freiheit und Heimatgefühl zu vereinbaren.

Immer noch gibt es allerdings auch in Varese einige, denen das ökologische Engagement auf die Nerven geht. Viele hätten gern die Schnellstraße ins Tal, von der seit vierzig Jahren die Rede ist. Nicht allen ist bewusst, dass der Ort anderen italienischen und europäischen Gemeinden als Vorbild auf dem Weg in eine grüne Zukunft dienen könnte. Und überhaupt wundern sich manche über die Reisenden, die glauben, hier ihr Ziel gefunden zu haben: die Nähe der verwunschenen Berge und keine vierzig Minuten entfernt die liebliche Riviera. Selbst das Hotel Albergo Amici, das seit Jahrhunderten der Familie der Bürgermeisterin gehört, empfinden sie als eine Attraktion für sich. Wenn die Dorfbewohner mit ihren Kindern und Enkelkindern sonntags an den grazilen Tischen des Speisesaals tafeln, scheint es, als sei die Zeit an einem Frühsommertag in den fünfziger Jahren stehen geblieben.

In Varese Ligure halten sich Vergangenheit und Zukunft die Waage. Ich habe nichts dagegen. Ich wandere mit meinem Hund die Wiesen hinter der Gasse hinauf, begrüße die Eidechsen, die auf Steinen in der Sonne liegen. Und ich schaue über die Berge, die es vor mir gab und nach mir geben wird.

 
Leser-Kommentare
    • 42317
    • 24.06.2010 um 11:20 Uhr

    ... von was lebt man da als Einwanderer?
    Hat die nachhaltige Landwirtschaft noch Jobs zu vergeben? Verschlafene Dörfchen hinter den sieben Bergen sind doch auch nicht bekannt dafür, ein einträgliches Leben als Journalist zu ermöglichen?
    Gibt's da DSL?

  1. Alle Anhänger der Ökoreligion sollten sich in solchen Gemeinwesen organisieren. Eine phantastische Zukunftsidee!
    Ich bin wirklich begeistert. Wenn sie dann auch alle Kosten
    ihrer Traumwelt seber tragen, ohne diese dann wieder dem
    schnöden Normalbürger aufzuhalsen, würde ich mich mit aller Kraft einsetzen! Währe für die Ökologisten vielleicht ein bischen eintönig! denn an wem sollten sie denn dann ihr Sendungsbewußtsein abarbeiten? Insofern ein schöner Traum! Wir werden wohl auch zukünftig die exorbitanten Kosten dieser Ökosekte finanzieren müssen. Wenn wir pech haben kommen wir noch alle in Umerziehungslager!
    Schönen Gruß auch aus Absurdistan!

  2. wenn ich auf jeden Euro, den ich selbst in die Hand nehme, 4 EU-Euro dazubekomme, dann mach ich auch ein hübsches verkitschtes Zukunftsmodell für die wohlsituierte Erbengeneration, die sich mit schnödem Unterhaltserwerb nicht mehr plagen muss, auf.
    Blöd nur, wenn dann in der Zukunft keiner mehr die Stütze zahlt und die Illusion nachhaltig auf eigenen Füßen stehen sollte. Das würde ja den ganzen Spass vermiesen, aber so ein bisschen projektmäßig am Tropf der Allgemeinheit ein guter Mensch sein, das wär schon was....

  3. Immer haben noch nicht alle bemerkt, dass das Geld, für das die Landschaften in Deutschland leergeräumt wurden und werden, ebenfalls aus Brüssel stammt. Die Flächenpauschalen etwa. Die Subventionen für den "Agrardiesel".

    Aber anders als das EU-Geld, das in Varese L. verwendet wurde, um ein System zu stützen, das aus sich selbst heraus sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Stabilität produziert, fließt unser Steuergeld für die Industrielandschaft in eine ökonomische Sackgasse. Denn diese produziert laufend unsichtbare Folgekosten.

    So kommt die Allgemeinheit für steigende und in ihrer Höhe kaum abschätzbare weitere Summen auf. Eine Zahl sind etwa jene 5 Milliarden Euro jährlich, die allein in Deutschland durch agrarbedingte Wasserschäden fällig werden (Bundesamt für Naturschutz).

    Der Geldwert der "Lebensleistungen", die ungestörte natürliche Systeme für uns alle erbringen (auch für jene Menschen, die meinen, "Öko" wäre rückständig, und sie würden ihren (biologischen) Körper schon in einer ressourcenentleerten Maschinenenwelt gesund halten), betrug bereits 1997 geschätzte 33-64 Billionen USD und heute viel mehr; jedes Jahr verschwinden global Ökosystemdienstleistungen im Werte von 250 Milliarden USD; allein die Entwaldung kostete im Jahr des Bankencrashs 6 Billionen.

    Für die Kosten kommen vornehmlich Menschen auf, die wir nicht sehen, nämlich Subsistenzbauern in südlichen Ländern; und auch solche hier in Italien.

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