Wer in diesen Wochen die intellektuelle Szene der Republik durchstreift, der stößt unter vielen Schwarzsehern zuverlässig auf eine Handvoll gut gelaunter Zeitgenossen. Mit Genugtuung lesen sie die Wirtschaftsteile der Zeitungen, und je schlechter die Nachrichten, desto selbstbewusster werden sie: "Der Kapitalismus spielt verrückt, er droht ganze Länder mit in den Abgrund zu reißen." Ja, sagen sie dann, wir Kommunisten hatten recht. Genau das haben wir schon immer behauptet.

Neue Kommunisten? Gibt es sie überhaupt? Und wie kann man sich heute noch Kommunist nennen – zwanzig Jahre nach dem Untergang eines Systems, das Hekatomben von Toten hinterlassen hat und seine Massaker achselzuckend mit dem Satz quittierte: "Das wächst nach"?

Aber es ist so. In den Universitätsbuchhandlungen wachsen die Teufelsecken mit kommunistischen Schriften, die "erloschenen Vulkane des Marxismus" (Luhmann) spucken wieder. In London tagte bereits der erste "Kommunismuskongress", und in der nächsten Woche rollt die Berliner Volksbühne der neuen kommunistischen Internationale den Teppich aus, um der zerbröselnden Übergangsregierung Merkel zu zeigen, wo Hammer und Sichel hängen.

Die Stars in der Manege sind immer dieselben, und wenn sie auftreten, rennt die Jugend ihnen die Türen ein. Vorneweg stürmen der slowenische Psychoanalytiker Slavoj Žižek , der französische Philosoph Alain Badiou , der amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Hardt und der Italiener Antonio Negri , der einst als Stichwortgeber der "Roten Brigaden" verdächtigt und zu langer Haft verurteilt worden war. Ergeben lauschen ihnen enttäuschte Linksliberale und bekehrte Postmoderne, all jene Wahrheitssucher, die den melancholischen Zynismus der Bielefelder Systemtheorie steril finden und bei der Frankfurter Schule um Habermas und Honneth, Brunkhorst und Forst den revolutionären Funkenflug vermissen. Vielleicht kann man es so sagen: Menschen, die in den fröhlichen Clinton-Jahren die Bücher des New-Labour-Intellektuellen Anthony Giddens (Jenseits von links und rechts) durchkauten, träumen heute mit Hardt und Negri vom Common Wealth (Campus) oder stehen mit Žižek heldenmütig Auf verlorenem Posten (Suhrkamp).

Der Refrain klingt dabei fast immer gleich. Die Utopie des freien Marktes, schreiben die kommunistischen Wanderprediger, habe Bankrott gemacht. Wenn der Staat nicht in letzter Sekunde das Geld der kleinen Steuerzahler tonnenweise den großen Banken in den Reachen geworfen hätte, dann wäre der finanzmarktgetriebene Kapitalismus, der vermeintliche Sieger der Weltgeschichte, zusammengebrochen und hätte sich selbst aufgefressen. Höchste Zeit, die "kommunistische Hypothese" (Alain Badiou) ins Spiel zu bringen und den Aufstand der "Multitude" zu unterstützen – jener unbezwingbaren "Menge", die dem globalen "Empire" mutig die Stirn bietet: der ortlosen, an keinen Staat gebundenen Doppelherrschaft aus Kapital und Macht.

Wer verstehen will, warum solche Sätze den Nerv der Zeit treffen, sollte die beiden Zeitdiagnosen unter die Lupe nehmen, mit denen Badiou, Hardt, Negri oder der gewitzte Žižek auf Missionsreise gehen. Die erste, die politische Zeitdiagnose, lautet: Der westliche Liberalismus ist eine Illusion, denn von wenigen Ausnahmen abgesehen haben seine Bürger nichts zu wählen. Die Parteien gleichen sich wie ein Ei dem anderen, und wer auch immer regiert, er betreibt dieselbe Politik. Alle Regierungen senken beflissen die Unternehmensteuern, sie maximieren die Freiheit des Kapitals und kujonieren "Minderleister" und Arbeitslose. Und wenn mal wieder eine "postpolitische technokratische Elite" (Žižek) durch eine neue ersetzt wird, dann sind die Armen nochmals ärmer, die Konzerne reicher und die staatlichen Schuldenberge höher geworden.

Mit einem Wort: Der ganze Stolz des Liberalismus, die substanzielle Differenz von Politik und Wirtschaft, ist Augenwischerei. Der "Kapitalo-Parlamentarismus", so Badiou, dulde keine Alternativen, er stelle das Politische, den Streit um das richtige Leben, still und kehre Widersprüche und Widerstände unter den Tisch. "Wir leben politisch unter dem Regime des Einen, nicht unter dem des Vielfältigen." 

Wenn es so schlimm ist – warum bricht dann keine Revolution aus? Hier setzt die zweite, die kulturelle Diagnose an, und sie lautet: Weil der Kapitalismus seine Herrschaft im Medium der Freiheit ausübt. Früher trat die Staatsmacht dem Einzelnen mit dem Polizeiknüppel entgegen, mit offener Repression und von "außen". Der neue Kapitalismus hat das nicht mehr nötig. Er regiert von "innen", das heißt: Er produziert nicht nur Waren, sondern – "biopolitisch" – auch die dazugehörigen Lebensweisen. Die zwangsfröhliche Propaganda der Werbung umschmeichelt den Bürger, liebkost seinen Hedonismus und sorgt so dafür, dass er sich freiwillig auf das kapitalistische Wertgesetz einstellt ("Das bin ich mir wert"). Wie durch Zauberhand entsteht dann genau das Konsumentensubjekt, das den Laden lustvoll am Laufen hält. "Unterm Strich zähl ich."