Das ist mir heilig Hilft gegen Wut

Nichts verschweigen, alles in Frage stellen!

Was heißt eigentlich heilig? Im Internet steht, dass das Wort etwas Besonderes bezeichnet und dass sich darin das »Heile«, Ganze, Intakte wiederfindet. Und jetzt fragen Sie ausgerechnet mich, der als Messdiener von einem Priester und danach als Jugendlicher von einem Kirchenmusiker missbraucht wurde, nach so etwas wie Unversehrtheit. Heilig, heilig, heilig: Wie oft habe ich das als Kind und Jugendlicher gesungen! Diese Kirchenmusik macht einem ja Gänsehaut, die vernebelt einem die Sinne und bringt einen in Ekstase. Bei mir mischte sich das Schöne mit dem Schlimmen zu einem Chaos. Irgendwann blieb nur noch der Rückzug ins Schweigen.

Um da wieder rauszukommen, muss man den Mut haben, Fragen zu stellen. Als ich zu fragen anfing, wurde ich allerdings fast wahnsinnig. Warum musste mir das passieren? Warum mit zehn Jahren? Warum mit 16 aufs Neue? Worte zu finden über die eigene Wut hinaus und bei allem nach dem Warum zu forschen – das ist mir im Leben das Wichtigste, wenn Sie so wollen etwas Heiliges. Shakespeare hat in Macbeth gesagt: »Was, Mann! Zieh nicht den Hut so in die Stirn: / Gib Leiden Worte; Schmerz, der nicht frei spricht, / flüstert im Herzen, bis es birst und bricht.« Das habe ich am eigenen Leib erfahren, dass stummer Schmerz und Wut und Ärger unfrei machen.

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Mit der pompösen Entschuldigungsrede des Papstes letzten Freitag spielen die Kirchenoberen uns eine Komödie vor. Denn wer sich entschuldigt, fordert Vergebung, und wenn das Opfer nicht vergibt, dann betet der Papst für dessen Seelenheil, dass es wieder vergeben kann. Was für eine Farce! 10000 Priester ziehen sich in Rom Kostüme an, und einer behauptet, er spreche im Namen Gottes, und die anderen küssen seinen Ring. Dieses Entschuldigungsgerede dient doch bloß der Verdrängung. Wem verziehen wird, der muss sich nicht ändern. Der Papst sollte lieber die geheimen Akten öffnen und die Betroffenen angemessen entschädigen.

Ich bin sehr fürs Rationale, denn ich habe lernen müssen, dass der Glaube an die heilige christliche Kirche so ist, als würde man immer tiefer in einen dunklen Tunnel rennen. Ans Licht kommt man durch hartnäckiges Fragen. Dadurch gelangt man ins Freie.

Norbert Denef , geboren 1949 in Delitzsch bei Leipzig, ist Sprecher des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt (www.netzwerkb.org). Er selbst wurde zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr von einem Priester und einem Organisten missbraucht. Im Jahr 2003 bot ihm das Bistum Magdeburg eine Entschädigung an, unter der Bedingung, dass er sich verpflichtet, weiter zu schweigen. Denef kämpft derzeit beim Europäischen Gerichtshof für eine Aufhebung der Verjährungsfristen für sexuelle Gewalt im Zivilrecht. Sein Buch »Ich wurde sexuell missbraucht« kann man für 10 Euro beim Autor beziehen (norbert@denef.com)

 
Leser-Kommentare
  1. dass man nicht geliebt wurde. Man wurde nur benutzt.
    In der real existierenden katholischen Firma gibt es keine Menschenliebe. Die wissen gar nicht, was das ist. Deshalb veranstalten sie ja den ganzen Zirkus. Um sich nicht mit der schmerzhaften Erkenntnis des nicht-geliebt-Werdens auseinandersetzen zu müssen. Und machen alles nur noch schlimmer.

  2. Liebe gibt es überall und Lieblosigkeit auch.

    Man muß lernen, dass es keine Heiligen gibt. Eltern, die ihre Kinder liebten, haben sie in die Obhut der Kirche gegeben. Sie haben geglaubt, dort wären die besseren Menschen. Sie haben nicht genug gezweifelt und sie haben nicht kontrolliert. Das Glauben ist ein menschliches Bedürfnis, aber es schadet.

    Alles in Frage stellen, das ist der richtige Weg.

    Ich möchte keine Vereine mit hierarchischen und undemokratischen Strukturen mit meinen Steuergeldern sponsern. Dort wurde Kindesmissbrauch begangen und vertuscht. Dort werden Menschen verdummt,indem man ihre Gutgläubigkeit ausnutzt zum eigenen Machterhalt. Wenn weiterhin Geld dorthin fließt, unterstützt man Kriminelle.

    Danke Herr Denef, meine Hochachtung.

  3. für Sie, Herr Denef. Aus dem Erfahrenen (Gewalt, Mißachtung, Beleidigung, Körperverletzung, Seelenpein, Unrecht pp.) haben Sie wie viele andere gelernt, zu reagieren wie ein Judokämpfer: Kraft schöpfen aus dem Tun des Gegenüber!
    Zitat Drewermann: "Man darf keiner Institution, auch keiner Kirche die Macht geben, etwas wesentliches im eigenen Leben bestimmen zu wollen. … und
    "Kinder werden auch missbraucht außerhalb der katholischen Kirche, schon wahr. Aber innerhalb der katholischen Kirche durch Priester hat man eine Entwicklungslinie vor Augen, die spezifisch ist. Geboren aus Triebunterdrückung, endlosen Schuldgefühlen, Triebzielfixierungen, -umkehrungen. Enormen neurotischen Verdrängungen und schließlich gegen die eigene persönliche Willensrichtung erfolgende Triebdurchbrüche. (…) Diese Tragödien sind sattsam bekannt."
    Bleibt nur zu hoffen, dass diese Menschenverachter in Talaren den eigenen Laden ruinieren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehr geehrter Herr/Frau dokumentwissen,

    zwar hat der Missbrauch in einem bestimmten Milieu immer auch eine bestimmte Färbung, allerdings trägt die Linie, die sie hier aufmachen kein bisschen.
    Die Menschen die in der Kirche missbrauchen trugen die Anlagen dazu nachweislich schon in sich, bevor sie in das Priesteramt eintraten. Der Zölibat hat dort weder eine fördernde noch eine hemmende Funktion, das ist unter Fachleuten unumstritten. Zumal sich pädophile Neigungen in der Pubertät entwickeln die die meisten Priesteramtskandidaten schon lange hinter sich haben.
    Die jetzige Frage kann daher nicht die ewige Zölibatsdebatte sein, sondern wie kann in Zukunft in kirchlichen und idealerweise allen anderen EInrichtungen sichergestellt werden, dass Missbrauchverdachtsfällen adäquat nachgegangen und die Zusammenarbeit mit der Polizei optimal geregelt werden kann. Die Einrichtung von kirchenunabhängigen Meldekommissionen (zB in Berlin) ist da denke ich ein guter Schritt, um zu verhindern dass hier wieder das Institutionendenken Oberhand über die Bedürfnisse des Opfers gewinnt.
    Ansonsten gilt für den Zölibat: Wer ihn nicht halten kann, der sollte sein Amt niederlegen und das Leben führen, zu dem er berufen ist. Ansonsten trägt er alleine die Verantwortung für seine Lügen und seine Heuchelei, auch wenn die Gesellschaft diese gerne der Kirche allein zuschreibt.

    Sehr geehrter Herr/Frau dokumentwissen,

    zwar hat der Missbrauch in einem bestimmten Milieu immer auch eine bestimmte Färbung, allerdings trägt die Linie, die sie hier aufmachen kein bisschen.
    Die Menschen die in der Kirche missbrauchen trugen die Anlagen dazu nachweislich schon in sich, bevor sie in das Priesteramt eintraten. Der Zölibat hat dort weder eine fördernde noch eine hemmende Funktion, das ist unter Fachleuten unumstritten. Zumal sich pädophile Neigungen in der Pubertät entwickeln die die meisten Priesteramtskandidaten schon lange hinter sich haben.
    Die jetzige Frage kann daher nicht die ewige Zölibatsdebatte sein, sondern wie kann in Zukunft in kirchlichen und idealerweise allen anderen EInrichtungen sichergestellt werden, dass Missbrauchverdachtsfällen adäquat nachgegangen und die Zusammenarbeit mit der Polizei optimal geregelt werden kann. Die Einrichtung von kirchenunabhängigen Meldekommissionen (zB in Berlin) ist da denke ich ein guter Schritt, um zu verhindern dass hier wieder das Institutionendenken Oberhand über die Bedürfnisse des Opfers gewinnt.
    Ansonsten gilt für den Zölibat: Wer ihn nicht halten kann, der sollte sein Amt niederlegen und das Leben führen, zu dem er berufen ist. Ansonsten trägt er alleine die Verantwortung für seine Lügen und seine Heuchelei, auch wenn die Gesellschaft diese gerne der Kirche allein zuschreibt.

  4. Das ist jedenfalls der Eindruck, den die Berichterstattung zu diesem Thema bei mir hinterlassen hat.

    In der Vergangenheit las ich jedenfalls mehrfach den Vorwurf, dass sich der Papst noch immer nicht öffentlich für die Missbrauchsvorwürfe entschuldigt hat. Nun hat er es also tatsächlich getan (in meinen Augen duchaus beachtlich, so oft gibt man im Vatikan Fehler schliesslich nicht zu), aber auch das ist wieder falsch...

  5. Also ich bewundere an Herrn Denef vor allem, das er eben keine Lust hat "Opfer" zu sein, sondern dass er seine Rechte konsequent einfordert. Wie jeder Betroffene aus diesem Bereich muss er jedoch aufpassen, dass er das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet oder unerfüllbare Forderungen aufstellt.
    Der Papst hat sich bei den Opfern nicht entschuldigt, sondern sie wiederholt um Vergebung gebeten, weil er aus seinen persönlichen Begegnungen mit den Opfern weiß, dass ihm etwas anderes gar nicht zusteht. Daneben war gerade er es der sei 1990 dafür gekämpft hat, dass Missbrauch in der Kirche endlich als Problem wahrgenommen wird. Wie er es in seiner Rede gesagt hat: Es ist kein Zeichen von Liebe zur Kirche die Sünden ihrer Mitglieder verheimlichen zu wollen. Das hat er nachdem er in den 1980er selber lernen musste, konsequent umgesetzt, dafür gebührt ihm Lob und Anerkennung. Denn während sich die Gesellschaft (die selber Jahrhunderte geschwiegen hat) vor allem noch ereifert, geht dieser Mann das Problem an.
    Denef würde ich deshalb empfehlen in der Kirche nicht nur Feinde zu sehen. Immerhin haben die die ihn missbraucht haben auch die Kirche und ihre Glieder missbraucht. Sie haben die Achtung und den Respekt den man ihnen entgegenbracht benutzt und das Vertrauen schamlos ausgenutzt. Denef könnte viel mehr erreichen, wenn er auch diese Seite der Gläubigen ansprechen würde und sich nicht in einen imgaginierten "Kampf" gegen eine angeblich überall gleich handelnde Insitution verrennte.

  6. Sehr geehrter Herr/Frau dokumentwissen,

    zwar hat der Missbrauch in einem bestimmten Milieu immer auch eine bestimmte Färbung, allerdings trägt die Linie, die sie hier aufmachen kein bisschen.
    Die Menschen die in der Kirche missbrauchen trugen die Anlagen dazu nachweislich schon in sich, bevor sie in das Priesteramt eintraten. Der Zölibat hat dort weder eine fördernde noch eine hemmende Funktion, das ist unter Fachleuten unumstritten. Zumal sich pädophile Neigungen in der Pubertät entwickeln die die meisten Priesteramtskandidaten schon lange hinter sich haben.
    Die jetzige Frage kann daher nicht die ewige Zölibatsdebatte sein, sondern wie kann in Zukunft in kirchlichen und idealerweise allen anderen EInrichtungen sichergestellt werden, dass Missbrauchverdachtsfällen adäquat nachgegangen und die Zusammenarbeit mit der Polizei optimal geregelt werden kann. Die Einrichtung von kirchenunabhängigen Meldekommissionen (zB in Berlin) ist da denke ich ein guter Schritt, um zu verhindern dass hier wieder das Institutionendenken Oberhand über die Bedürfnisse des Opfers gewinnt.
    Ansonsten gilt für den Zölibat: Wer ihn nicht halten kann, der sollte sein Amt niederlegen und das Leben führen, zu dem er berufen ist. Ansonsten trägt er alleine die Verantwortung für seine Lügen und seine Heuchelei, auch wenn die Gesellschaft diese gerne der Kirche allein zuschreibt.

    Antwort auf "Hochachtung"
  7. Das Problem des Missbrauchs ist nicht nur ein Problem einer Kirche die das Zölibat predigt ,doch noch nie gelebt hat,weil es nicht zu leben ist,denn Gott hat uns als Mensch geschaffen mit allem drum und dran.Das Verleugnen, unterdrücken der Gefühle der falsche moralische Anspruch einer verlogenen Gemeinschaft entspricht aber auch unserer verlogenen Geschichte zu der wir Ja und Amen sagen .Und das Problem des Missbrauchs geht in alle gesellschaftliche Schichten hinein.Die Problematik der Kinderpornographie im Internet,der fadenscheinige Versuch der Politik dies zu unterbinden lässt erkennen das das Problem viel größer ist als manche denken.Beispiel Belgien vor einigen Jahren wo Politiker verwickelt waren.
    Die Esoteriker würden jetzt sagen das Gesetz von Karma und Wiedergeburt trift jetzt zu. Eine Rechtfertigung für ein abnormes Verhalten ,einen abnormen Geist.In einer kranken Welt herrscht krankes DENKEN REDEN HANDELN.
    Mehr MUT zur Wahrheit ist gefordert ,ein anderes Denken Reden und Handeln.Sich nicht verstecken hinter Ausreden, Floskeln die doch nur das eigene EGO nähren. Kein Abschieben von Schuld und Verantwortung mehr,sondern das Erkennen,wohin eine kranke Gesellschaft (krankes Denken, Reden, Handeln) führt.Wir alle tragen die Verantwortung die Schuld dafür das es solche Probleme überhaupt gibt und das diese kranken Geistwesen,Götter ,Menschen unter uns sind,denn wir fördern dieses durch unsere Anpassung unser Schweigen unsere Ignoranz, Selbstsucht ( Ego) ja noch

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