Ich sehe sie schon von Weitem kommen. Sie überquert die Brücke über die Stadtautobahn am Kaiserdamm. Was ist das für ein Gang? Eigentlich gar keiner. Sie läuft, als liefe sie nicht. Schwebt sie? Eigentlich auch nicht. Sie kommt ja vorwärts. Jetzt öffnet sie die Tür zum Café Wellenstein an der Stadtautobahnauffahrt in Berlin-Charlottenburg. Gediegenes Westberlin, eine Batterie leerer Tische, rote Samtbänke, alle leer. Die Speisekarte bietet Spargel aus Beelitz und drei Teesorten. Gedämpfte Stimmung, Autobahnrauschen.

Sie spricht leise, fast als spräche sie nicht. Was ist das für eine Stimme? Unauffällig, unaffektiert, leicht zu überhören, eine Spur zu hoch für ihr Alter. Sie bestellt etwas in ihrem ordentlichen Volkshochschuldeutsch. Eine Limonade bitte.

Das Hemd zugeknöpft bis oben hin, die Haare kurz geschnitten, der Lidstrich endet in den Augenwinkeln in einem gut gelaunten Komma. Es fällt schwer, ihr die 43 Lebensjahre zu glauben, die 25 Schriftstellerdienstjahre, die vielen Romane, die Drehbücher und die Theaterstücke, von den drei fast erwachsenen Kindern gar nicht zu reden. Vor der Limonade im Halbliterformat schreckt sie zurück wie ein junges Mädchen vor einem ungehobelten Galan.

Marie NDiaye mag Berlin. Sie versichert das jedem Reporter. Seit drei Jahren lebt die Familie im alten Berliner Westen. Am oberen Ende des Kurfürstendamms, in einer Seitenstraße, früher einmal eine der besten Wohnlagen der Stadt, heute beinahe schon Provinz. Ruhig und freundlich sei es dort. Die Einfachheit des Viertels und die – wahrscheinlich wohnen dort keine echten Berliner mehr –, nun ja, Höflichkeit der Bewohner gefallen ihr besonders. Lange Jahre habe sie in Frankreich auf dem Land gelebt. Dieses zurückgezogene Landleben könne sie am oberen Kurfürstendamm ungestört fortsetzen.

Die Schriftstellerfamilie hat ein Haus in der Gironde in einem 1000-Seelen-Dorf, lebte aber in den vergangenen Jahren auch in Rom, in Barcelona und auf der Karibik-Insel Marie-Galante. Warum ausgerechnet Berlin? Weil man in den anderen westeuropäischen Metropolen nirgends mehr eine bezahlbare Wohnung finde für eine fünfköpfige Familie. Paris sei unbezahlbar, leblos, in den Händen der Besitzbourgeoisie, ein Museum.

Als sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, und den Kindern nach Berlin kam und vom Kurfürstendamm aus die Einwanderungspolitik von Präsident Nicolas Sarkozy in einer Pariser Kulturzeitschrift als "monströs" kritisierte, gab es Stimmen in der französischen Regierung, die sie als Goncourt-Preisträgerin zu mehr "Zurückhaltung" ermahnten. Ist sie denn eine Exilantin? Ja, sie habe Frankreich auch wegen Sarkozy verlassen, wegen der vulgären Atmosphäre, die unter ihm herrsche. Er und seine Mannschaft, so hat sie das in Frankreich gesagt, verkörperten für sie eine Form des Todes und der Verdummung. Der Satz der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras "Die Rechte, das ist der Tod", der gelte für sie noch immer.

Das hat es lange nicht gegeben: Berlin, ein Ort des Exils für französische Intellektuelle. Die drei Kinder besuchen das Französische Gymnasium, eine der von der Berliner Bildungsbourgeoisie besonders begehrten Schuladressen der Stadt. Marie NDiaye hat ein Büro im Corbusierhaus mit einem weiten Blick über Westberlin. Am hauptstädtischen Leben nimmt sie keinen Anteil. Ihre Tage seien immer gleich. Vormittags die langen Spaziergänge mit Jean-Yves, nachmittags schreiben. Heute Morgen ist das Paar vom Schloss Charlottenburg zum Flughafen Tegel gelaufen. Sobald sich ein Ort unter dem Spaziergangsgesichtspunkt für die beiden erschöpft hat, ziehen sie weiter.