Marie NDiaye Leichter als Luft
Ein Besuch bei der französischen Goncourt-Preisträgerin Marie NDiaye in Berlin
© AFP/Getty Images

Marie NDiaye ist 43 Jahre alt und schreibt seit 25 Jahren. Ihr Roman "Drei starke Frauen" ist ein herausragendes literarisches Ereignis
Ich sehe sie schon von Weitem kommen. Sie überquert die Brücke über die Stadtautobahn am Kaiserdamm. Was ist das für ein Gang? Eigentlich gar keiner. Sie läuft, als liefe sie nicht. Schwebt sie? Eigentlich auch nicht. Sie kommt ja vorwärts. Jetzt öffnet sie die Tür zum Café Wellenstein an der Stadtautobahnauffahrt in Berlin-Charlottenburg. Gediegenes Westberlin, eine Batterie leerer Tische, rote Samtbänke, alle leer. Die Speisekarte bietet Spargel aus Beelitz und drei Teesorten. Gedämpfte Stimmung, Autobahnrauschen.
Sie spricht leise, fast als spräche sie nicht. Was ist das für eine Stimme? Unauffällig, unaffektiert, leicht zu überhören, eine Spur zu hoch für ihr Alter. Sie bestellt etwas in ihrem ordentlichen Volkshochschuldeutsch. Eine Limonade bitte.
Das Hemd zugeknöpft bis oben hin, die Haare kurz geschnitten, der Lidstrich endet in den Augenwinkeln in einem gut gelaunten Komma. Es fällt schwer, ihr die 43 Lebensjahre zu glauben, die 25 Schriftstellerdienstjahre, die vielen Romane, die Drehbücher und die Theaterstücke, von den drei fast erwachsenen Kindern gar nicht zu reden. Vor der Limonade im Halbliterformat schreckt sie zurück wie ein junges Mädchen vor einem ungehobelten Galan.
Marie NDiaye mag Berlin. Sie versichert das jedem Reporter. Seit drei Jahren lebt die Familie im alten Berliner Westen. Am oberen Ende des Kurfürstendamms, in einer Seitenstraße, früher einmal eine der besten Wohnlagen der Stadt, heute beinahe schon Provinz. Ruhig und freundlich sei es dort. Die Einfachheit des Viertels und die – wahrscheinlich wohnen dort keine echten Berliner mehr –, nun ja, Höflichkeit der Bewohner gefallen ihr besonders. Lange Jahre habe sie in Frankreich auf dem Land gelebt. Dieses zurückgezogene Landleben könne sie am oberen Kurfürstendamm ungestört fortsetzen.
Die Schriftstellerfamilie hat ein Haus in der Gironde in einem 1000-Seelen-Dorf, lebte aber in den vergangenen Jahren auch in Rom, in Barcelona und auf der Karibik-Insel Marie-Galante. Warum ausgerechnet Berlin? Weil man in den anderen westeuropäischen Metropolen nirgends mehr eine bezahlbare Wohnung finde für eine fünfköpfige Familie. Paris sei unbezahlbar, leblos, in den Händen der Besitzbourgeoisie, ein Museum.
Als sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, und den Kindern nach Berlin kam und vom Kurfürstendamm aus die Einwanderungspolitik von Präsident Nicolas Sarkozy in einer Pariser Kulturzeitschrift als »monströs« kritisierte, gab es Stimmen in der französischen Regierung, die sie als Goncourt-Preisträgerin zu mehr »Zurückhaltung« ermahnten. Ist sie denn eine Exilantin? Ja, sie habe Frankreich auch wegen Sarkozy verlassen, wegen der vulgären Atmosphäre, die unter ihm herrsche. Er und seine Mannschaft, so hat sie das in Frankreich gesagt, verkörperten für sie eine Form des Todes und der Verdummung. Der Satz der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras »Die Rechte, das ist der Tod«, der gelte für sie noch immer.
Das hat es lange nicht gegeben: Berlin, ein Ort des Exils für französische Intellektuelle. Die drei Kinder besuchen das Französische Gymnasium, eine der von der Berliner Bildungsbourgeoisie besonders begehrten Schuladressen der Stadt. Marie NDiaye hat ein Büro im Corbusierhaus mit einem weiten Blick über Westberlin. Am hauptstädtischen Leben nimmt sie keinen Anteil. Ihre Tage seien immer gleich. Vormittags die langen Spaziergänge mit Jean-Yves, nachmittags schreiben. Heute Morgen ist das Paar vom Schloss Charlottenburg zum Flughafen Tegel gelaufen. Sobald sich ein Ort unter dem Spaziergangsgesichtspunkt für die beiden erschöpft hat, ziehen sie weiter.
Wenn man die Schriftsteller in zwei Klassen einteilen wollte, in die der Herumstreifenden und die der Nestbrüter, gehörte Marie NDiaye in die Klasse der Peter Handkes und Robert Walsers. Das Laufen ist Vorspiel und Atemrhythmus des Schreibens. Wenn es etwas gibt, woran man die Prosa dieser Spaziergängerin erkennt, dann sind es die schwebenden, weit und leichtfüßig ausschwingenden Perioden, in denen sie die zappelnde, rasende Gegenwart mit einem einzigen Satzköder fängt. Marie NDiayes Stil ist edel und klar, ohne raunende Nebengeräusche. Auch wenn sie besonders gern über das Unheimliche und die Nachtseite der Vernunft schreibt, tut sie dies mit französischer Akkuratesse. Sorgsam trennt sie die Nähte der Lebensoberfläche auf, bis das raue Unterfutter jedes Augenblicks sichtbar wird. Manchmal klingt in ihren Sätzen die Stimme des französischen Literaturnobelpreisträgers Claude Simon nach.
Ihr Roman Drei starke Frauen, der am kommenden Montag in der makellosen Übersetzung von Claudia Kalscheuer auf Deutsch erscheint, hat ihr nicht nur den bedeutendsten französischen Literaturpreis und sensationelle Auflagen eingebracht, er wurde in Frankreich vor allem für seinen klassischen Stil gelobt. Völlig zu Recht, denn ein so eindringliches und dabei so stilsicheres Buch hat man lange nicht gelesen. Sie selbst glaubt, es sei ihr einfachstes. Nicht mehr so viel erstickende Rätselhaftigkeit wie in Mein Herz in der Enge oder in Rosie Carpe, den beiden Vorgängerromanen, in denen sich die wohlbestellte Welt einer Frau Zentimeter für Zentimeter aus den Angeln hebt und in einem Abgrund aus offenen Fragen versinkt.
Der neue Roman hat eine andere, quälend-schöne Verbindlichkeit. Es ist ihr erster Roman, der in Afrika spielt. Warum hat es so lange gedauert, bis sie literarisch das Land ihres Vaters betreten hat? Marie NDiayes Vater ist in den Senegal zurückgekehrt, als sie ein Jahr alt war. Sie ist mit ihrem Bruder Pap Ndiaye, heute ein bekannter französischer Soziologe, und ihrer Mutter, einer Lehrerin, zunächst in Fresnes und dann in der Nähe von Paris aufgewachsen, in einem rein französischen Kosmos. Die Lebensumstände waren bescheiden, aber Armut bedeutete in jener Zeit nicht notwendig Elend. Mit 22 Jahren ist sie zum ersten Mal nach Afrika gereist, danach noch zwei Mal, zuletzt für den Film White Material von Claire Denis, für den Marie NDiaye das Drehbuch geschrieben hat und in dem Isabelle Huppert eine sich zäh an ihr afrikanisches Leben klammernde französische Kaffeeplantagenbesitzerin spielt.
Die weiße Idee von Afrika als Sehnsuchtsort, wo aus Lehm und Honig Träume von Spiritualität und Ursprünglichkeit gebacken werden, ist ihr ganz unbekannt. Von Christoph Schlingensief und seinem Wunsch, Afrika eine Oper zu schenken, hat sie noch nie etwas gehört. Afrika ist für sie ein anderes Wort für die Fremde, für die koloniale Vergangenheit und für den Zaun, an dem die letzte ihrer drei starken Romanheldinnen stirbt beim Versuch, die Festung Europa zu erreichen.
Der Roman besteht aus drei eigenständigen Geschichten, die alle vom Exil, von Afrika, von Verrat und Gewalt erzählen. Die brisanteste und härteste ist die Geschichte der Flucht einer jungen Witwe, die »vom Leben nur das weiß, was sie selbst erlebt hat«. Von der Familie ihres Mannes ausgesetzt, landet die junge Frau als Prostituierte in einem Durchgangslager, bis sie erschossen wird. Es ist eine afrikanische Tragödie, düster und zum Gotterbarmen. Marie NDiaye erzählt diese Tragödie mit ihrer unverstellten und melodiösen Stimme, für deren Schönheit es in der deutschen Gegenwartsliteratur im Moment keinen Vergleich gibt.
Sie hat viele Reportagen gelesen, um diese afrikanische Geschichte zu schreiben, vor allem das Buch des italienischen Journalisten Fabrizio Gatti, der einen Flüchtlingstreck vom Senegal bis nach Italien begleitet hat. Und das habe sie in den vielen Berichten und Reportagen über die Flüchtlinge besonders berührt: Selbst wenn den Leuten das Schlimmste widerfahren sei, erzählten sie von diesen ungeheuerlichen Dingen ruhig und gelassen. Daraus schließt Marie NDiaye – und alle Gegenbeispiele aus der europäischen Geschichte der Lager und des Massenmords vermögen sie nicht umzustimmen –, dass der innerste Kern des Menschen unzerstörbar ist. Auch die missbrauchte, geschlagene und ermordete Heldin auf der Flucht wahrt ihre Würde bis zuletzt. Sie stirbt »im Schutz ihrer unangreifbaren Menschlichkeit«. Das mag merkwürdig erscheinen, aber Marie NDiaye glaubt, dass die größte literarische Herausforderung heute nicht mehr das Böse, sondern das Gute ist. Michel Houellebecq und Jonathan Littell, diese Meister der Kälte und der Zerstörung, sind die Helden einer alten Zeit. Sie interessieren Marie NDiaye nicht.
Vieleicht muss man eine so traumwandlerisch glückliche Lebensgeschichte wie Marie NDiaye haben, um das zu verstehen. Ihre Jugend im sozialen Wohnungsbau in Bourg-la-Reine war, sie betont das, einfach und sorglos. Eine Straßenkindheit in großer Freiheit. Sie fängt früh an zu lesen. Balzac und Zola mit dreizehn, mit fünfzehn die Russen, mit sechzehn die Amerikaner und die Lateinamerikaner. Bevor sie sich an ihrem ersten richtigen Roman versucht, schreibt sie zehn umfangreiche Manuskripte jeweils im Stil der von ihr verschlungenen Klassiker. Das war ihre Ausbildung. Danach steht ihr Ziel fest: Sie will Schriftstellerin und gar nichts anderes werden. Mit siebzehn setzt sie sich in den Vorortzug und bringt ihren ersten Roman persönlich in den Pariser Verlagshäusern vorbei, deren Adressen sie sich zuvor aus dem Telefonbuch abgeschrieben hat. Jérôme Lindon, der legendäre Verleger der nicht minder legendären Éditions de Minuit, ruft am nächsten Tag bei den NDiayes an, am übernächsten holt er seine neue Autorin von der Schule ab. 1985, da ist Marie NDiaye 18 Jahre alt, erscheint ihr Debüt Quant au riche avenir im Verlag Becketts und Georges Batailles und erhält gute Kritiken.
Woher kam diese Zielstrebigkeit? Sie wollte, sagt sie, auf keinen Fall ein normales Leben leben. Auf keinen Fall Lehrerin sein. Auf keinen Fall studieren. Nach der Schule ging sie nicht wie ein normaler französischer Schriftsteller nach Paris, sondern zog ganz allein nach La Rochelle, eine kleine Hafenstadt an der französischen Atlantikküste. Ein Vorbild für dieses Lebensmodell habe sie nicht gehabt. Sie wollte Zeit zum Lesen und zum Schreiben. Sie wollte Ruhe und das Meer. Den geraden Weg.
Die drei Frauen in den drei Geschichten ihres neuen Romans sind genauso. Unbeirrbar, unerreichbar für die kleine Existenzangst, auf sich gestellt, ohne Allüren. In der ersten Geschichte ist es eine reife Frau, eine französische Juristin, die ihren Vater, der sie als Kind früh verlassen hat, in Afrika besucht. Der Vater ist eine Mischung aus Monster und Schamane, ein unerklärliches Leuchten geht von ihm aus, des Nachts sitzt er mit seinen Plastikschlappen an den bloßen Füßen auf dem großen Flammenbaum vor seinem Haus. Ungeheuerliches, Mord und Betrug, hat sich zugetragen und drängt an die Oberfläche. Nachts steht die Frau auf, lauscht wie betäubt auf das leichte Scharren der Plastikschlappen auf dem Baumast, das in ihrem Kopf anschwillt, steht »reglos auf der Schwelle, barfuß auf dem warmen, rauen Beton, im Bewusstsein, dass ihre Arme, ihre Beine, ihr Gesicht nicht so dunkel waren wie die Nacht und einen vielleicht fast milchigen Schimmer verbreiten mussten, und dass er sie wahrscheinlich sah, wie sie ihn nun sah, in seinen hellen Kleidern auf seinem Ast hockend, das Gesicht ausgelöscht durch seine Schwärze«.
In der zweiten Geschichte ist es ein in Afrika aufgewachsener Franzose, der, als Lehrer gescheitert, in der französischen Provinz Einbauküchen verkauft, sich um seine in Frankreich verkümmernde afrikanische Ehefrau sorgt und beinahe einen Mord begeht, wie sein Vater es in seiner afrikanischen Kindheit getan hat. Es sind drei magische Mordgeschichten, die ins Herz der Gegenwart treffen in ihrer ausweglosen Zerrissenheit zwischen Afrika und Europa, zwischen europäischen Kindern und afrikanischen Eltern, zwischen afrikanischer Weiblichkeit und europäischer Männlichkeit. Und die alle in einem leuchtenden Punkt wieder zusammenfinden: der Stärke der Frauen und der eleganten Leichtigkeit der Autorin.
Marie NDiaye hat versucht, das Buch in die Zange zu nehmen und stärker zusammenzuschrauben, einen Rahmen, einen Zusammenhang zu finden. Doch dann hat sie einfach losgelassen. Kein Zwang, keine Effekthascherei, keine Gewaltanwendung. Schreiben, als schriebe man nicht. Die Dinge laufen lassen, ausatmen, einatmen, ausatmen. So entstehen große Bücher.
Und weg ist sie, ein Windhauch, verschwunden irgendwo auf dem Kaiserdamm. So leicht wie die starken Frauen in ihrem Roman, die, auch wenn sie fallen, niemals auf dem Boden landen.
- Datum 20.06.2010 - 18:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.06.2010 Nr. 25
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...ist bestimmt eine gute Autorin, fehlt aber an Loyalität gegenüber dem eigenen Land. Viele sind leider so in Frankreich, in der intellektuellen Elite wie bei den Top-Fußballspielern... Wenn diese Dame Lust hat, in Berlin, Rom oder Buenos Aires zu wohnen, das ist ihre Sache. Aber bitte keine lächerliche Ausrede, das macht sie nur unsympathisch (außer bei chauvinisten Berliner vielleicht...). Naja, es gibt ja viele unsympathische Autoren, die großzügige Werge verfasst haben, warum sie auch nicht...
... aber wer eine Übersetzung, die sinn-, stil- und gedankenlos Wort für Wort am französischen Original entlangholpert und dabei zigseitenweise Murks wie diesen produziert: "Da fragte sie sich, ob er sich überhaupt erinnerte, ihr geschrieben zu haben, um sie bitten herzukommen"; oder diesen: "Er hatte dieses provinzielle Frankreich, das er so gut kannte, plötzlich satt, oh, schrecklich satt, dachte er, dieses schlechte Brot, das auf Fußhöhe herumstand, der (sic) bleiche, nasse Schinken, die Hände, die, wie diese gerade jetzt, abwechselnd Nahrung und Geld anpackten"; oder diesen: "Ihr Vater machte eine Stehlampe an, und ihr armseliges Licht, von der Art, wie Vierzig-Watt-Birnen es ausstrahlen, ließ in der Mitte des Raums einen langen Tisch mit einer Glasplatte aufscheinen"; oder diesen: "Von seinen Schultern ... flatterten kleine gelbe Flammenbaumblüten auf die Fliesen, und rasch zertrat er sie mit der Spitze einer (sic) seiner Schlappen"; oder diesen: "Aber als sie ihn in seinen Plastikschlappen auf der ... Betonschwelle stehen
sah ... da wußte sie, daß er sich ebensowenig darum scherte, sie zu mustern und ihr Aussehen zu beurteilen, wie
er auch die unverhohlenste Anspielung auf seine bösen Bemerkungen von früher bemerkt ... hätte"; wer also solcherlei Quark für erstens "makellos" und zweitens irgendwie große Literatur hält, weiß schlicht und einfach nicht, wovon er spricht. Da hat nicht nur die Übersetzerin, sondern vor allem das Lektorat totalversagt.
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