Marie NDiaye Leichter als LuftSeite 3/3

Woher kam diese Zielstrebigkeit? Sie wollte, sagt sie, auf keinen Fall ein normales Leben leben. Auf keinen Fall Lehrerin sein. Auf keinen Fall studieren. Nach der Schule ging sie nicht wie ein normaler französischer Schriftsteller nach Paris, sondern zog ganz allein nach La Rochelle, eine kleine Hafenstadt an der französischen Atlantikküste. Ein Vorbild für dieses Lebensmodell habe sie nicht gehabt. Sie wollte Zeit zum Lesen und zum Schreiben. Sie wollte Ruhe und das Meer. Den geraden Weg.

Die drei Frauen in den drei Geschichten ihres neuen Romans sind genauso. Unbeirrbar, unerreichbar für die kleine Existenzangst, auf sich gestellt, ohne Allüren. In der ersten Geschichte ist es eine reife Frau, eine französische Juristin, die ihren Vater, der sie als Kind früh verlassen hat, in Afrika besucht. Der Vater ist eine Mischung aus Monster und Schamane, ein unerklärliches Leuchten geht von ihm aus, des Nachts sitzt er mit seinen Plastikschlappen an den bloßen Füßen auf dem großen Flammenbaum vor seinem Haus. Ungeheuerliches, Mord und Betrug, hat sich zugetragen und drängt an die Oberfläche. Nachts steht die Frau auf, lauscht wie betäubt auf das leichte Scharren der Plastikschlappen auf dem Baumast, das in ihrem Kopf anschwillt, steht »reglos auf der Schwelle, barfuß auf dem warmen, rauen Beton, im Bewusstsein, dass ihre Arme, ihre Beine, ihr Gesicht nicht so dunkel waren wie die Nacht und einen vielleicht fast milchigen Schimmer verbreiten mussten, und dass er sie wahrscheinlich sah, wie sie ihn nun sah, in seinen hellen Kleidern auf seinem Ast hockend, das Gesicht ausgelöscht durch seine Schwärze«.

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In der zweiten Geschichte ist es ein in Afrika aufgewachsener Franzose, der, als Lehrer gescheitert, in der französischen Provinz Einbauküchen verkauft, sich um seine in Frankreich verkümmernde afrikanische Ehefrau sorgt und beinahe einen Mord begeht, wie sein Vater es in seiner afrikanischen Kindheit getan hat. Es sind drei magische Mordgeschichten, die ins Herz der Gegenwart treffen in ihrer ausweglosen Zerrissenheit zwischen Afrika und Europa, zwischen europäischen Kindern und afrikanischen Eltern, zwischen afrikanischer Weiblichkeit und europäischer Männlichkeit. Und die alle in einem leuchtenden Punkt wieder zusammenfinden: der Stärke der Frauen und der eleganten Leichtigkeit der Autorin.

Marie NDiaye hat versucht, das Buch in die Zange zu nehmen und stärker zusammenzuschrauben, einen Rahmen, einen Zusammenhang zu finden. Doch dann hat sie einfach losgelassen. Kein Zwang, keine Effekthascherei, keine Gewaltanwendung. Schreiben, als schriebe man nicht. Die Dinge laufen lassen, ausatmen, einatmen, ausatmen. So entstehen große Bücher.

Und weg ist sie, ein Windhauch, verschwunden irgendwo auf dem Kaiserdamm. So leicht wie die starken Frauen in ihrem Roman, die, auch wenn sie fallen, niemals auf dem Boden landen.

 
Leser-Kommentare
  1. ...ist bestimmt eine gute Autorin, fehlt aber an Loyalität gegenüber dem eigenen Land. Viele sind leider so in Frankreich, in der intellektuellen Elite wie bei den Top-Fußballspielern... Wenn diese Dame Lust hat, in Berlin, Rom oder Buenos Aires zu wohnen, das ist ihre Sache. Aber bitte keine lächerliche Ausrede, das macht sie nur unsympathisch (außer bei chauvinisten Berliner vielleicht...). Naja, es gibt ja viele unsympathische Autoren, die großzügige Werge verfasst haben, warum sie auch nicht...

  2. ... aber wer eine Übersetzung, die sinn-, stil- und gedankenlos Wort für Wort am französischen Original entlangholpert und dabei zigseitenweise Murks wie diesen produziert: "Da fragte sie sich, ob er sich überhaupt erinnerte, ihr geschrieben zu haben, um sie bitten herzukommen"; oder diesen: "Er hatte dieses provinzielle Frankreich, das er so gut kannte, plötzlich satt, oh, schrecklich satt, dachte er, dieses schlechte Brot, das auf Fußhöhe herumstand, der (sic) bleiche, nasse Schinken, die Hände, die, wie diese gerade jetzt, abwechselnd Nahrung und Geld anpackten"; oder diesen: "Ihr Vater machte eine Stehlampe an, und ihr armseliges Licht, von der Art, wie Vierzig-Watt-Birnen es ausstrahlen, ließ in der Mitte des Raums einen langen Tisch mit einer Glasplatte aufscheinen"; oder diesen: "Von seinen Schultern ... flatterten kleine gelbe Flammenbaumblüten auf die Fliesen, und rasch zertrat er sie mit der Spitze einer (sic) seiner Schlappen"; oder diesen: "Aber als sie ihn in seinen Plastikschlappen auf der ... Betonschwelle stehen
    sah ... da wußte sie, daß er sich ebensowenig darum scherte, sie zu mustern und ihr Aussehen zu beurteilen, wie
    er auch die unverhohlenste Anspielung auf seine bösen Bemerkungen von früher bemerkt ... hätte"; wer also solcherlei Quark für erstens "makellos" und zweitens irgendwie große Literatur hält, weiß schlicht und einfach nicht, wovon er spricht. Da hat nicht nur die Übersetzerin, sondern vor allem das Lektorat totalversagt.

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