Sachbuch Life-ScienceWer erklärt den Menschen?

Zwei Kulturen: Literaturwissenschaftler machen in einem Sammelband gegen die Life-Sciences mobil von 

Wer im Zentrum des Missvergnügens, zum Beispiel in der Gremiensitzung einer deutschen Universität, einmal richtig die Funken sprühen lassen möchte, der sollte einen Literaturwissenschaftler und einen Vertreter der Life-Sciences, der »Lebenswissenschaften«, um Wortmeldungen bitten. Auf einen Schlag hat der akademische Betriebsfrieden ein Ende, und alle Toleranz-Edikte erweisen sich als sinnlos – die Damen und Herren verstehen sich einfach nicht. In den Augen eines Hirnforschers zum Beispiel sind Philologen spekulative Wolkenschieber, die dem ätherischen Nichts einer lyrischen Metapher mehr Wahrheit beimessen als der faktischen Macht natürlicher Synapsen. Literaturwissenschaftler sind daraufhin tief gekränkt. Mit geübtem Griff halten sie ihrem akademischen Gegner dann ein Büchlein des italienischen Philosophen Giorgio Agamben unter die Nase und erklären ihnen, dass die Life-Sciences mal wieder das »nackte« biologische Leben (zoe) mit dem reichen kulturellen Leben (bios) verwechseln.

Der Gelehrtenstreit tobt schon seit Jahren und hat zumindest in den Literaturwissenschaften eine aufgeregte Selbstverständigungsdebatte in Gang gesetzt. Wichtige Impulse lieferte dabei Ottmar Ette (Universität Potsdam) mit einer »Programmschrift«, die zuerst in der Zeitschrift Lendemains veröffentlicht wurde und die nun – mitsamt Repliken – in dem Band Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft dokumentiert ist. Damit auch Neueinsteigern der Frontverlauf deutlich wird, gießt Ette zunächst noch einmal kräftig Öl ins Feuer und wirft den Naturwissenschaften vor, sie hätten für die drängendsten Probleme des 21. Jahrhunderts »wenig anzubieten« und ihre armselig »reduktionistische« Vorstellung vom menschlichen Dasein sei eine Gefahr »für das Leben einer Gesellschaft und ihrer kulturellen wie wissenschaftlichen Entwicklung«.

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Das will Ette ändern. Wie ein Pirat nähert er sich der mit vielen Steuermitteln aufgerüsteten Armada der Life-Sciences, um sie zu kapern und ihnen das »Monopol auf Lebensdeutung« zu entwinden. Das Schatzkästlein des biologischen Wissens sollen sie behalten dürfen, das Wissen vom kulturellen Leben des Menschen jedoch müssen sie rausrücken. Und wenn die Lebenswissenschaften dann noch artig versprechen, dass sie bescheiden werden und künftig nur noch in ihren eigenen Gewässern fischen, dann könnten Literaturwissenschaftler sich eines Tages sogar mit ihnen gut vertragen.

Mit anderen Worten: Ottmar Ette möchte die Literatur selbst als Lebenswissen verstehen, als ästhetisches »Speichermedium«, in dem das »erlebte« Wissen vom Menschen aufbewahrt sei – das Wissen vom Realen und vom Körper, von Freundschaft und Liebe, vom Leben und Sterben. Literatur enthalte Wissen über das Leben und ein Wissen des Lebens von sich selbst.

Allerdings fordert Ettes Piraterie auch Opfer in den eigenen Reihen. Ohne Namen zu nennen, nimmt er den Dekonstruktivismus ins Visier, also jene Kollegen, die im Kielwasser von Jacques Derrida und Paul de Man (angeblich) die Literatur als rein ästhetisches, alle Wahrheitsbezüge auflösendes und selbstbezügliches Metaphern-Spiel verstehen. Ette missfällt das »nutzlose« Glasperlenspiel, die Häresie der Beliebigkeit. Wenn Literatur nur noch ein ästhetisches Nullsummenspiel sei, dann schwäche dies den Abwehrkampf gegen die Life-Sciences und befördere die »Ausbürgerung des Lebens« aus der Literaturwissenschaft – wenn Bücher nichts anderes seien als Allegorien-Spektakel, dann könne der Leser keinen Nutzen fürs Leben daraus ziehen.

Aber auch die Kompensationswissenschaftler aus dem Lager der neuen Bürgerlichkeit scheint Ette nicht sonderlich zu mögen. Philologen, schreibt er, seien »keine »reparaturwissenschaftlichen Hilfstrupps«, und damit dürfen sich jene Textdeuter angesprochen fühlen, die den Philosophen Odo Marquard (Abschied vom Prinzipiellen) verehren und sich damit begnügen, transzendental obdachlosen Lesern etwas Sinnstiftungselixier einzuträufeln.

Aber warum klammert sich Ette an die aufgetakelte Kategorie des Wissens? Warum reicht ihm nicht, was doch viel angemessener wäre, die Kategorie der ästhetischen Erfahrung? Darüber wird in diesem Sammelband anregend gestritten, wobei die meisten Autoren, zum Beispiel Toni Tholen (Hildesheim) oder Vittoria Borsò (Düsseldorf), Ette wohlwollend zur Seite springen. Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford) freut sich erwartungsgemäß darüber, dass Ette die schöne Literatur aus dem Würgegriff der Gesellschaftskritik befreit und deren Nutzen fürs private Kämmerlein reserviert. Literatur, so Gumbrechts Weltneuheit, bringe die Leser »zum Nachdenken über die Probleme ihrer individuellen Existenz«. Anders der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal (Bielefeld). Er weigert sich, die diskurs- und machtkritische Funktion der Literaturwissenschaft einfach über Bord zu werfen, und erinnert daran, dass Philologen in erster Linie nicht die Dinge des Lebens untersuchen, sondern Wörter und deren Verhältnis untereinander. Im Übrigen sei der Begriff der Lebenswissenschaft durch den Nationalsozialismus »unerträglich« belastet – und deshalb untauglich.

Einen scharfsinnigen Vorschlag zur Güte macht Christoph Menke (Frankfurt am Main). Menke will beides – er will den »reaktionären« Reduktionismus der Biowissenschaften mit geisteswissenschaftlichen Instrumenten aufklären und umgekehrt den opaken Geistbegriff der Philologen durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse korrigieren, zum Beispiel durch die Einsicht in die »Macht des Unbewussten«, in die »Rolle des Zufalls« und der »ungerichteten Variation«. Bei aller Zustimmung sieht er jedoch in Ettes Rettungsplan selbst einen Naturalismus am Werk. Literatur, so Menke, sei eben nicht nur ein unkritischer Zirkulationsagent von Lebenswissen. Gerade weil sie autonom sei und ihren eigenen ästhetischen Gesetzen gehorche, »unterbreche« Literatur das gesellschaftliche Lebenswissen – »sie setzt es aus«. Damit bleibt die Literatur kritisch. »Von der Literatur aus gesehen, ist also der abstrakte Gegensatz von Geistes- und Biowissenschaften nicht völlig verfehlt. Er ist ein falscher Ausdruck der Unversöhnlichkeit von Leben und Wissen, den die Literatur entfaltet.«

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Leserkommentare
    • Sikumu
    • 26. Juni 2010 10:33 Uhr

    Tatsächlich kann man Literatur nicht experimentell überprüfen.
    Dennoch bleibt es ein bemerkenswertes Phänomen, dass uns manche Sätze der neuesten Forschung, so zutreffend sie auch sein mögen, überhaupt nicht weiterhelfen.
    Und dann liest man einen Satz, einen Text, der ein paar hundert Jahre alt ist, vielleicht sogar ein paar tausend Jahre.
    Und man fasst sich an den Kopf und sagt: "Du lieber Himmel. Das sind ja wir!"
    Merkwürdig.

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