Die Welt liegt verdorrt und kahl. Kein Wasser, kein Leben, keine Liebe. Das beweint die Nymphe Calisto so herzergreifend, dass der Gott Jupiter sich auf der Stelle in sie verliebt und beschließt, die versiegten Quellen wieder sprudeln zu lassen. So beginnt die Barockoper Calisto von Francesco Cavalli, und kaum hat Jupiter seinen Entschluss gefasst, beginnt es am Basler Theater vom Bühnenhimmel herabzutröpfeln, zunächst langsam, dann immer stärker, bis eine dichte, hohe Wasserwand im Raum steht. Hat man je einen poetischeren Theatervorhang gesehen als dieses zauberische Glitzerding aus zart prasselndem Regen? Es ist Lustbrunnen und Projektionsfläche zugleich, in ihm spiegeln sich die Traumbilder der Angebeteten. Und wer sein Wasser kostet, den überkommt das große Begehren.

Francesco Cavalli hat die Oper als einen einzigen, die Sinne verwirrenden Liebestaumel komponiert, und so landen in Basel irgendwann alle Figuren unter dem großen Sturzbach der Gefühle. Der lüsterne Jupiter etwa nimmt prustend eine Ganzkörperdusche, bevor er sich an Calisto heranmacht. Die keusche Göttin Diana fängt ein paar kostbare Tropfen mit der Handfläche auf, um ihre Lippen zu benetzen. Der melancholische Mondgucker und Jammerlappen Endimione wiederum, der sehr in sein Verliebtsein verliebt ist, kommt gar nicht weg von der Brause. Bis auf die Haut lässt er sich durchnässen, als seien die Tropfen das Tränenmeer, das er über sich selbst vergießt.

Der Wasservorhang hat noch eine andere Funktion: Er durchschneidet den Theaterraum genau in der Mitte und trennt an diesem Abend das Männliche vom Weiblichen. Der Regisseur Jan Bosse und sein Bühnenbildner Stéphane Laimé haben sich in Basel die Pointe gestattet, das Publikum getrennt nach Geschlechtern zu platzieren: Auf der einen Seite sitzen die Damen, auf der anderen Seite die Herren; der Wasservorhang dazwischen bildet die buchstäblich fließende Grenze zwischen den Geschlechtern. Der Dirigent Andrea Marcon hat sogar sein Orchester in eine männliche und eine weibliche Hälfte aufgespalten. Spiegelverkehrt sitzen sich die Ensembles gegenüber.

Die Barockoper mit ihren Kastraten und Hosenrollen lässt immer offen, wo das Mannsein aufhört und das Frausein anfängt. Aber so virtuos wie von Jan Bosse in Basel ist das Vexierspiel der Geschlechter kaum je auf die Spitze getrieben worden. Bei ihm sind alle heimliche Crossdresser. Wie unbeteiligte Zuschauer sitzen seine Opernhelden zunächst im Parkett, stürzen sich spontan in die Handlung und müssen nur einmal den Wasservorhang durchschreiten, um die Geschlechtsverwirrung in sich wachsen zu spüren. Dann werfen sie ihre Kleider ab, es kommen Damenstrümpfe unter Herrenanzughosen zum Vorschein und Leoparden-Miniröcke unter Göttertogen. Frauen spielen Männer, die Frauen verführen, die eigentlich Männer sind – und umgekehrt. Bosse inszeniert das alles mit leichter Hand und hält auf wundersame Weise die Spannung zwischen Travestiewitz und allegorischem Ernst. Wie verzaubert wird man nach drei Aufführungsstunden aus Cavallis Liebeslabyrinth entlassen.

Jan Bosse entdeckt die Oper als Ort poetischer Möglichkeiten

Solche Fantasieduschen sind rar geworden im Opernbetrieb, der es sich mit gängigem Repertoire und bewährten Regisseursnamen allzu gemütlich macht. Jan Bosse kommt vom Schauspiel. Die Calisto -Produktion ist erst seine zweite Arbeit für das Musiktheater. Mit einer erfolgreichen Schauspielkarriere im Rücken schickt er sich nun an, die Oper aufzumischen. Von Schauspielleuten sind immer wichtige Impulse für die Oper ausgegangen, sie sind heimliche Hoffnungsträger. Und Jan Bosse ist zurzeit nicht der Einzige, der den Genrewechsel wagt. Alleine in den vergangenen Wochen haben noch zwei weitere Theatermacher in der Oper reüssiert: Andreas Kriegenburg, der ehemalige Oberspielleiter am Hamburger Thalia Theater, inszenierte nach seinem Wozzeck an der Bayerischen Staatsoper Verdis Otello an der Deutschen Oper in Berlin. Und der mit seinen Elfriede-Jelinek-Produktionen erfolgreiche Nicolas Stemann debütierte mit Jacques Offenbachs Périchole an der Komischen Oper.

Es ist immer ein spannender Moment, wenn die wilden Schauspielmänner das renovierungsbedürftige Grandhotel Oper betreten. Wenn sie feststellen, wie schwer und unförmig das Mobiliar darin ist und wie tief die Tradition in den Polstern nistet. Nichts lässt sich schnell umdekorieren. Festgeschraubt ist der Partiturtext, unbeweglich der Chor, sperrig der Wille des Dirigenten. Trotzdem sollen sie das Haus mit neuen Ideen sanieren, und jeder muss seine eigene Strategie entwickeln, den hochgesteckten Erwartungen gerecht zu werden.

Jan Bosse hat in Basel einfach die Augen verschlossen vor dem Regie-Konventionsgerümpel des Opernalltags und imaginiert die Musiktheaterbühne als einen jederzeit offenen Ort poetischer Möglichkeiten. Andreas Kriegenburg geht an der Deutschen Oper anders vor. Er macht es sich im Plüschsessel der Opernregie extrabequem und sagt sich: Ist doch alles schön hier, da muss man gar nichts neu erfinden. Er inszeniert seinen Otello nicht wie ein ambitionierter Quereinsteiger, sondern wie ein in die Jahre gekommener Routinier. Den Chor dekoriert er als lebendige Tapete: Sieben Etagen hoch ist er im Bühnenhintergrund in einem Kasemattenlager gestapelt. Davor tragen zornige Männer schwere Mäntel auf und ab. Das muss als Regiekonzept genügen. Die Aufführung retten ihm die Starsänger. Vor allem Anja Harteros gibt eine Desdemona, wie man sie berührender zwischen Opferbereitschaft und Aufbegehren lange nicht gehört hat.