Kulturhauptstadt Ruhr 2010 Klarer Fall von Projektitis

Halbzeit in der Kulturhauptstadt Europas, dem Ruhrgebiet: Ein Versuch, durch 5000 Termine eine Schneise zu schlagen

Als größte künstliche Landschaft Europas hat das Ruhrrevier die Chance, zum größten Kunstwerk der Welt zu werden. An diesem Projekt einer Komposition aus Städten, Straßen, Verkehrswegen, Seen, Wäldern et cetera sollen Maler, Bildhauer, Architekten, Städteplaner, Techniker, Ingenieure, Psychologen, Soziologen, Politiker, Gewerkschaftler, Dichter, Musiker, Filmer, Regisseure, Arbeiter, Unternehmer und all jene mitarbeiten, deren schöpferische Fantasie über die Mauern der Museen, Bibliotheken und Konzertsäle hinausreicht. Las Vegas und die Alpen sind nichts gegen das RUHR-KUNSTWERK. Glückauf.

Was klingt wie ein Eintrag im Poesiealbum Fritz Pleitgens, dem Sonnenbürgermeister der Kulturhauptstadt Europas 2010, ist ein waschechter Achtundsechziger: Ferdinand Kriwets Manifest Rettet das Revier . 42 Jahre hat es gedauert, bis jemand Ernst macht mit dem Plakat des Düsseldorfer Künstlers. Denn das ist ja der Anspruch des 60-Millionen-Euro-Kolosses Ruhr.2010 : das Revier, nun »Metropole Ruhr« genannt, durch Kultur, in Kultur zu verwandeln. Das Experiment ist zur Hälfte rum, Zeit für eine erste Bilanz. Lernt man zwischen Dortmund und Duisburg etwas über die Welt nach dem Ende des Industriezeitalters? Gute Frage, doch zuvor stellt sich eine ganz andere, praktische: Wie einen Überblick bekommen über ein Dickicht aus 5000 Veranstaltungen? Kein Mensch kann das bewerten. Bleibt nur die Methode »Schneise schlagen«. Glück auf!

Nullpunkt Baldeneysee. Ob Norbert Bauer ein Genie oder eine Nervensäge ist, wird wohl erst die Kunstgeschichte erweisen. Jetzt hat der Mann, der auch bei 23 Grad im Schatten nicht von seiner Wollmütze lassen will, ein Inselreich zu inspizieren und die Kunst am Laufen zu halten. Er steigt in ein Bötchen mit Elektromotor und tuckert über den Essener Baldeneysee, erste Anlegestelle: das Projekt zur Erhaltung der natürlichen Ressourcen . Was aussieht wie eine Mischung aus Abenteuerspielplatz und Schrotthalde, ist eine Arbeit des russischen Künstlerpaars Ilya und Emilia Kabakow. Na ja, eigentlich ist es Bauers Werk; die Russen haben nur eine bunte Skizze geliefert, die der Konzeptkünstler aus Langenberg mit viel Hingabe verwirklicht hat. Flohmärkte, Autofriedhöfe, alte Scheunen hat er abgegrast auf der Suche nach Teilen für die rostige Fantasieapparatur, die am einen Ende mit alten Eimern Wasser aus dem See schöpft, es durch einen sinnfreien Kreislauf aus Röhren, Töpfen, Wannen und einer Verdampfungsanlage für Pferdemist pumpt, ehe es am anderen Ende wieder hineintröpfelt. Eine Persiflage auf all die politisch korrekten Öko-Kunstprojekte der jüngeren Vergangenheit, die aus Scheiße Gold machen. Bei den Kabakows bleibt Brühe Brühe, ihre Wasserkunst kreuzt den postapokalyptischen Chic des Films Waterworld mit dem Charme von Jean Tinguelys absurden Maschinen.

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Aber jetzt funktioniert der alte Dieselmotor nicht, der ihre Kunst erst zum Leben erweckt. »Hat jemand den Tankdeckel nicht aufgemacht«, brummt Bauer und unternimmt mit seinen Bastlerpranken mehrere Startversuche – vergeblich. Eine Szene mit Symbol kraft, Bauers Erzählungen vom Werden seines Inselreiches sind eine einzige Problemgeschichte. Schon vor 15 Jahren kam ihm die Idee zum »Ruhr-Atoll«: 25 künstliche Inseln, entworfen von namhaften Künstler/Wissenschaftler-Duos, die Themen Energie, Nachhaltigkeit, Kreativität umkreisend. Zur Realisierung dockte Bauer bei der Kulturhauptstadt an, und weil für die nur das Größte gut genug ist (»Wo das geht, geht alles« steht auf ihren Plakaten), wurde das Ruhr-Atoll zu einem Schlüsselprojekt der Bewerbung. Doch dann geriet die Inselgruppe in schwere See. 21 Eilande kenterten in der Finanzkrise, nur vier liegen nun im See vor Anker und können mit dem Tretboot angefahren werden.

Norbert Bauer hat inzwischen seinen Frieden gemacht mit der Sparversion, zu viel Lebenszeit hat er in endlose Genehmigungsverfahren und die Kämpfe mit der Kulturhauptstadtbürokratie investiert. »86 Seiten hat allein der Vertrag mit denen!«, schimpft er, zwei GmbHs musste er gründen, und ein nicht unerhebliches finanzielles Restrisiko trägt er auch noch. Wäre die Kulturhauptstadt ein echtes Gemeinwesen, Bauer gäbe in ihr den Querulanten, der die Behörden mit seiner Hartnäckigkeit zum Wahnsinn treibt. Und am Ende triumphiert: Das Spar-Atoll kommt so toll an, dass es beim Tretbootverleih am Ufer wegen der langen Wartezeiten regelmäßig Beschwerden gibt.

Aber gibt es bei Ruhr.2010 eigentlich auch Ereignisse, die nicht nur eine Kreuzung aus hehren Absichten und Kirmes sind?

Kilometer 49,2. Auch Hans Werner Henze hat mal gesagt: »Notwendig ist die Schaffung des größten Kunstwerks der Menschheit.« Der Komponist und Wahlitaliener meinte zwar nicht das Revier, sondern die Weltrevolution. Aber egal, wer so groß denkt, ist bei der Kulturhauptstadt an der richtigen Adresse. Deren »Henze-Projekt« ist die größte Werkschau, die einem lebenden Komponisten je zuteil wurde. Ein Jahr lang wird jede Woche irgendwo im Ruhrgebiet eines seiner Werke gespielt, an diesem Abend im Dortmunder Opernhaus das orpheus-projekt . In Henzes Werkverzeichnis sucht man diesen Titel vergeblich, er ist eine Kopfgeburt der Dortmunder Intendantin Christine Mielitz. Sie kombiniert Henzes Kammermusik 1958 und seine Nachtstücke und Arien mit ihrer Inszenierung von Glucks Oper Orpheus und Eurydike . Warum? Vielleicht, weil Orpheus auch bei Henze auftritt? Tut er aber gar nicht. Der Abend ist eine typische kulturhauptstädtische Denksportaufgabe, der Besucher bekommt eine »konzeptgrundlage« als Beipackzettel, aus der hervorgeht, dass Orpheus bei Henze doch irgendwie vorkommt. Weil ein Sänger auftritt.

Der heißt James Oxley, ist Brite, schreitet wie ein bleicher Graf Dracula ans Notenpult, reißt die Augen im Vogelkopf auf – und macht mit den ersten Tönen, der ersten Hölderlin-Zeile, »in lieblicher Bläue blühet«, alle Konzepte zur Nebensache. Mühelos schwebt sein Tenor durch des Dichters Sphären, und dass er nach der Pause als Orpheus die Götter mit seinem Gesang erweicht, ihm seine Geliebte aus der Unterwelt zurückzugeben, glaubt man ihm aufs Wort.

Das bekommen aber längst nicht mehr alle Zuschauer mit. Aus den ohnehin schütter besetzten Reihen stehlen sich zur Pause weitere Ohrenzeugen davon. Ein »Möglichkeitsmaximum an ästhetischer Erfahrung« soll das ganze Henze-Projekt liefern. An diesem Abend hat der Gütersloher H. das Revier offenbar überfordert. Hinweg also von der lieblichen Bläue, auf zu Schwarz-Gelb, den Dortmunder Herzensfarben. Ist gar nicht weit.

Kilometer 51,1. Der Borsigplatz. Heilige Stätte der größten Revierreligion, des Fußballs. Hier wurde vor 101 Jahren in der Gaststätte Zum Wildschütz Borussia Dortmund gegründet. Heute heißt der Laden, reichlich farbenblind für den schwarz-gelben Verein, Pommes Rot-Weiß, und eigentlich liegt er auch gar nicht am Borsigplatz, sondern in der Oesterholzstraße. Die ist nun einer der Schauplätze von »2–3 Straßen« noch ein, genau, »Projekt« der Ruhr.2010 GmbH. Der Konzeptkünstler Jochen Gerz hat es zwar schon 2006 ersonnen, doch nun wurde es flugs – wie vieles andere auch – der Kulturhauptstadt eingemeindet. Zwar nennt Gerz das Ganze eine »Ausstellung«, aber zu sehen gibt es nicht viel an dem Häuserkarree, das die Bewohner »Klein-Versailles« nennen und das in den 1920er Jahren als Unterkunft für die Arbeiter der nahen Westfalenhütte errichtet wurde. Aber die Idee ist auch eher die einer sozialen Intervention: In 24 Wohnungen dürfen Künstler ein Jahr lang mietfrei wohnen und sollen mit ihrer Arbeit die Straße verändern, irgendwie. Was anderswo als »Gentrification« ein naturwüchsiger (und mitunter zweifelhafter) Prozess ist, wird hier als Experiment nachgestellt. Über ihr Leben als ansteckendes Kunstbakterium sollen die Teilnehmer täglich Buch führen und auch ihre neuen Nachbarn, die alten Mieter, zum Schreiben animieren. All diese Berichte fließen, sobald ihre Autoren auf die Speichertaste ihrer vernetzten Laptops drücken, in einem anonymen, unredigierten Metatext zusammen, der im nächsten Jahr als Buch veröffentlicht werden soll.

Eine typische Kulturhauptstadt-Idee: interaktiv, vernetzt, sozial engagiert, nah bei den Menschen – und wahnsinnig verkopft. Unter der Geschäftsführung von Fritz Pleitgen, dem Ex-WDR-Intendanten, und Oliver Scheytt, dem früheren Essener Kulturdezernenten, hat Ruhr.2010 einen starken Drang zum Überbau. Unter dem Hauptmotto »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel« wuchert ein komplizierter Stammbau aus »Arealen«, »Leitthemen« und »Programmfeldern«, von »Mythos Ruhr begreifen« bis zu »Europa gestalten« – ein klarer Fall von Übermottovation. Aus Angst, als Event-Heinis beschimpft zu werden oder eine der 53 beteiligten Kommunen vor den Kopf zu stoßen, fehlt dem Programm beinahe jede Hierarchie; gleichberechtigt steht der Kochkurs neben Opernaufführung, Kinderzirkus und Symposium. Mit einer Dosis Superlativitis wird alles aufgeschäumt, vom »Day of Song« mit seinen 55000 Sängern in der Arena auf Schalke, dem »größten mehrstimmigen Chorkonzert der deutschen Musikgeschichte«, bis zur Aktion »Schachtzeichen«, bei der an 300 ehemaligen Zechenanlagen ein knallgelber Luftballon gehisst wurde. Das könne man sogar aus dem Weltall sehen, sagte Pleitgen. Aber leider nicht von der Parallelstraße aus, wie stichprobenartige Kontrollen ergaben, doch was soll’s, alles super und gleich viel wert – und damit auch gleich wenig.

Und was machen die Künstler nun so in der Oesterholzstraße, der einen der zwei bis drei Straßen? Die Österreicherin Anna Wiesinger zum Beispiel malt »abstrakte Porträts«: Bei ihrer Aktion »Wer hat Angst vor rot, gelb, blau?« darf jeder Nachbar anhand einer Skala seine Lieblingsfarbe bestimmen und bekommt ein nahezu quadratisches Täfelchen in diesem Ton geliefert, um es ins Treppenhaus neben die Wohnungstür zu hängen – eine Galerie von Familienbildern ganz eigener Art. Eine Ausstellung, die wie das gesamte Gerz-Projekt aber kaum Publikum hat, haben soll. An den tristen Fassaden all der beteiligten Häuser weist nichts hin auf die neue Kreativität im Inneren. Und Besuche müssen beim Projektbüro angemeldet werden. Ob die zwei bis drei Straßen am Ende dennoch andere sein werden, wie es das Konzept verspricht? Ist das auch alles schön nachhaltig?

Mit diesen typischen Kulturhauptstadtfragen im Kopf geht es weiter an die Emscher, Deutschlands schmutzigsten Fluss, der besonders im Sommer immer noch zum Himmel stinkt. Hier soll es was zu sehen geben, für jedermann und kostenlos.

Kilometer 76,2. Den Weg zur »Emscher-Kunst«, dem größten (und teuersten) Kunstprojekt der Kulturhauptstadt, legt man am besten auf dem Rad zurück, auf einer Strecke von 40 Kilometern immer zwischen den Ufern von Rhein-Herne-Kanal und Emscher pendelnd. Lange Zeit eine No-go-Area, ein Niemandsland entlang dem Fluss, der in Wahrheit der gnadenlos begradigte Supergully des ganzen Ruhrgebiets ist. 20 »Interventionen« hat der Kurator Florian Matzner hier verstreut, doch die eigentliche Leistung der Ausstellung ist es, aus der ganzen sogenannten Emscher-Insel ein Kunstwerk zu machen; dem Besucher werden all die Auto- und Eisenbahnunterführungen zu (Klang-)Skulpturen, jedes Biertrinkeridyll wird zu einer proletarischen Variante von Manets Frühstück im Grünen . Und einmal verwandelt sich sogar das kleine Geschäft in große Kunst.

Am ehemaligen Hafen Matthias Stinnes, wo die Insel nur 75 Meter breit ist, haben Marjetica Potrč und das Architekturbüro Ooze ihre Emscher Community Gardens errichtet. Es ist das Original zu Kabakows schwimmender Parodie: Wie ein Sprungbrett ragt ein Steg über die Emscher, an dessen schwankendem Ende in luftiger Höhe zwei roh gezimmerte Klohäuschen befestigt sind. Gespült wird mit dem Schmutzwasser der Gegend, das eine Pflanzenkläranlage durchläuft, bis es nach einem Prozess von zwei Wochen am anderen Ende der Installation als Trinkwasser aus einem Hahn kommt. Eine spielerische Form der Eigenurinbehandlung mit Verzögerungszünder, aber auch ein Beitrag zur Debatte um Nachhaltigkeit, die knappe Ressource Wasser und den Versuch, eine restlos ruinierte Gegend kunstvoll zu renaturieren.

An schönen Tagen bilden sich rasch Schlangen, beim Pinkeln für die Kunst will jeder seinen Beitrag leisten. Andere heben schon den Finger, um bei der Erdbeerernte im Gemeinschaftsgarten dabei sein zu dürfen. Die viel beschworene Offenheit und Bodenständigkeit des gemeinen Pottlers – in der Diskussion über Technik, Sinn und Unsinn der Anlage wird sie Ereignis. Diese Mischung aus Anspruch, Nutzwert und Vorbildlichkeit übertrifft nur eine weitere Skulptur: die Brücke, die auf den Fluss wartet.

Die niederländische Künstlergruppe Observatorium hat sie aus altem Gerüstholz zusammengezimmert, ein 40 Meter langes, robustes Zickzack mit drei Pavillons, in denen man essen, schlafen, kochen, waschen, denken, beobachten, klüger werden kann. Eine lebendige Brücke soll es sein, wie der Ponte Vecchio über den Arno in Florenz, erklärt Andre Dekker, einer von drei Observierern. Ihre Skulptur ist eine geniale Mischung aus Sonnendeck, Floß, dem Gehäuse des heiligen Hieronymus (der eine Art Schutzpatron der Gruppe ist) und einem Traumhaus aus Schöner Wohnen . Wie in einer Lodge in Afrika sitzen die Besucher auf den Planken und schauen auf ein Stück Ruhrgebietssavanne, in dem sich statt Elefanten und Giraffen ein Fuchs und zahllose Kaninchen gute Nacht sagen. Mitten in einer der wüstesten Industrieregionen Europas schafft es dieses hölzerne Trumm, einen weißen Fleck auf der Karte mit einer Vision zu füllen. Denn die Brücke erzählt von dem, was noch nicht da ist – der Fluss, die Emscher, die in zehn Jahren ganz sauber und beinahe natürlich mäandrierend unter den Planken herfließen soll.

Dieses Kunststück ist buchstäblich nach allen Seiten hin offen und für jeden zugänglich: für Hundebesitzer, die beim Gassigehen ein Päuschen einlegen, für Heimwerker, die so was auch in ihrem Garten haben wollen (einer hat Andre Dekker schon gefragt, wie man das Dach dicht bekommt), für Kunst-Aficionados aus New York, die hier für 90 Euro eine Übernachtung mit Halbpension buchen und, umrauscht von Autobahnlärm und nächtlichen Güterzügen, ein avantgardistisches, wildes, der Zukunft zugewandtes Deutschland erleben. So kann Kulturhauptstadt also auch sein, anschaulich, populär, ein bisschen ironisch, klug. Zeit, in ihr Zentrum vorzustoßen, nach 45309 Essen-Stoppenberg.

Kilometer 95,5: Hier steht so was wie der Louvre der Industriekultur. Doch statt einer gläsernen Pyramide empfängt ein stählernes Maul die Besucher. Es öffnet sich an diesem strahlenden Frühsommertag zwar erst in einer Viertelstunde, aber schon stehen mehrere Hundert Menschen brav Schlange, um verschluckt zu werden und auf einer feuerfarbenen Rolltreppe laaaangsam ins Herz des Reviers einzufahren. Wer das neue Ruhrmuseum auf der Zeche Zollverein betritt, verwandelt sich in ein Stück Kohle und wird in Ladungen zu rund dreieinhalb Tonnen abgefertigt – mehr als fünfzig Menschen auf einmal dürfen nicht an die Kassen auf der 24-Meter-Ebene der ehemaligen Kohlenwäsche geschaufelt werden. Es dauert also, bis man in die »Gegenwart« des Ruhrgebiets gelangt. So heißt die erste Abteilung des Museums, in der früher Gestein und Kohle, heute aber die Begriffe sortiert werden. Denn im Grunde ist ja gar nicht klar, was das eigentlich ist, das Ruhrgebiet. Es ist weder eine einheitliche Landschaft noch ein Raum mit klaren politischen Grenzen. Und trotzdem glaubt jeder zu wissen, wie das Leben hier so spielt.

Wie das Museum nun zwischen den pittoresk verrosteten Maschinen ganz unangestrengt Klarheit schafft über die Mythen und Klischees vom Kumpel seine Welt, ist große Kunst. Berührende Fotoserien zeigen all die Sozio- und Biotope, von Europas größtem Hindu-Tempel in Hamm über die Taubenklinik in Katernberg bis zur postindustriellen Natur auf den Exzechen. Die Exponate sind so eindrucksvoll wie selbstironisch – die grau marmorierte Staublunge in Formaldehyd zum Beispiel, der Fuchsschwanz von der Autoantenne oder die chinesische Flasche Hans Dry Beer, benannt nach dem Braumeister Hans Strecker aus Unna, der als Rentner im Reich der Mitte eine Bierpionier-Karriere hinlegte.

Regionalgeschichte in Anekdoten ist das – und doch stockseriös. In den beiden Stockwerken darunter, »Gedächtnis« und »Geschichte«, wird fein säuberlich das Wissen über 320 Millionen Jahre zutage gefördert, von den Anfängen des Gebiets am Äquator bis hin zu einer Warnung für die Zukunft, doch bitte schön nicht noch einmal so hemmungslos einen ganzen Landstrich umzugraben und buchstäblich zu verbrauchen. Tage könnte man hier verbringen und am interaktiven »Daten und Fakten«-Tisch noch die letzte Statistik über die Anzahl der Friseursalons, Nagel- und Sonnenstudios per Fingertipp ausbuddeln. Völlig zu Recht ist das Museum ein Herz- und Prunkstück der Kulturhauptstadt Europas; wie im Zeitraffer erzählt es eine Geschichte der Moderne – die Verwandlung von Natur zunächst in eine Industrielandschaft, dann in Wüste und schließlich in einen Freizeitpark, in dem die nicht mehr benötigten Arbeiter sinnvolle (und bezahlte) Beschäftigung suchen. Das Revier hat im Kleinen schon hinter sich, was den Industrienationen insgesamt noch bevorsteht. Im allerletzten Kabinett des Museums steht dann das Kleingedruckte zu dieser wunderbaren Verwandlung: dass Menschen hier nur werden leben können, wenn das Wasser aus den Schächten unter Tage gepumpt wird, »bis in die Ewigkeit«.

Die zentrale Kulturhauptstadt-Idee von der »Metropole Ruhr« freilich führt das Ruhrmuseum ad absurdum. Wer, gereinigt von allerlei Vorurteilen, schließlich von der Kohlenwäsche wieder ausgespuckt wird, ist überwältigt von der Vielfalt und Widersprüchlichkeit dieses Gebildes namens Ruhrgebiet. In Wahrheit besteht auch 42 Jahre nach seiner Proklamation das größte Kunstwerk der Welt weiterhin nur aus lauter Einzelteilen. An denen wird nun noch ein halbes Jahr lang verschärft herumgeschraubt. Fertig wird es wohl nie werden. Glück auf!

 
Leser-Kommentare
  1. Es wäre besser, halb so viele Events zu planen und dafür die Qualität zu steigern.

    Die Schachtzeichen z.B. waren für mich total enttäuschend.

    Es stiegen nur sehr wenige Ballons auf, das war Mist.

    Erst wird die "Welle" gemacht, dann scheitert es an Dingen, die absolut planbar sind.

    Hoffentlich werden wenigstens die restlichen Events besser.

  2. Ein Ereignis, das ein Jahr lang 53 Städte präsentiert, muss zwangsläufig Höhen und Tiefen haben. Ein Kommentator, der eine vorgefasste Meinung vom Ruhrgebiet hat, muss zwangsläufig falsch und polemisch schreiben? Sängerzahl Schalke - es waren 20.000 mehr- Wollmütze, Tankdeckel, Sichtbarkeit Schachtzeiten - was soll das?
    Wenn es wenigstens ironisch geschrieben wäre, Herr Siemes, könnte man sich wenigstens amüsieren. Weil mir als Bürger des Ruhrgebietes, der hier seit 63 Jahren wohnt, auch nicht alles gefällt, was das Etikett Kulturhauptstadt trägt. Aber, bin ich der Massstab für 5 Millionen Einwohner? Nein, ebenso wenig wie Sie der Kulturwächter sind. Also, noch haben Sie 6 Monate Zeit, das Ruhrgebiet zu erleben. Wenn Sie denn wollten.

  3. Bei dieser langweiligen Herren- bis Altherrenriege um Fritz Pleitgen und Dieter Gorny (der Managerprofessor, der Kulturwirtschaft predigt und wenn er bei Firmen in der Verantwortung stand, so kompetent handelte, dass diese Firmen unter seiner Ägide meistens von der Bildfläche verschwanden) verwundern diese Resultate überhaupt nicht.
    Das Motto »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel« und die Romantisierung des Mythos Ruhr erinnern stark an den damaligen von Edmung Stoiber für Bayern verwendeten Slogan "Laptop und Lederhose" und der hat damals schon Zahnschmerzen verursacht.

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