Kulturhauptstadt Ruhr 2010 Klarer Fall von ProjektitisSeite 3/3
Die niederländische Künstlergruppe Observatorium hat sie aus altem Gerüstholz zusammengezimmert, ein 40 Meter langes, robustes Zickzack mit drei Pavillons, in denen man essen, schlafen, kochen, waschen, denken, beobachten, klüger werden kann. Eine lebendige Brücke soll es sein, wie der Ponte Vecchio über den Arno in Florenz, erklärt Andre Dekker, einer von drei Observierern. Ihre Skulptur ist eine geniale Mischung aus Sonnendeck, Floß, dem Gehäuse des heiligen Hieronymus (der eine Art Schutzpatron der Gruppe ist) und einem Traumhaus aus Schöner Wohnen . Wie in einer Lodge in Afrika sitzen die Besucher auf den Planken und schauen auf ein Stück Ruhrgebietssavanne, in dem sich statt Elefanten und Giraffen ein Fuchs und zahllose Kaninchen gute Nacht sagen. Mitten in einer der wüstesten Industrieregionen Europas schafft es dieses hölzerne Trumm, einen weißen Fleck auf der Karte mit einer Vision zu füllen. Denn die Brücke erzählt von dem, was noch nicht da ist – der Fluss, die Emscher, die in zehn Jahren ganz sauber und beinahe natürlich mäandrierend unter den Planken herfließen soll.
Dieses Kunststück ist buchstäblich nach allen Seiten hin offen und für jeden zugänglich: für Hundebesitzer, die beim Gassigehen ein Päuschen einlegen, für Heimwerker, die so was auch in ihrem Garten haben wollen (einer hat Andre Dekker schon gefragt, wie man das Dach dicht bekommt), für Kunst-Aficionados aus New York, die hier für 90 Euro eine Übernachtung mit Halbpension buchen und, umrauscht von Autobahnlärm und nächtlichen Güterzügen, ein avantgardistisches, wildes, der Zukunft zugewandtes Deutschland erleben. So kann Kulturhauptstadt also auch sein, anschaulich, populär, ein bisschen ironisch, klug. Zeit, in ihr Zentrum vorzustoßen, nach 45309 Essen-Stoppenberg.
Kilometer 95,5: Hier steht so was wie der Louvre der Industriekultur. Doch statt einer gläsernen Pyramide empfängt ein stählernes Maul die Besucher. Es öffnet sich an diesem strahlenden Frühsommertag zwar erst in einer Viertelstunde, aber schon stehen mehrere Hundert Menschen brav Schlange, um verschluckt zu werden und auf einer feuerfarbenen Rolltreppe laaaangsam ins Herz des Reviers einzufahren. Wer das neue Ruhrmuseum auf der Zeche Zollverein betritt, verwandelt sich in ein Stück Kohle und wird in Ladungen zu rund dreieinhalb Tonnen abgefertigt – mehr als fünfzig Menschen auf einmal dürfen nicht an die Kassen auf der 24-Meter-Ebene der ehemaligen Kohlenwäsche geschaufelt werden. Es dauert also, bis man in die »Gegenwart« des Ruhrgebiets gelangt. So heißt die erste Abteilung des Museums, in der früher Gestein und Kohle, heute aber die Begriffe sortiert werden. Denn im Grunde ist ja gar nicht klar, was das eigentlich ist, das Ruhrgebiet. Es ist weder eine einheitliche Landschaft noch ein Raum mit klaren politischen Grenzen. Und trotzdem glaubt jeder zu wissen, wie das Leben hier so spielt.
Wie das Museum nun zwischen den pittoresk verrosteten Maschinen ganz unangestrengt Klarheit schafft über die Mythen und Klischees vom Kumpel seine Welt, ist große Kunst. Berührende Fotoserien zeigen all die Sozio- und Biotope, von Europas größtem Hindu-Tempel in Hamm über die Taubenklinik in Katernberg bis zur postindustriellen Natur auf den Exzechen. Die Exponate sind so eindrucksvoll wie selbstironisch – die grau marmorierte Staublunge in Formaldehyd zum Beispiel, der Fuchsschwanz von der Autoantenne oder die chinesische Flasche Hans Dry Beer, benannt nach dem Braumeister Hans Strecker aus Unna, der als Rentner im Reich der Mitte eine Bierpionier-Karriere hinlegte.
Regionalgeschichte in Anekdoten ist das – und doch stockseriös. In den beiden Stockwerken darunter, »Gedächtnis« und »Geschichte«, wird fein säuberlich das Wissen über 320 Millionen Jahre zutage gefördert, von den Anfängen des Gebiets am Äquator bis hin zu einer Warnung für die Zukunft, doch bitte schön nicht noch einmal so hemmungslos einen ganzen Landstrich umzugraben und buchstäblich zu verbrauchen. Tage könnte man hier verbringen und am interaktiven »Daten und Fakten«-Tisch noch die letzte Statistik über die Anzahl der Friseursalons, Nagel- und Sonnenstudios per Fingertipp ausbuddeln. Völlig zu Recht ist das Museum ein Herz- und Prunkstück der Kulturhauptstadt Europas; wie im Zeitraffer erzählt es eine Geschichte der Moderne – die Verwandlung von Natur zunächst in eine Industrielandschaft, dann in Wüste und schließlich in einen Freizeitpark, in dem die nicht mehr benötigten Arbeiter sinnvolle (und bezahlte) Beschäftigung suchen. Das Revier hat im Kleinen schon hinter sich, was den Industrienationen insgesamt noch bevorsteht. Im allerletzten Kabinett des Museums steht dann das Kleingedruckte zu dieser wunderbaren Verwandlung: dass Menschen hier nur werden leben können, wenn das Wasser aus den Schächten unter Tage gepumpt wird, »bis in die Ewigkeit«.
Die zentrale Kulturhauptstadt-Idee von der »Metropole Ruhr« freilich führt das Ruhrmuseum ad absurdum. Wer, gereinigt von allerlei Vorurteilen, schließlich von der Kohlenwäsche wieder ausgespuckt wird, ist überwältigt von der Vielfalt und Widersprüchlichkeit dieses Gebildes namens Ruhrgebiet. In Wahrheit besteht auch 42 Jahre nach seiner Proklamation das größte Kunstwerk der Welt weiterhin nur aus lauter Einzelteilen. An denen wird nun noch ein halbes Jahr lang verschärft herumgeschraubt. Fertig wird es wohl nie werden. Glück auf!
- Datum 23.06.2010 - 11:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.06.2010 Nr. 25
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Es wäre besser, halb so viele Events zu planen und dafür die Qualität zu steigern.
Die Schachtzeichen z.B. waren für mich total enttäuschend.
Es stiegen nur sehr wenige Ballons auf, das war Mist.
Erst wird die "Welle" gemacht, dann scheitert es an Dingen, die absolut planbar sind.
Hoffentlich werden wenigstens die restlichen Events besser.
Ein Ereignis, das ein Jahr lang 53 Städte präsentiert, muss zwangsläufig Höhen und Tiefen haben. Ein Kommentator, der eine vorgefasste Meinung vom Ruhrgebiet hat, muss zwangsläufig falsch und polemisch schreiben? Sängerzahl Schalke - es waren 20.000 mehr- Wollmütze, Tankdeckel, Sichtbarkeit Schachtzeiten - was soll das?
Wenn es wenigstens ironisch geschrieben wäre, Herr Siemes, könnte man sich wenigstens amüsieren. Weil mir als Bürger des Ruhrgebietes, der hier seit 63 Jahren wohnt, auch nicht alles gefällt, was das Etikett Kulturhauptstadt trägt. Aber, bin ich der Massstab für 5 Millionen Einwohner? Nein, ebenso wenig wie Sie der Kulturwächter sind. Also, noch haben Sie 6 Monate Zeit, das Ruhrgebiet zu erleben. Wenn Sie denn wollten.
Bei dieser langweiligen Herren- bis Altherrenriege um Fritz Pleitgen und Dieter Gorny (der Managerprofessor, der Kulturwirtschaft predigt und wenn er bei Firmen in der Verantwortung stand, so kompetent handelte, dass diese Firmen unter seiner Ägide meistens von der Bildfläche verschwanden) verwundern diese Resultate überhaupt nicht.
Das Motto »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel« und die Romantisierung des Mythos Ruhr erinnern stark an den damaligen von Edmung Stoiber für Bayern verwendeten Slogan "Laptop und Lederhose" und der hat damals schon Zahnschmerzen verursacht.
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