Von »Gentrifizierung« hat Gerda Baron noch nie gehört. Sie weiß nicht, dass Soziologen mit diesem Begriff ihr Viertel beschreiben, die Dresdner Neustadt. Und damit auch die Kamenzer Straße, in der die 71-Jährige ihr Leben lang gewohnt hat. Bis jetzt.

Das Gebäude, in dem Gerda Baron zu Hause gewesen ist, hat den Eigentümer gewechselt; die neuen Eigentümer wollen mehr Profit aus der Immobilie holen, auf der Hofseite sollen Balkons angebaut werden. Wohnen für Besserverdiener – so könnte man »Gentrifizierung« übersetzen. Um mehr als zehn Prozent ist die Miete nun wieder gestiegen, es war nicht die erste Mietpreiserhöhung. Aber eine zu viel für Gerda Baron. Ende Mai ist sie an den Postplatz gezogen, in eine günstige Neubauwohnung auf der anderen Elbseite.

Die alte Dame hat eine Kurzhaarfrisur und ein erstaunlich junges Gesicht, kaum Falten, lebhafte Augen. Sie ist jung geblieben, wirkt aber trotzdem ein wenig wie von gestern – in einem Viertel, das sich ständig wandelt. »Dass ich aus der Neustadt wegziehen musste«, sagt sie, »war schlimmer als der Tod meiner Mutter.« Gerda Baron kann in der neuen Wohnung kaum noch schlafen. Sie sagt: Leid tue ihr der Wandel der Dresdner Neustadt zudem für Frau Pfeffer.

Seit einem Jahr betreibt Katja Pfeffer auf der Kamenzer Straße das »Müslihaus«. Die Idee hat sie von einer Australienreise mitgebracht. Getreide, Trockenfrüchte, Schokostücke verkauft sie nicht abgepackt, sondern aus Spendern an der Wand – zum Mitnehmen oder zum Probieren in ihrem kleinen Café. Auch sie hat einen neuen Mietvertrag bekommen, bezahlt nun fast doppelt so viel wie vorher. »Das ist hart, aber ich mache weiter. Mein Konzept funktioniert in Dresden nur in der Neustadt«, sagt die 30-Jährige. »Entdecke die Vielfalt« lautet der Werbespruch ihres Ladens.

Pfeffers Kunden sind auch ihre Nachbarn; Studenten, Singles, Familien. Vor drei Monaten wurde Pfeffers Tochter Mathilda geboren, die schläft hinten im Laden und wird von den größeren Kindern umsorgt, von anderen Müttern auf dem Arm geschaukelt. Neustadt-Miteinander. Jeden Morgen kam Gerda Baron vorbei, sagt Katja Pfeffer. Bis zu jenem Tag vor wenigen Wochen.

»Frau Baron war unsere gute Seele«, sagt Katja Pfeffer, »ein Mensch, der die Neustadt geprägt hat. Herzlich, neugierig, manchmal stur. Ich hoffe, dass die Atmosphäre hier nicht kaputt gemacht wird.«

Dresdens Äußere Neustadt, in der auf rund einem Quadratkilometer etwa 16000 Menschen leben, war immer etwas Besonderes. Von den Bewohnern geliebt, von manchen Außenstehenden mit Argwohn betrachtet. Die vom Krieg verschonten Gründerzeithäuser verfielen in der DDR. In diesem Arbeiterviertel, einst als »Bronx von Dresden« verschrien, ist Gerda Baron nach dem Krieg aufgewachsen. Zu acht in drei Räumen. Klosett auf dem Gang. Kohleheizung. Die letzten Kohlen habe sie vor zwölf Jahren an Studenten verschenkt, sagt Gerda Baron. 

Noch vor 20 Jahren wuchsen in der Neustadt Äste aus den Dachrinnen, die Innenhöfe lagen voll mit Schutt. Kurz vor dem Ende des SED-Regimes hatte dieses die Abrissbagger bestellt. Ganze Straßenzüge sollten Plattenbauten Platz machen. Am Ende fehlte dafür das Geld, und mit der Wende erhob sich Widerstand gegen den stadtplanerischen Umsturz. Die Bewohner wollten mitbestimmen, das Viertel selbst gestalten. Kreative, Künstler und Querdenker wie Jens Wonneberger, 50, ein Schriftsteller, der bereits 1980 in die Neustadt gezogen war. Seither hat er die Veränderungen im Viertel beobachtet – zum Beispiel die Euphorie der Nachwendezeit.

Die Bewohner fanden sich zu Baugemeinschaften zusammen, sie renovierten die verfallenen Häuser und erschlossen die Hinterhöfe. Kapitalanleger kauften Immobilien auf, investierten und sanierten. Restaurants zogen ein; die Äußere Neustadt wurde zum »Szeneviertel«, beinahe wie der Prenzlauer Berg in Berlin. Aber die große Rendite blieb aus, es kamen zu wenig solvente Neubürger, die Reichen wohnen hier noch immer anderswo, in Loschwitz oder Radebeul.