Finanzkrise In der SchuldenfalleSeite 2/2
Ein gutes Dutzend ähnlicher Zettel hängt allein in dem Straßenkarree hinter dem Madrider Bahnhof Atocha, wo Marta an diesem Morgen mit ein paar Hundert anderen Menschen bei der Hilfsorganisation Acogem ansteht. Ehrenamtliche Mitarbeiter verteilen Plastiktüten mit Grundnahrungsmitteln wie Zucker, Mehl, Nudeln und Öl. Für die Ersten in der Schlange, die vor der Tür übernachtet haben, ist auch Obst und Salat dabei. »Früher baten vielleicht 150, höchstens 200 Menschen um Essen. Inzwischen sind es jedes Mal bis zu 500«, sagt die Leiterin Cecilia Fernández Lozano. »Wir erleben ein Desaster, und es wird noch eine Weile andauern.«
Experten widersprechen der optimistischen Darstellung der Regierung, wonach bereits nächstes Jahr wieder neue Stellen geschaffen werden. Frühestens 2017 könnte das der Fall sein, rechnet die Rating-Agentur Standard & Poor’s vor. Daran wird auch die Lockerung des Kündigungsschutzes nichts ändern, die Zapatero auf Druck von EU, Währungsfonds und Finanzmärkten und ohne den Konsens der Gewerkschaften nun durchsetzen muss. Jobs, darin sind sich alle einig, wird es erst wieder geben, wenn die Wirtschaft anspringt. S&P hat aber auch die Wachstumsprognosen der Regierung von 1,3 Prozent im nächsten Jahr und 2,5 Prozent 2012 in das Reich der Träume verbannt. Die Agentur hat Spanien binnen eines Jahres von der Bestnote AAA auf AA herabgestuft.
Soziologen kümmern sich derweil um eine verlorene Generation. Junge Leute wie Carles, Juan Pablo, Fabiola, Yanira und die anderen, die noch bei den Eltern wohnen und diesen auf der Tasche liegen. Angehörige der sogenannten generación Ni-ni. Ni-ni, das heißt »Weder-noch«. Sie gehen keinem Beruf nach und studieren auch nicht, weil sie keinen Sinn darin sehen und jahrelang vorgelebt bekamen, dass sich Geld auch ohne Anstrengung verdienen lässt, indem man auf Immobiliengewinne spekuliert. Der Fernsehsender La Sexta hat ihnen eine eigene Serie gewidmet. Eine Mischung aus Big Brother und Super Nanny. Soziale Unruhen scheinen aber nicht zu drohen. Der Aufstand des öffentlichen Dienstes gegen die Sparmaßnahmen vorige Woche blieb aus, auch wenn die Gewerkschaften das Gegenteil behaupten. Und wenn sie nun zum Generalstreik gegen die Arbeitsmarktreform aufrufen, muss Zapatero die Gewerkschaften weniger fürchten als den Widerstand der konservativen Opposition bei der Abstimmung im Parlament. Die sieht zwar die Notwendigkeit der eingeleiteten Maßnahmen, aber noch mehr lockt sie die Chance, selbst an die Regierung zu kommen.
»Das ist keine Krise, sondern der Beginn einer neuen Ära«
Spaniens Sparkassen, die mehr als die Hälfte der Immobiliendarlehen schultern, versuchen inzwischen, sich mit Zusammenschlüssen gegenseitig zu stützen. Jahrelang hatte die Zentralbank vergeblich eine Konsolidierung der 45 stark mit den politischen Führungen der Regionen verbundenen cajas gefordert. Zuletzt musste sie zwei überschuldeten Instituten beispringen. Ende vergangener Woche aber vereinbarten nun Caja Madrid, Bancaja aus Valencia und mehrere kleinere Institute ihren Zusammenschluss zur künftig größten spanischen Sparkasse. Sie sollen dafür fast 4,5 Milliarden Euro aus einem spanischen Restrukturierungsfonds erhalten. Die beiden galicischen Sparkassen Caixanova und Caixa Galicia verabredeten am Montag ihre Fusion.
Ist es vorauseilender Gehorsam, da Währungsfonds und EU im Falle eines Rettungspakets für Spanien dies ohnehin fordern würden? Manche Experten interpretieren das so. Fernando Encinar ist einer der wenigen, die der gegenwärtigen Lage Positives abgewinnen können. Der Betreiber der Website Idealista.com, die sich dem Immobilienmarkt widmet, hat sein Büro gleich neben dem Parlament in Madrid. Dort klickt er an seinem Computer von einer Grafik mit nach unten sausender Kurve zur nächsten und sagt frohgemut: »Das ist keine Krise, sondern der Beginn einer neuen Ära. Wir werden wieder lernen, Geld wertzuschätzen, weil wir uns anstrengen müssen, um es zu verdienen.« Es sei wie bei einer Diät. »Zuerst ist der Gedanke ganz furchtbar, dass man das Stück Kuchen oder die Schokolade nicht mehr essen darf. Aber mit jedem Kilo, das man verliert, fühlt man sich auch besser.« Arbeitslose wie Marta sehen das vermutlich anders.
- Datum 16.06.2010 - 18:08 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 17.06.2010 Nr. 25
- Kommentare 12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Die Situationsschilderung ist korrekt, doch immer noch leben viele Spanier in der realitätsfremden Welt von gestern. Die Krise ist bei vielen Bürgern noch nicht angekommen, weil sie nicht verstehen können, dass die Krise auch ihre Opfer einfordern wird. Es ist für sie unverständlich, dass man in Deutschland nicht die Höchstrente bekommt, wenn man aus Krankheitsgründen nicht mehr arbeiten kann. Sie verstehen nicht, dass man in Deutschland nicht jedes Jahr den in Spanien gesetzlich zugesprochenen Inflationsausgleich bekommt, und vor allem haben sie noch nicht verstanden, dass das Geld nicht aus dem Automaten kommt, sondern erwirtschaftet werden muss.
es gibt eine Gruppe von Leuten in D-land, die all die von ihnen beschriebenen Leistungen erhalten und es sind die Selben die auch in Spanien am rumschreien sind. Und der Preis geht an ja die Beamten, übrigens beträgt die Mindestvergütung bei Frühverrentung als bei mindestens 5 Dienstjahren bei 1.225 Euro (Stand 2001) für Ledige, also mehr als die meisten Bürger dieser Tage bekommen.
Nur die Beamten in D-land sind so clever nicht zu maulen, um nicht das Volk auf die Barrikaden zu bringen, dass dann vielleicht fordern könnte an ihre Besitzständen ranzugehen.
Eine Studienkllegin hat mir letztens gemailt, dass sie nur noch einen Tag im Amt ist und die restliche Zeit zu Hause arbeiten darf, wobei ihr dortiges Arbeitspensum bereits um 10 Uhr erledigt ist uhd sie auch noch die Zeit hatte ein Fernstudium zu absolvieren. Da lobe ich mir die Staatsangestellten hier in Canada die jederzeit gekündigt werden können, was sich unheimlich auf ihre Tätigkeit auswirkt.
es gibt eine Gruppe von Leuten in D-land, die all die von ihnen beschriebenen Leistungen erhalten und es sind die Selben die auch in Spanien am rumschreien sind. Und der Preis geht an ja die Beamten, übrigens beträgt die Mindestvergütung bei Frühverrentung als bei mindestens 5 Dienstjahren bei 1.225 Euro (Stand 2001) für Ledige, also mehr als die meisten Bürger dieser Tage bekommen.
Nur die Beamten in D-land sind so clever nicht zu maulen, um nicht das Volk auf die Barrikaden zu bringen, dass dann vielleicht fordern könnte an ihre Besitzständen ranzugehen.
Eine Studienkllegin hat mir letztens gemailt, dass sie nur noch einen Tag im Amt ist und die restliche Zeit zu Hause arbeiten darf, wobei ihr dortiges Arbeitspensum bereits um 10 Uhr erledigt ist uhd sie auch noch die Zeit hatte ein Fernstudium zu absolvieren. Da lobe ich mir die Staatsangestellten hier in Canada die jederzeit gekündigt werden können, was sich unheimlich auf ihre Tätigkeit auswirkt.
sind also in zunehmendem Masse zornig auf die beschlossenen (keineswegs durchgesetzten!) Sparmassenahmen der Regierung. "Gewerkschafter, Beamten, Arbeitslose und Einwanderer" – genau das sind natürlich auch die treibenden, die produktiv-kreativen Kräfte der Gesellschaft, die ein Land vorwärts bringen und auf die es besondere Rücksicht zu nehmen gilt…
Ich hatte denselben Gedanken!:)
Ihr Beitrag läßt mich grinsend in die Nacht entschwinden!
Ich hatte denselben Gedanken!:)
Ihr Beitrag läßt mich grinsend in die Nacht entschwinden!
Ich hatte denselben Gedanken!:)
Ihr Beitrag läßt mich grinsend in die Nacht entschwinden!
es gibt eine Gruppe von Leuten in D-land, die all die von ihnen beschriebenen Leistungen erhalten und es sind die Selben die auch in Spanien am rumschreien sind. Und der Preis geht an ja die Beamten, übrigens beträgt die Mindestvergütung bei Frühverrentung als bei mindestens 5 Dienstjahren bei 1.225 Euro (Stand 2001) für Ledige, also mehr als die meisten Bürger dieser Tage bekommen.
Nur die Beamten in D-land sind so clever nicht zu maulen, um nicht das Volk auf die Barrikaden zu bringen, dass dann vielleicht fordern könnte an ihre Besitzständen ranzugehen.
Eine Studienkllegin hat mir letztens gemailt, dass sie nur noch einen Tag im Amt ist und die restliche Zeit zu Hause arbeiten darf, wobei ihr dortiges Arbeitspensum bereits um 10 Uhr erledigt ist uhd sie auch noch die Zeit hatte ein Fernstudium zu absolvieren. Da lobe ich mir die Staatsangestellten hier in Canada die jederzeit gekündigt werden können, was sich unheimlich auf ihre Tätigkeit auswirkt.
superrepraesentativ fuer alle Beamten, nicht wahr? In der Privatwirtschaft gibt es natuerlich niemanden weit und breit, der, wenn er ehrlich und voll konzentriert 3-4 Stunden arbeiten wuerde, sein produktives taegliches Pensum auch schon erledigt haette.
superrepraesentativ fuer alle Beamten, nicht wahr? In der Privatwirtschaft gibt es natuerlich niemanden weit und breit, der, wenn er ehrlich und voll konzentriert 3-4 Stunden arbeiten wuerde, sein produktives taegliches Pensum auch schon erledigt haette.
Dieses Dictum dürfte auch für uns zutreffen. Große Krisen verursachen stets große Veränderungen, und es ist eher unwahrscheinlich, dass bei uns eines Tages alles wieder genau so wird wie vor der Krise, obschon einige noch an dieser Illusion hängen.
...müsste die EU den Iberern womöglich Kredite gewähren.
Frau Finckenzeller hat sich die Arbeit leicht gemacht; vielleicht sogar bei den Kollegen anderer Blätter abgekupfert.
Inzwischen ist auf EU-Ebene ganz klar festgestellt worden, dass die Art Spekulationen gezielt aus Deutschland kommen und - wie das so bei Spekulationen ist - keine Grundlage haben.
Die Märkte haben das auch bestätigt - man kann das schnell nachschauen.
Die spanischen Banken haben einen Anstieg säumiger Kunden - und trotz der von der Zentralbank vorgeschriebenen Zahlungen in einen Reservefond in den letzten drei Jahren Gewinne um die 8 Milliarden Euros eingefahren. Die spanischen Banken stehen einsam gesund da, kann man in ihren Jahresberichten nachlesen.
Die spanischen Sparkassen sind NICHT mit den deutschen zu vergleichen. Jedes Land (Autonomie) in Spanien benutzt die "Sparkassen", um die eigenen Projekte zu finanzieren, Schulden zu machen, ohne abzuwarten, bis das Geld aus Madrid kommt. Diese Säumiger sind sind KEINE Privatpersonen oder Gesellschaften. Die Kredite werden - irgendwann Mal - bezahlt. Das ist ein Problem - aber keine Krise! Und die "Last" ist schon zu ertragen, keine Sorge.
Die Staatsverschuldung ist um über 20% niedriger als die D-lands; das Haushaltsdefizit wird mit Einsparungen zwischen 15 und 20 Milliarden auf die EU-Forderungen getrimmt werden - nicht wie in Deutschland mit 80 Mill.
Der Artikel scheint wirklich SEHR sorgsam recherchiert - meine Hochachtung, Frau F.!
MfG
So eine Krise ist natürlich eine super Gelegenheit für die ewigen Besserwisser, für all die "habe ich ja schon immer gesagt"; und natürlich für all die, die immer noch glauben, dass Arbeitslose eine Gattung für sich sind - "irgendwie zu dumm zum Arbeiten" - "aber wahrscheinlich wollen die gar nicht arbeiten" -"haben nie richtig arbeiten gelernt" - "na, ja, wie die Ossis eben, oder Griechen; und jetzt die Spanier - kennt man ja".
Und demnächst vielleicht die Ungarn, und dann die Belgier - wobei in Belgien das ganz klar an den Wallonen liegt - sagen die Flamen - ...und die sind ja fast schon Franzosen, und Franzosen und arbeiten - "mein Gott, das kennt man ja: sind immer auf der Straße anstatt zu arbeiten...".
Es hat wahrscheinlich nicht viel Sinn, hier zu erklären, dass sich die Leute ihre Krisen nicht unbedingt immer aussuchen, ...dass sie viellsicht nur zufällig geglaubt haben, was ihnen diese ganzen neo-liberalen Rechten - und Linken - seit dreißig Jahren erzählen - genau die, die jetzt plötzlich sagen: "na so geht's natürlich nicht". Die plötzlich Milliarden Euro auftreiben, damit auch ja alle noch ihre Boni bekommen, und dann natürlich bei Hartz IV, Blindengeldpauschale kräftig sparen - während man dann nebenbei doch noch seine Diäten erhöht ...trifft eben nicht alle gleich. Vielleicht sollte man sich einfach so 'ne Villa in Spanien kaufen - Schnäppchen - mit Putzfrau aus Ecuador...
Ach ja, und viel, viel Glück noch - man weiß ja nie, wer der nächste ist...
superrepraesentativ fuer alle Beamten, nicht wahr? In der Privatwirtschaft gibt es natuerlich niemanden weit und breit, der, wenn er ehrlich und voll konzentriert 3-4 Stunden arbeiten wuerde, sein produktives taegliches Pensum auch schon erledigt haette.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren