Die jüngsten Großpremieren bei den Wiener Festwochen sind, jede auf ihre Art, eher Leseabenteuer als Dramen: Man spielt vor, was man gelesen hat. Peter Stein lässt Dostojewskijs Roman Dämonen von 25 Schauspielern spielen, 12 Stunden lang. Frank Castorf lässt auf der Bühne ein Tschechow-Schauspiel (Drei Schwestern) und eine Tschechow-Erzählung (Die Bauern) donnernd zusammenstoßen, als sei durch den Zusammenstoß etwas Drittes, ein höherer Tschechow, zu gewinnen; es ist dann aber doch nur alles Castorf. Und Luc Bondy, der Schauspielchef der Festwochen, hat die Helena des Euripides (in neuer Übersetzung von Peter Handke) in einer Freiluftbibliothek an nächtlichem Strand inszeniert. Was hier stattfindet, ist eher ein Lesen als ein Leben.

Karl-Ernst Herrmann, der große Bühnenbildner, hat für Luc Bondys Antike den idealen Ort erfunden: die Bibliothek, welche ans Meer grenzt. Gegen den natürlichen Ozean schiebt sich ein zweiter, ebenso wilder: der Ozean des Erzählens.

Bondy hat kürzlich gesagt, dass die Antike ihm einigermaßen fremd sei, und so ist es schlüssig, dass der Chor, der auf der Bühne des Wiener Burgtheaters agiert, in einer Textburg zu Hause ist. Ein Kollektiv von jungen, sich verführerisch räkelnden, hellwachen Leserinnen holt aus den Büchern die Geschichte heraus, die auf der Bühne gespielt wird. Hier sprechen die Quellen zu uns, ohne sie wäre der Regisseur nichts. Ohne den Chor wäre auch Helena verloren; sie erfährt von den Deuterinnen und Souffleusen, was bisher geschehen und was jetzt zu tun ist.

Helena, die schönste aller Frauen, sitzt seit 17 Jahren auf der ägyptischen Insel Pharos fest, wohin der Gott Hermes sie entführt hat. Eine phantomhafte zweite, falsche Helena, von der rachlüsternen Göttin Hera erschaffen und ins Spiel geworfen, ist anstelle der wahren Helena von Paris nach Troja entführt worden. Helenas Ehemann, Menelaos, zog mit dem griechischen Heer gen Troja, der falschen Helena hinterher, und legte Troja in Schutt und Asche.

Die echte Helena ist in einer Situation, die heute von vielen Fantasy-Kunstwerken, Filmen, Spielen, Büchern, durchgespielt wird: Sie ist das Opfer einer Doppelgängerin, die in ihrem Namen durch die Welt geistert und Unheil stiftet.

Birgit Minichmayr, die berühmteste Wiener Schauspielerin dieser Jahre, spielt die Helena in einem vom Wind leicht zu lüpfenden, auf Enthüllung hin geschneiderten Kleid – als treibe sie ihr Liebesspiel ausschließlich mit den Elementen. Denn sie wartet auf Menelaos, ihren Mann, und hält sich den Barbarenkönig Theoklymenos vom Leib, der sie will. Zu Beginn des Spiels steigt sie vom Bücherturm vorn links, in dem sie wohnt, ein Wesen zwischen Leben und Lektüre, und erzählt uns ihre Geschichte. Sie tut es so ungeduldig, als wäre sie die Dozentin ihres eigenen Falls, den sie nun, da lauter Ahnungslose vor ihr sitzen, zum zigfachsten Mal erläutert. Minichmayr, deren Stimme stets so klingt, als risse sie die Worte von einem Bogen Pergament (oder als risse ihr der Text kleine Fetzen aus den Stimmbändern), ist eine manchmal etwas penetrante Authentizitätsspielerin, eine Selbstverbrennerin, die dem eigenen Flammengezüngel gern zusieht. Zur Helena-Rolle passt dieses Ich-kann-nicht-anders-Pathos aber gut: Denn Helena, heiser, knurrend, muss in jedem Wort die Unverwechselbarkeit der eigenen Stimme erproben. Sie muss sich ja immerzu wehren gegen den Verdacht, eine Falsche zu sein. Mehr noch: Diese hier, die echte Helena, misstraut sich selbst. Weiß sie denn, wer da noch alles unterwegs ist in ihrem Namen – wie viele Inkarnationen, Nebelbluffs, Wesenswolken?

Also erprobt sie, ob ihre Zuhörer ihr den haarsträubenden Plot – Helena I und II, Luftspiegelung, Doppelwesen – auch glauben. Auch ihre kaum verhüllte Blöße ist eine didaktische: Wir sollen uns vorstellen können, was die andere, falsche Helena in Troja angerichtet hat mit diesem Leib. Als dann ihr Mann, Menelaos (Ernst Stötzner), zu ihr zurückkommt, ein in Segeltuch gewickelter Schiffbrüchiger, glaubt der ihr erst nicht, dass sie die Richtige sei: Der Krieg erscheint ihm wirklich – "Nicht aber du".