Netzpolitik Der König und die Piraten

Bundesinnenminister Thomas de Maizière will die Rolle des Staates im Internet stärken – aber auf die sanfte Tour

Der Innenminister Thomas de Maizière

Der Innenminister Thomas de Maizière

Mitte Mai, das Logenhaus in Berlin, ein Stadtpalais von 1913. Es ist kurz nach drei, und Thomas de Maizière ist zu spät. Wird er überhaupt kommen? Zwei Tage vorher hat er in Brüssel bis zum Morgengrauen um die Rettung des Euro gerungen. Und jetzt stehen drei Stunden in seinem Kalender, eingeplant, um über das Internet zu reden.

Vor Wochen schon, als Griechenland noch nach Urlaub klang, hatte de Maizière (CDU) zum »Netzdialog« ins Logenhaus eingeladen, zu einer Art Islamkonferenz für den Cyberspace. Ihre Teilnehmer waren bislang eher durch gegenseitige Abneigung miteinander verbunden. Beamte, Unternehmer, Juristen, Netzaktivisten. Erstes Abtasten, Visitenkarten wandern über den Tisch. Manche Teilnehmer bloggen oder twittern live aus dem Saal. Vor einem Jahr wäre ein solches Treffen noch unmöglich gewesen. Da galt der Staat noch als Synonym für Netzsperren, Zensurversuche, »Stasi 2.0«.

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Jetzt aber, eine gute Stunde zu spät, betritt der Vertreter dieses Staates den Raum: ein schmaler Mann mit kantiger Brille und tiefen Schatten unter den Augen. Er habe in der FDP-Fraktion für den Euro-Rettungsschirm werben müssen, das habe ein wenig länger gedauert, entschuldigt sich de Maizière. Und verspricht, die verlorene Stunde an die Diskussion dranzuhängen.

Seit Thomas de Maizière Innenminister geworden ist, hat er die Netzpolitik für sich entdeckt. Er spricht vom kulturellen Wandel durch das Internet, vergleicht den Umbruch mit der industriellen Revolution. Und sieht natürlich, dass die Politik unter Druck geraten ist: erst die desaströse Außendarstellung beim Streit um die Kinderporno-Sperren, dann der Erfolg der Piratenpartei bei der Bundestagswahl, zuletzt die Niederlage vor dem Verfassungsgericht in Sachen Vorratsdatenspeicherung. Dazu kommen knallharte rechtliche Probleme: Das traditionelle Urheberrecht ist durch illegale Downloads ausgehöhlt. Google macht im Netz so ziemlich, was es will. Und die Versuche von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), dem Internet-Giganten Facebook ein wenig mehr Datenschutz beizubringen, wirken eher hilflos.

De Maizière stört das Isolierte solcher Initiativen. »Ich will, dass wir ein paar Fragen konsistent beantworten und dann deduktiv vorgehen – was heißt das für die Strafverfolgung? Was heißt das für die Datensicherheit?« Anders gesagt: Der Innenminister will eine digitale Agenda. Eine grundlegende Antwort auf die Frage nach der Rolle des Staates im Cyberspace.

Das ist ein ambitioniertes Vorhaben. »Ja«, sagt de Maizière, »das geht nicht in vier Jahren. Aber der Ansatz ist überfällig.«

Man weiß nicht recht, worüber man mehr staunen soll: über den gestalterischen Ehrgeiz? Oder darüber, dass überhaupt noch ein Minister dieser Koalition für die nächsten vier Jahre plant?

Leser-Kommentare
  1. Ich habe bei der D21 die Rede auf der Jahreshauptversammlung gesehen. Ein [...] Internethasser, der stolz darauf ist, dass er nicht selbst Trivialitäten ausdruckt, sondern seine Mitarbeiter. Der es toll findet, während des Studiums in der Cafeteria der Bibliothek seine Kumpels getroffen hat, und der sich nicht vorstellen kann, das Studenten heute im Internet recherchieren, statt wie er in Bibliotheken seine Studienzeit zu verplempern (mit diesem katastrophalen Ergebnis) und trotzdem mehr Kumpel treffen, als er je gehabt hat.

    Dieser Mann ist ungeeignet, den Staat endlich auch ins 21.ste Jahrhundert zu bringen. Gott sei Dank bricht diese Regierung in den nächsten Wochen zusammen und wir können uns um Probleme kümmern. Ein paar Stichworte:

    Zugangserschwerungsgesetzt: Das BMI hat da BKA angewiesen, geltendes Recht nicht anzuwenden. Unfassbar, dass de Maziere das Internet im eigenen Haus für einen rechtsfreien Raum hält.

    Urheberrecht: Der BGH bürdet den WLAN-Betreibern ohen Rechtsgrundlage Pflichten wegen des Urheberrechtes auf, anstatt dass die Urheber sich selber drum kümmern. Warum drehen wir das Urheberrecht nicht vernünftig um, so dass Urhaber Content, den sie beschränken möchten, sicher verschlüsseln und mit DRM-Systemen versehen. Warum dürfen Urheber alles frei in das Internet blasen, ohne sich um Beschränkeungen zu kümmern?
    Bitte drücken Sie Ihre Kritik in Zukunft ein wenig aggressionsloser aus und verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/vv

  2. Durch das Pennen der Regierung sind Abmahnanwälte mittlerweile so frech, dass sie ohne Altersverifikation Einmallizenzen für harte Pornografie eintreiben wollen. Und das BMJ versucht immer mehr Lasten den Bürgern aufzualden, bis hin zu dem Blödsinn, dass ISPs als Hilfsorgane der Staatsanwaltschaft "ohne in den Inhalt reinzusehen" Warungen aussprechen sollen: "Dein Download ist illegal!". Warum sollen Bürger und Kunden von ISP dafür zahlen, dass Contentrechteinhaber ihren Content nicht ordentlich sichern? Wer seinen Content nicht ordentlich sichert, stellt ihn in die Public Domain. Open Source, frei zugänglich und verwertbar für jedermann. Fertig. Ich stelle doch auch keine Polizisten hinter Fotokopierer oder öffen jeden Brief bei der Post. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, auch wenn CDU/CSU/FDP das immer noch für sich glauben.
    Geodaten: hier Zeigt sich De Maizieres Weltfremdheit am deutlichsten. Vor vier Jahren habe ich den versammelten Rechteinhabern der öffentlichen Hand vorgetragen, dass sie mit ihrer Geldgier den Content nicht auf die Strasse bekommen, Vor zwei Monaten habe ich wieder recherchiert, weil ich selbst Geodaten kaufen musste. Das Angebot ist grober Unfug, jedes Bundesland anders, zu teuer. Ich kaufe bei Microsoft Bing Maps.

  3. Dieser mann muss weg. Er schadet dem Internet mehr als er nutzt. Er hat Schwierigkeiten mit unserem Rechtsstaat (Zugangserschwerungsgesetz und Vorratdatenspeicherung). Wenn weiter so das Internet vom BMI torpediert wird, bekommt er die harte Hand des Volkes zu spüren: Verfassungsgericht, Petition, Bürgerinitiativen.

    Der Internetboykott durch die öffentliche Hand muss endlich ein Ende haben.

  4. "Bundesinnenminister Thomas de Maizière will die Rolle des Staates im Internet stärken – aber auf die sanfte Tour"

    man könnte auch sagen, dass mit de maiziere die etablierung der piratenpartei verhindert werden soll. was, betrachtet man die zahlen, funktioniert hat. man hat den bei der netzgemeinde ungeliebten schäuble woanders zum gärtner gemacht und auch zensursula aus der schusslinie bewegt, nach außen hin also bei der abschaffung der internetfreiheit einen gang heruntergeschaltet.
    dem mögen manche der jungen auf den leim gehen. wer schon länger verfolgt wie politik funktioniert, der weiß, dass es hinter den kulissen weitergeht wie gehabt. der widerstand wird ruhiggestellt, bis das sparpaket gegen die armen durch ist, dann geht es weiter. ein mittel dagegen war einst schon mal erfunden: solidarität.

    würden die opfer der bildungspolizik, die freunde eines freien internet, die geschröpften armen, die arbeitnehmer, die krankenversicherten und die kriegsgegner zueinander finden, dann könnte die regierung nicht abwechselnd eine der gruppen bekämpfen, während sich die anderen in konferenzen stillhalten lassen.

    • root32
    • 20.06.2010 um 13:22 Uhr

    ich bin einfach nur noch sprachlos

    @jon dark & @bauer0816

    ihr habt schon alles gesagt und so ist es!!!

    @die Redaktion/vv

    wenn man immer das gleiche gewäsch mur in einer anderen farbe hört verliert man irgendwann die "freundliche" ausdrucksweise

  5. Wenn es denn noch Politiker gibt, die unaufgeregt und vernunftorientiert versuchen, in dieser chaotischer werdenden Welt etwas für Ordnung zu sorgen, dann ist de Maizière einer der ersten von diesen Leuten. Wir sollten froh, sein ihn an dieser Stelle zu haben. Und wo gibt es sonst Politiker, die so offen sagen, noch keine fertigen Antworten auf manche Probleme zu haben.

    Er macht keinen Krawall in dieser Hühnerhaufen-Koalition, sondern arbeitet dafür ordentlich. Ich denke da mit grausen an den Aktionismus von Frau VdL.

  6. solche Artikel wie dieser sind in meinen Augen der wahre Grund für den Niedergang der etablierten Zeitungen und Verlage. Wo ist hier die kritische Distanz zum Betrachteten? Es ist eine reine Nacherzählung aus der Sicht de Maizieres, inklusive des subtilen Lobes an diversen Stellen.
    Gerade von der Zeit hätte ich da etwas mehr Medienkompetenz erwartet.

    Natürlich ist de Maiziere als "Sicherheitsminister" ein Widersacher der "Freiheitsaktivisten" rund um AK Zensur, Piratenpartei und andere. Und wer sich die Mühe macht auch einmal selbst zu recherchieren der bemerkt dann eben, dass er jedem das erzählt was er hören will, er aber im Prinzip die Politik seiner Vorgänger fortsetzt.

    OT: ich halte den Registrierungsvorgang für Kommentare auf dieser Seite für rechtlich fragwürdig, muss man doch die AGB hier akzeptieren ohne diese bei der Bestätigung lesen zu können.
    Versteht mich nicht falsch: niemand liest den Kram, aber man muss doch die Möglichkeit haben sie zu lesen, bevor man zustimmt, oder nicht?

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