Im Lager, schreibt Iwan Dmitrijewitsch Solonowitsch, "begann für mich der Schrecken des Krieges". Im November 1940 ist er, gerade 19 Jahre alt, eingezogen worden. Wenige Wochen nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 entrinnt er, schwer verletzt, nur knapp dem Tod. Neun Monate später schickt man den jungen Mann erneut an die Front, auf der Krim kesseln die Deutschen seine Einheit ein. Solonowitsch wird ins Reich verschleppt, in ein Kriegsgefangenenlager in Hagen.

Drei Jahre lang leistet er dort Zwangsarbeit, zuerst auf einer Baustelle, dann als Fräser in einer Fabrik. "Die Menschen", berichtet er, "waren dünn und entkräftet, mit weißen Gesichtern." Täglich gab es Tote. "Das Essen war kalorienarm, sehr bescheiden: Es wurden ein bisschen Rüben geschnitten, dazu Wasser. Das war’s." Die Gefangenen werden geschlagen, "mit einem Gummistock oder einem Eisenstab".

Rund 5,7 Millionen sowjetische Soldaten geraten während des Feldzugs der Wehrmacht in deutsche Gefangenschaft, und da sie den Nationalsozialisten als Untermenschen und Agenten der "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" gelten, sind sämtliche Kriegskonventionen außer Kraft. Jeder zweite Rotarmist in deutscher Kriegsgefangenschaft kommt ums Leben (zum Vergleich: Bei den Gefangenen aus westlichen Armeen lag die Sterbequote bei 3,5 Prozent). Die Soldaten erfrieren winters auf tagelangen Transporten in offenen Waggons von Russland nach Deutschland. Sie verhungern, krepieren an Krankheiten in den Gefangenenlagern im Reich. Sie werden durch die Zwangsarbeit systematisch zu Tode geschunden, werden erschossen oder totgeprügelt. Die ersten Menschen, die die Deutschen in Auschwitz ins Gas schicken, sind sowjetische Kriegsgefangene. Insgesamt drei Millionen von ihnen sterben. "Ich wundere mich, dass ich damals überlebte", schreibt Iwan Solonowitsch. "Jetzt bin ich schwer krank. Meine Beine, Hände, mein Magen tun weh. Alles tut weh. Meine Seele tut auch weh."

Eine Entschädigung erhielten die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen nie. Ihre Schicksale interessierten nicht, weder in der Bundesrepublik noch in der DDR, oder wurden über die eigenen Leiden vergessen; in der Sowjetunion behandelte man sie als "Verräter", die sich den "Faschisten feige ergeben" hätten. Nur kurzzeitig schien eine Kompensation in Aussicht zu stehen – im Jahr 2000, als nach fast 50 Jahren Streit endlich die Entschädigung der Zwangsarbeiter beschlossen wurde. Auch der damals 79-jährige Iwan Solonowitsch stellte 2001 einen Antrag bei der Bundesstiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Die Antwort erfolgte prompt, rund 20.000 ehemalige Kriegsgefangene erhielten sie, in sachlichem Ton wurde darin auf Paragraf 11 Absatz 3 des Stiftungsgesetzes verwiesen: "Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung."

Solonowitsch und Tausende andere empfanden die Absage als schwere Demütigung: Schließlich haben auch sie Zwangsarbeit geleistet und unter KZ-ähnlichen Haftbedingungen gelebt – so wie es das Stiftungsgesetz an anderer Stelle zur Bedingung für eine Entschädigung erhebt. Weshalb aber werden sie nicht berücksichtigt? Eine Frage, die hierzulande lange niemand stellt. Und so dauert es weitere sechs Jahre, bis Solonowitsch abermals Post aus Deutschland bekommt – auf die er diesmal, tief bewegt, mit einer Erzählung seiner Lebensgeschichte antwortet. Absender des Briefes ist ein kleiner Verein aus Berlin, der sich "Kontakte" nennt und Spenden für die vergessenen Opfer des NS-Terrors sammelt .

2003 hat dessen Vorsitzender Eberhard Radczuweit von den abgelehnten Anträgen erfahren. Seither geht man den Fällen nach, recherchiert – mit ehrenamtlichen Helfern – die Lebensläufe und überprüft sie auf Glaubwürdigkeit. Noch, schätzt Radczuweit, leben 4000 bis 5000 ehemalige Rotarmisten, die nach Deutschland deportiert worden sind.