Apropos Gott. Nina Hagen flattert mit einer Art Federboa auf dem Kopf und einer abgeschrammelten Gitarre auf die kleine Bühne in Rheinsberg. Dem Paradies mit Schloss, Wasser und Wald. Endstation Rheinsberg. Letzte Station der Lese- und Konzertroute von Nina Hagen. Bekenntnisse heißt das Buch, aus dem sie liest, und bekennen kann sie sich endlich nach 55 Jahren Probezeit auch ohne Ufo, Buddha oder LSD ganz einfach zu Gott, zu Jesus Christus – ohne alles bitte.

Denkt man an Nina Hagen, denkt man an Wahnsinn, gesprengte Talkshowrunden und Ufos. Ganz falsch ist das auch nicht. Wenn sie über Jesus Christus referiert, läuft zuallererst die Dramaturgie und dann der rote Faden weg. "Ihr braucht keine Angst vor mir zu haben, ich sehe erwachsen aus", sagt sie, "ich bin es aber keineswegs."

Ninas christliches Versprechen: "Wenn alle Menschen an Jesus Christus glauben, gibt es nichts Böses mehr in der Welt und auch keine Verkehrsunfälle, und die Menschen müssen sich auch nicht mehr so anschreien." Halleluja. "Die sind ja alle wahnsinnig und durchgeknallt, die Machthaber alle", sagt sie und verirrt sich in eine lange Predigt. "Aber ich hasse George Bush nicht, ich bete für ihn."

Was für die meisten Ostdeutschen der neue Farbfernseher mit 100 Programmen war, war für Nina Hagen die Religion. Sie zappte sich ganz einfach durch Buddhismus, Drogen und Ufo. Das alles aber nur: ein Windstoß. Nichts, was Nina Hagen wirklich umwerfen konnte, höchstens die Klischees, die man von ihr im Kopf hat.

Das beginnt zum Beispiel damit, dass sie den Gospel We Shall Overcome auf eine Weise singt, dass es schwer zu sagen ist, ob man das Lied überhaupt jemals zuvor gehört hat. Während sie singt, ist alles ganz klar, kein Chaos, kein Verirren mehr, nur unerhörtes großes Bitten in der weit gespannten Stimme.

Ihrer Autobiografie hat sie ein Zitat aus dem Doors-Song Riders on the Storm vorangestellt: "Into this world we’re thrown: / like a dog without a bone, / an actor out alone." Der Hund ohne Knochen, erklärt sie, sei auch Nina ohne Liebe, der sie hinterherlaufe, worauf sie einen Brief an ihre Mutter liest, der auch im Buch abgedruckt ist. Darauf: Eine große, runde Kinderschrift: "Liebe Mama! Ich habe hir ser dolle Freude im Ferienlager. Und du hast mir doch noch nicht geschrieben. Und ich gucke immer dein Bild an. Eva-Maria Hagen. Du das ist mein Andenken von Dir. Und wir bauen im Wald ein Haus aus Stökern."