Finanzkrise Wer dreimal lügt

Es ist nicht wahr, dass gegen die Finanzkrise kein Kraut gewachsen ist. Sogar nationale Alleingänge helfen.

Börsenmakler an der New York Stock Exchange

Börsenmakler an der New York Stock Exchange

Drei Lügen prägen die Finanzkrise. Die erste entstand während des Booms. Diesmal ist alles anders, so hieß es, die Banken mit ihren genialen Innovationen hätten alle Risiken im Griff. Dann schickte der Crash Schockwellen durch die Welt, und die Politiker verteidigten ihre milliardenschweren Notmaßnahmen mit der zweiten Lüge: Es gebe keine Alternative. Die gibt es aber immer, wie zuletzt auch bei Griechenland. Man hätte nämlich die Griechen auch frühzeitig umschulden können, sodass die Gläubiger des bankrottgefährdeten Landes nur einen Teil ihres Geldes zurückbekommen hätten.

Die dritte Lüge macht es den Nationen schwer, neue Regeln für einen zahmeren Kapitalismus zu finden. Das gehe nur global, so lautet sie. Banken regulieren , Fonds überwachen , Spekulanten bändigen – nur wenn alle mitmachten.

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Am Wochenende treffen sich die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Nationen in Kanada, und während die Weltgemeinschaft als Notretter der Banken und der Konjunktur überraschend schnell zusammenfand, kommt sie beim Kapitalismus 2.0 kaum voran. Vielmehr reisen die Spitzenpolitiker schon desillusioniert an. Mit einer Bankenabgabe wollen Angela Merkel und Barack Obama die Geldhäuser an den Krisenkosten beteiligen – doch schon der reiche Westen ist sich uneinig, weil sich der Gastgeber Kanada sperrt. Mit einer Sondersteuer auf alle Geschäfte am Finanzmarkt will es Europa den Profizockern erschweren, täglich Abermilliarden um den Erdball zu verschieben. Doch der Rest der Welt blockt ab. Hedgefonds müssten überwacht werden, sagen Paris und Berlin . Bloß nicht, erwidert London, wo viele der Fonds sitzen.

Es gehe alles nur global – und deshalb gehe es gar nicht. Das sagen auch die Banken, um neue Regeln zu verhindern. Gerade erst haben EU-Abgeordnete einen Aufruf gegen die übermächtige Finanzlobby unterschrieben. Und doch reiten nicht bloß die Lobbyisten auf dem Argument herum. Auch Regierenden dient es als Entschuldigung. Doch wird es durch Wiederholung nicht wahrer, weder im Prinzip noch im Detail.

Im Prinzip fährt die Welt gut mit einem Wettbewerb der Systeme. Der deutsche Sozialstaat zum Beispiel ist größer als der amerikanische und schafft mehr Gleichheit – trotzdem ist die Bundesrepublik Exportweltmeister . Auch die Steuerstaaten sind verschieden. Warum also kein Wettbewerb um die besten Finanzregeln?

Auch im Detail erweist sich das Mantra als falsch. Angeblich drohen den Einzelgängern schlimme Folgen. Aber das Beispiel der Steuer auf Finanzgeschäfte spricht dagegen. Großbritannien lebt seit vielen Jahren glänzend mit einer ähnlich angelegten Börsensteuer. Und eine Bankenabgabe könnte sich sogar als Standortvorteil erweisen – würde sie gezielt nur auf besonders riskante Positionen in den Bilanzen erhoben.

Leser-Kommentare
  1. mal ein intelligenter Beitrag auf Zeit-online. Ich hab schon nicht mehr dran geglaubt.

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    • joG
    • 27.06.2010 um 16:02 Uhr

    ....dass Deutschland wieder von den Ausgaben der Anderen profitieren will indem es dorthin exportiert, wo die Wirtschaft wegen der Staatsausgaben wieder schneller läuft. Das nennt man Trittbrett fahren.

    Wir können davon ausgehen, dass das zu Sanktionen über Kurz oder Lang führt. Die ersten sahen wir bereits. Die Europäer zwangen Dr Merkel gegen ihren Willen die Südländer massiv zu stützen. Das wird aber viel weiter gehen als das. Wie wäre es, wenn man zB den Import von Autos verböte, die so gebaut sind, dass man sie ab Fabrik oder leicht modifiziert schneller fahren können als 120 Kmh?

    • joG
    • 27.06.2010 um 16:07 Uhr

    .....so kann ich Ihnen diesen Aufsatz empfehlen: http://www.economist.com/...

    • joG
    • 27.06.2010 um 16:02 Uhr

    ....dass Deutschland wieder von den Ausgaben der Anderen profitieren will indem es dorthin exportiert, wo die Wirtschaft wegen der Staatsausgaben wieder schneller läuft. Das nennt man Trittbrett fahren.

    Wir können davon ausgehen, dass das zu Sanktionen über Kurz oder Lang führt. Die ersten sahen wir bereits. Die Europäer zwangen Dr Merkel gegen ihren Willen die Südländer massiv zu stützen. Das wird aber viel weiter gehen als das. Wie wäre es, wenn man zB den Import von Autos verböte, die so gebaut sind, dass man sie ab Fabrik oder leicht modifiziert schneller fahren können als 120 Kmh?

    • joG
    • 27.06.2010 um 16:07 Uhr

    .....so kann ich Ihnen diesen Aufsatz empfehlen: http://www.economist.com/...

  2. Kleine geografische Lüge:
    Nicht "Amerika" sondern die Politiker der USA wollen, das andere Länder - so auch Deutschland - die Lasten der US-Politik-Fehler tragen sollen. Wir brauchen die USA, auch als Freunde, aber gute Freunde nutzen Freunde nicht aus und fordern frech deren Unterstützung ein (wie schon seit Jahrzehnten)!

    Frage: Gibt's da noch bessere Ideen?

    Ideeefix, Deutschland

  3. Bleibt zu hoffen, dass wir nicht wieder grausame Umfaller erleben.
    Der Mut zum Ideenwettbewerb und zu mutigem und auch zu zügigem Handeln ist mehr denn je gefordert.
    Dass die kapitalistisch-autoritären Systeme aktuell Erfolge gegenüber den Demokratien feiern, liegt nicht an einem Mangel in der Demokratie an sich sondern an einer falsch verstandenen kapital-lobbyistischen Demokratie, die zudem auf gebietsmäßig immer größeren Konsens ausgelegt ist und dadurch zunehmend jede Handlungsfähigkeit verliert und damit die dringeng erforderlichen Systemanpassung unnötig in die Zukunft verschoben werden. Genau in diesem Bereich verschaffen sich die kapitalistisch-autoritären Systeme heute ihre Vorteile, in dem sie schon reagieren bevor wir überhaupt richtig begonnen haben zu diskutieren. Soll nicht heißen, dass diese Systeme besser wären, soll aber heißen, dass unsere Politik gut beraten wäre, eine reaktionsschnelle Demokratie in kleinem Rahmen zu fördern. Zu den Lobbies sind hier aber ganz klar auch alle Gewerkschaftsbündnisse zu zählen, die sich immer mehr in der Rechtfertigung ihrer Existenz verlieren, als konstruktiv am Umbau zu einer nachhaltig ausgerichteten sozialen Marktwirtschaft zu beteiligen. Wo andere im Elend ersticken, drohen wir in unserem überbordenden Sozialstaat zu ersticken.

  4. Wenngleich:

    "Der deutsche Sozialstaat zum Beispiel ist größer als der amerikanische und schafft mehr Gleichheit – trotzdem ist die Bundesrepublik Exportweltmeister."

    Das sehr gewagt ist, wurde doch gerade zugunsten des Exportes Sozialstaat und Löhne beschnitten. Und das mit dem "mehr Gleichheit" stimmt wohl auch nicht mehr. Die Transfers laufen fast alle von der Mitte nach unten. Mit stolz geschwellter Brust einen riesigen Exportüberschuß als Erfolg anzuführen, sollte hingegen für jeden ernsthaften Ökonomen tabu sein. Weniger zu konsumieren, als man könnte, mag dem protestantischen Ethos entsprechen, wirtschaftlich sinnvoll ist es nicht. Schon gar nicht, wenn die Breite der Menschen nichts von den monetären Überschüssen abbekommt, die dadurch bankrott gehenden Staaten aber mit Bürgschaften und Steuergeldern auffangen muss.

    "Die Europäer sollten den Mut haben, ihre eigenen Maßstäbe in Gesetze zu fassen."

    Da kann ich nur zustimmen und nicht nur das: auch die Ausreden auf EU-Ebene hängen mir zum Hals raus. Sogar D ganz allein kann viel machen und wenn die anderen nicht mitziehen, schottet man sich halt ein bisschen mehr ab. Nach den Öffnungen und Liberalisierungen der letzten Jahrzehnte, dürfte da viel Spielraum sein.

  5. ist nur eine Politik in der Diktatur. Eine "alternativlose Entscheidung" ist gar keine. Das Primat der Spekulanten- und Finanzdiktatur will sich einfach nicht entmachten lassen. Der Euro soll "gerettet werden, egal was es kostet".

    Bezahlen soll die Mehrheit für diese alternativlosen Experimente. Wir leben in einem Irrenhaus, die Spitze verfolgt fixe Ideen, die sich bereits längst als Wahn heraus gestellt hat.

    Gespart wird in Deutschland seit 20 Jahren - im Gegensatz zu den anderen Industriestaaten. Lohnverzicht und Mehrarbeit wird weiterhin gepredigt und umgesetzt, bei über 6 Millionen Erwerbslosen und ca. 10 Millionen Geringverdienern.

    Nach uns die Sintflut, im wahrsten Sinne des Wortes handeln die Marktfanatiker. Ich bin froh, dass ich keine Kinder habe, ich wüsste nicht, wie ich ihnen das erklären sollte.

  6. so wie fast der ganze Euro-Raum.
    Das sollte man wirklich mal erkennen.
    Die einzige Alternative ist ein "Schnitt."

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    • joG
    • 27.06.2010 um 16:06 Uhr

    ....aus dem Economist dieser Artikel: http://www.economist.com/...

    Wenn man einen etwas weiteren Überblick sucht, so ist folgender Artikel ganz ordentlich: http://www.economist.com/...

    • joG
    • 27.06.2010 um 16:06 Uhr

    ....aus dem Economist dieser Artikel: http://www.economist.com/...

    Wenn man einen etwas weiteren Überblick sucht, so ist folgender Artikel ganz ordentlich: http://www.economist.com/...

  7. so wie es ein großer Amerikaner vorgemacht hat, in seinem Land.
    Billi Clinton.

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    Bill Clinton als großer Amerikaner? Das sehe ganz anders. Clinton hat die damals vorhandenen Möglichkeiten (Fannie Mae und Freddie Mac) umfunktioniert und entsprechende Gesetze/Verordnungen erlassen, die dann erst die Basis für die Immobilienblase schufen. Und die war bekanntlich dann der Startschuß für die Finanzkrise. Auch dürfte er erheblichen politischen Einfluß auf die FED ausgeübt haben, die dann das Ganze noch mit einer laschen Zinspolitik befeuerte.

    Damit Sie mich bitte richtig verstehen, ich bin sehr wohl für das Sparen bzw. das Reduzieren der Staatsverschuldung. aber Clinton uns allen erhebliche Scherereien eingebrockt. Groß ist anders.

    Bill Clinton als großer Amerikaner? Das sehe ganz anders. Clinton hat die damals vorhandenen Möglichkeiten (Fannie Mae und Freddie Mac) umfunktioniert und entsprechende Gesetze/Verordnungen erlassen, die dann erst die Basis für die Immobilienblase schufen. Und die war bekanntlich dann der Startschuß für die Finanzkrise. Auch dürfte er erheblichen politischen Einfluß auf die FED ausgeübt haben, die dann das Ganze noch mit einer laschen Zinspolitik befeuerte.

    Damit Sie mich bitte richtig verstehen, ich bin sehr wohl für das Sparen bzw. das Reduzieren der Staatsverschuldung. aber Clinton uns allen erhebliche Scherereien eingebrockt. Groß ist anders.

  8. Bill Clinton als großer Amerikaner? Das sehe ganz anders. Clinton hat die damals vorhandenen Möglichkeiten (Fannie Mae und Freddie Mac) umfunktioniert und entsprechende Gesetze/Verordnungen erlassen, die dann erst die Basis für die Immobilienblase schufen. Und die war bekanntlich dann der Startschuß für die Finanzkrise. Auch dürfte er erheblichen politischen Einfluß auf die FED ausgeübt haben, die dann das Ganze noch mit einer laschen Zinspolitik befeuerte.

    Damit Sie mich bitte richtig verstehen, ich bin sehr wohl für das Sparen bzw. das Reduzieren der Staatsverschuldung. aber Clinton uns allen erhebliche Scherereien eingebrockt. Groß ist anders.

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