Kritik an Schwarz-Gelb Trotzdem Respekt!
Wer heute die Politik scharf kritisiert, hat recht. Wer sie verächtlich macht, nicht
So katastrophal schlecht ist das Ansehen der amtierenden Politiker heute, dass man sie schon wieder verteidigen muss. Und zwar nicht aus Nachsicht für eine schwarz-gelbe Regierung, die auch für ihre Wähler bereits nach acht Monaten zur größten anzunehmenden Enttäuschung geworden ist. Sondern aus Sorge um die parlamentarische Demokratie in Deutschland, der wir Frieden, Freiheit und Wohlstand, kurzum: alles zu verdanken haben.
Es ist ja wahr: Diese Koalition wirkt abstoßend. Sie hat außer ihrem Management der Griechenlandkrise, das möglicherweise richtig war, obwohl der Ausgang dieser Rettungsaktion noch nicht absehbar ist, nichts vorzuweisen, was sich den Menschen positiv eingeprägt hätte. Die Folge ist der beispiellos tiefe und schnelle Absturz in der Wählergunst und eine weitere furchterregende Entfremdung der Bürger von der Politik, selbst in den Kreisen der einstigen natürlichen Verbündeten schwarz-gelber Regierungen. Wer heute etwa mit süddeutschen Unternehmern spricht, die sich immer noch etwas kokett »mittelständisch« nennen, auch wenn sie längst milliardenschweren Imperien mit Zehntausenden Beschäftigten vorstehen, dem schlagen Fassungslosigkeit und Wut entgegen: Man habe keine einzige Identifikationsfigur mehr in der Regierung, sie sei inkompetent wie keine zuvor.
Das Bild der Parteien ist heute ein Abbild der Gesellschaft
Das Problem dabei ist nicht die Kritik, sondern die allgemeine Verachtung, in die sie vielerorts umgeschlagen ist: Nicht die Regierung allein sei schlecht, sondern alle Parteien seien inzwischen unwählbar. Von da aus ist es kein großer Schritt mehr bis zur Konsequenz: Diese auf Kompromisse und Ausgleich von Interessen angewiesene Demokratie, vertreten durch oft durchschnittlich begabte und immer fehlbare Politiker, ist zur Lösung der ganz großen Aufgaben unserer Zeit nicht mehr geeignet.
Aber: Wann war das anders? Wer sind denn die Lichtgestalten der Vergangenheit? Und wo sind heute in anderen Bereichen unserer Gesellschaft die Beispiele für Integrität und Effizienz, die der Politik zum Vorbild gereichen könnten?
Natürlich fallen jedem die großen politischen Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte ein: Adenauer und Brandt, Schmidt und Kohl. Sie waren gezeichnet und moralisch motiviert durch die Erfahrung von Krieg und Diktatur, was aber eher ein Schicksal als ein Verdienst ist. Sie waren Ausnahmeerscheinungen in ihren Parteien, zu Staatsmännern wurden sie zum Teil auch erst im Rückblick. Aber der große Rest? Waren die Ministerpräsidenten Heinz Kühn (SPD, NRW) oder Max Streibl (CSU, Bayern) den heutigen Amtsträgern Kurt Beck oder Christian Wulff überlegen? Müssen wir Alfred Dregger (CDU, Hessen) oder Hans Filbinger (CDU, Baden-Württemberg) nachweinen, selbst wenn wir die umstrittenen Unionsgrößen Roland Koch oder Stefan Mappus vor Augen haben? Und bei allem Respekt vor dem Aufstieg und der Leistung von Joschka Fischer – ist die Selbstetikettierung als »letzter Rock ’n’ Roller« nicht auch ein Stück Selbstheroisierung, der wir in Verklärung der Vergangenheit gerne auf den Leim gehen?
Besorgniserregend ist heute allenfalls die Tatsache, dass die besonders Begabten die Politik meiden und es vorziehen, auf anderen Gebieten Karriere zu machen. Bezeichnenderweise klagen selbst die beiden auffallendsten und beliebtesten Minister der Bundesregierung, Ursula von der Leyen und Karl-Theodor zu Guttenberg, im kleinen Kreis darüber, welche Überwindung sie der Alltag in dieser zerstrittenen Koalition zurzeit kostet. Und das, obwohl sie durch die Beispiele in der eigenen Familie auf einiges vorbereitet gewesen sein dürften.
Das allein müsste der Kanzlerin und ihren Mitstreitern Anlass genug sein, endlich bürgerliche Solidität in der bürgerlichen Koalition walten zu lassen. Auf dem Spiel steht das ohnehin belastete Verhältnis zwischen Politikern und Bürgern, das nach den Rücktritten von Roland Koch und Horst Köhler noch schwieriger geworden ist. Aber die Regierung Merkel/Westerwelle gibt nicht zu erkennen, dass sie dies als Problem erkannt hätte. Deswegen und nur deswegen trifft es Christian Wulff in diesen Wochen vor der Wahl des Bundespräsidenten so hart, der die Kritik ansonsten nicht verdient hat. Es ist das Unbehagen an einem politischen Betrieb, der sich bei der Wahl des Kandidaten weniger von der Wirkung bei den Bürgern leiten lässt als von kleinlicher Opportunität nach innen.
- Datum 26.06.2010 - 12:51 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 24.06.2010 Nr. 26
- Kommentare 97
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Nein, dann gewinnt auch die falsche Partei, aber das nächste Mal wähle ich "Die PARTEI", basta!
Sehr geehrter Herr di Lorenzo, Ihrem Ruf nach Respekt für Politiker stimme ich zu. Vor allem freue ich mich über Ihren kritischen Vergleich mit den Zeitgenossen in der Wirtschaft und – hört, hört! – in den Medien. Was mich stört, ist die Unterzeile: »Wer heute die Politik scharf kritisiert, hat Recht.« Wie kann man eigentlich in einer Demokratie »die Politik« kritisieren? In einer Demokratie sollten die Bürgerinnen und Bürger vor allem Politik machen. Schlechte Politik bekämpft man, indem man eine bessere dagegensetzt. Auch wer die Politik der Regierung öffentlich kritisiert, macht in diesem Moment Politik. Das ist der eigentliche Sinn des Wortes Politik, der durch Ihren Sprachgebrauch verloren zu gehen droht. Sie meinen mit Politik die »amtierenden Politiker«. Selbst wenn ich diesen Gedankensprung mitmache, stoße ich auf das nächste Problem: Es gibt meines Erachtens (immer noch) gute und schlechte Politiker. Warum sollte ich die in den gleichen Topf werfen? Liegt die Gefahr für die Demokratie nicht gerade in solchem Pauschalisieren?
Wohl wahr, wohl wahr! Politik faengt mit der kleinen Nachbarschaftsinitiative an und reicht bis zum Bundestag.
Wohl wahr, wohl wahr! Politik faengt mit der kleinen Nachbarschaftsinitiative an und reicht bis zum Bundestag.
Sehr geehrter Herr di Lorenzo,
Ihren Artikel fand ich auch sehr gut. Die Schlußfolgerung, daß "Das Bild der Parteien - ein Abbild der Gesellschaft" sein soll, halte ich für einen Trugschluss und steht auch im Widerspruch zu dem, was sie vorher schrieben.
In Baden- Württemberg war vorletzte Woche Abschlussprüfung der Berufsschulen in Gemeinschaftskunde. Sie mussten diese Karrikatur beschreiben und die Botschaft erklären.
http://www.bpb.de/cache/i...
Die Nichtwählerpartei ist das Abbild der Gesellschaft!!!!!
Wenn nur noch (oder wie immer) korrumpierbares Mittelmaß in die Politik geht, das dem Lobbyismus der besten Drückerkolonnen nichts mehr entgegenzusetzen hat, dann muß das Volk es eben selbst machen: "Parlamentarische Demokratie" ist keine Demokratie, sondern Diktatur der Repräsentanten. Es wird höchste Zeit, wenigstens so viel Demokratie wie in der Schweiz einzuführen.
Ich streiche daher ein Wort im Schlußplädoyer:
"Und trotzdem müssten Bürger, Wirtschaft, Kirchen und Medien ein gemeinsames Ziel verfolgen: die (...) Demokratie zu stärken. Denn ohne sie ist alles andere auch nichts."
Lieber Azenion,
Stimmiger Kommentar, sehr nachvollziehbar.
Können Sie mir vielleicht in 5 kurzen Kernsätzen erläutern, was für Sie die wichtigsten Punkte des Artikel sind.
Würde mich sehr interessieren.
Lieber Azenion,
Stimmiger Kommentar, sehr nachvollziehbar.
Können Sie mir vielleicht in 5 kurzen Kernsätzen erläutern, was für Sie die wichtigsten Punkte des Artikel sind.
Würde mich sehr interessieren.
Wirklichkeit ist jenes, dass wirkt. Also gibt die Frage nach dem WIE eine Antwort darauf, wie die Wirklichkeit ist.
Ist die Wirkung so, dass Menschen aus ihren Systemen gedrängt werden, dann sind die Handlungen falsch. Unabhängig davon, ob es sich um die Familie, Schule, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Arbeit handelt, unser falsches Denken führt zu falschem Handeln und erzeugt somit die falsche Wirkung der Ausgrenzung. Dass wir dies seit Jahrzehnten nicht erkennen, zeugt davon, dass wir Handelnden unsere Ver(antwort)ung nicht übernehmen und damit auch nicht lernfähig sind, und nicht freiheitsfähig.
Ein gefährlicher Zustand für die Demokratie.
einer schlechten Nachricht köpfen zu lassen.
Die schlechte Nachricht sind die Fakten über die Verwahrlosung "unserer" Politiker. Der Bote, das sind die Bürger, die sich immer lauter über diese Verwahrlosung aufregen.
Wie sagen Parteistrategen des Öfteren: "Wir müssen unsere Inhalte besser vertreten!" oder so ähnlich.
Nein! Alle Parteien müssen ihre Politik ändern! Alle Politiker, die Politik nur betreiben um ihres persönlichen Vorteils wegen sind aus ihrem Amt zu entfernen!
Die Behauptung, die Parteien seien ein Abbild der Gesellschaft, mag z.T. stimmen, zieht jedoch nicht.
Von jemandem, der einen Eid auf unsere Verfassung geleistet hat und der teilweise lebenslange deftige Privilegien genießt, erwarte ich, dass er ehrlicher, sozialer, kompetenter, integerer, idealistischer ist als der Durchschnitt der Bevölkerung, und nicht noch asozialer und verotteter.
Ich habe auch nicht Respekt vor einem AMT, sondern vor einem MENSCHEN, falls er sich diesen Respekt verdient, durch seine Taten.
Ich mache auch nicht "die Politik" verächtlich, sondern ich verachte bestimmte Politiker, wegen ihrer Taten bzw. Untaten.
Den Versuch des Autors, den Politikern eine Absolution zu erteilen, lehne ich ab. Soll er erst mal an die Politiker schreiben, dass sie endlich anfangen, das zu tun, wofür sie bezahlt werden. Auch wenn sie dafür vielleicht nicht wiedergewählt würden.
Dann könnten sie aber möglicherweise das zurück gewinnen, das sie schon unzählige Male verkauft haben: ihre Selbstachtung.
aber was bleibt einem anderes übrig, nachdem die Finanzkrise und die hektische Untätigkeit der Regierungen im Allgemeinen bzw. Merkel im Speziellen gezeigt hat, dass die Politik schon lange nichts mehr zu sagen hat?
die in einer Demokratie idealerweise von ein und derselben Person verkörpert wird, könnte die demokratische Grundregel sein. Das Demos hat die Freiheit, bestimmte politische Entscheidungen mitzuprägen, die auch wieder idealerweise dem Zusammenhalt der Geselschaft zuträglich sind. So oder so ähnlich könnte man Demokratie definieren, wenn man ganz weit zurückgeht in der Geschichte. Die moderne Demokratie ist aber nicht mehr so einfach zu definieren, weil sie zu einem Begriff für sehr vielschichtige und sich zum Teil wiedersprechende Konzeptionen geworden ist, die vom Liberalismus, der Marktwirtschaft, Konservatismus und Institutionalismus geprägt sind. Di Lorenzos Gedanken weisen auf etwas hin, was vermutlich die Journalisten viel besser verstehen als die Sozial- und Politikwissenschaftler. Letztere hätten die Aufgabe, die Mechanismen der modernen Demokratie zu reflektieren nicht nur in ihrem institutionellen Perfektionismus, sondern im historischen Zusammenhang politischen Handelns. Wer sollte aus welchen Gründen wie auf die Stabilisierung der parlamentarischen Demokratie Einfluss nehmen, wer sollte gestalten, wenn den Parteien diese Fähigkeit abgesprochen wird? Diese Sicht auf schwächelnde Parteien ist für sich selbst genommen genauso einseitig und naiv, wie ein Schweizer Modell zu fordern. Welchen institutionellen Anreizen sind professionelle Politiker denn ausgesetzt, wonach handeln sie, wie bilden sie ihr politisches Urteil? Haben sie überhaupt Gewalt über unsere Zukunft?
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren